Genf
Misshandelte Kinder, Festnahmen und eine Staatsrätin unter Beschuss: Das müssen Sie zum Skandal im Heim Mancy wissen

In Genf sorgen derzeit gravierende Missstände in einem Heim für autistische Kinder und Jugendliche für Empörung. Was vorgefallen ist – und wie es nun weiter geht im Dossier «Mancy».

Julian Spörri, Lausanne
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Die Missstände im Kinder- und Jugendheim Mancy in Genf beschäftigen die Justiz und die Politik gleichermassen.

Die Missstände im Kinder- und Jugendheim Mancy in Genf beschäftigen die Justiz und die Politik gleichermassen.

Bild: Martial Trezzini/Keystone (Collonge-Bellerive, 9. Februar 2022)

Medienberichte brachten in letzter Zeit immer mehr Details über die schockierenden Zustände in einem Genfer Heim für autistische Kinder und Jugendliche ans Licht. Diese Woche erreichte der Fall eine neue Eskalationsstufe: Die Polizei führte eine Hausdurchsuchung durch und nahm drei Personen vorübergehend fest. Das sind die drängendsten Fragen und Antworten.

Worum geht es bei den Missständen?

Gemäss mehreren Recherchen der Tageszeitung «Le Temps» und des Onlineportals «Heidi.news» haben die Mitarbeitenden des Heims Mancy die Bewohnenden wiederholt schikaniert und mit Gewalt behandelt. So seien Kinder und Jugendliche stundenlang in ihren Zimmern eingesperrt, in ihren Exkrementen zurückgelassen und an ihren Kleidern von einem Raum in den anderen geschleppt worden. Zudem habe das Personal mehreren Bewohnenden das Essen vorenthalten.

Wieso kam es zu drei Festnahmen?

Die Hausdurchsuchung und die Festnahmen stehen im Zusammenhang mit einem Vorfall aus dem März des letzten Jahres. Damals soll einer Bewohnerin eine Überdosis mit einem Medikament verabreicht worden sein, sodass die 13-Jährige hospitalisiert werden musste. Den drei Heimmitarbeitern wird vorgeworfen, die Gesundheit oder gar das Leben einer Bewohnerin in Gefahr gebracht zu haben, wie die Genfer Staatsanwaltschaft mitteilte. Für die Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.

Wer steht in der Verantwortung?

Die Genfer Staatsrätin Anne Emery-Torracinta weist die Kritik ihr gegenüber zurück.

Die Genfer Staatsrätin Anne Emery-Torracinta weist die Kritik ihr gegenüber zurück.

Bild: Keystone

Dies ist Gegenstand von Untersuchungen. Letzte Woche hat diesbezüglich eine Subkommission des Genfer Parlaments ihre Arbeit aufgenommen. Derweil finden auf der Politbühne bereits Schuldzuweisungen statt. Unter Beschuss steht dabei die kantonale Bildungsvorsteherin Anne Emery-Torracinta (SP). Die Genfer FDP wirft ihr vor, nicht richtig auf die Situation reagiert zu haben, weil sie die betroffenen Angestellten nach Bekanntwerden der Vorwürfe nicht unverzüglich suspendiert habe. Die Partei fordert deshalb, dass das Dossier «Mancy» der Staatsrätin entzogen und einem anderen Departement zugeteilt wird.

Was sagt die Staatsrätin zu den Vorwürfen?

Bildungsvorsteherin Anne Emery-Torracinta hat die Kritik gegenüber dem Westschweizer Fernsehen RTS zurückgewiesen. Sie finde es «absolut unwürdig», das Leid von Familien und Kindern für politische Zwecke auszunutzen, sagte sie im Interview. Ihr Departement habe im letzten Frühling sofort reagiert, als die Missstände bekannt worden seien, und drei Tage nach dem Vorfall des hospitalisierten Mädchens eine Strafanzeige eingereicht. Ausserdem wurde eine externe Untersuchung eingeleitet, deren Ergebnisse Ende Februar erwartet werden.

Wie reagiert der Branchenverband?

«Es löst immer Bestürzung aus, wenn zu betreuende Personen misshandelt werden», sagt Youvita-Geschäftsführerin Cornelia Rumo Wettstein. Zum konkreten Fall könne sich der Branchenverband der Schweizer Kinder- und Jugendheime jedoch nicht äussern: «Es ist Sache der Behörden in Genf, eine lückenlose Aufarbeitung der Vorkommnisse zu machen.» Rumo Wettstein betont, dass die Heime in der Schweiz einen hohen Standard und gut ausgebildetes Personal hätten. «Einzelfälle, in denen nicht professionell gearbeitet wird, lassen sich dennoch nie ganz ausschliessen», so die Youvita-Geschäftsführerin. «Die beste Gewähr, dass es zu keinen Misshandlungen kommt, ist eine genügende Ausstattung mit gut ausgebildetem Personal.» Ausserdem sei die Präventionsarbeit wichtig. Youvita bekennt sich zur «Charta Prävention», die sexuelle Ausbeutung, Missbrauch und andere Grenzverletzungen verhindern soll. Sie verlangt in Heimen unter anderem den Aufbau von internen Meldestellen.