Es gibt dieses eine Gerät, das über magische Kräfte verfügt. Das Kinderaugen unweigerlich anzieht, sie bannt und Tränen kullern lässt, wenn sie sich davon lösen müssen. Es ist das Gerät, das Zugfahrten ohne hochrutschende Augenbrauen der Sitznachbarn möglich macht oder ein Gespräch im Café gestattet: das Smartphone.

Müssten Kinder auf ihre Lieblingsmedien verzichten, würden sie die Handys als Letztes aus den Händen geben. Das zeigt die gestern erschienene MIKE-Studie. MIKE steht für Medien, Interaktion, Kinder und Eltern. Die Studie hat zum zweiten Mal das Mediennutzungsverhalten von 6- bis 13-Jährigen in der Schweiz untersucht. Dabei haben Forscher der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) das Augenmerk auf den Umgang mit den Smartphones gelegt.

Vier von fünf Dreizehnjährigen haben ein Handy

Vier von fünf Dreizehnjährigen haben ein Handy

Das Wichtigste aus der aktuellen «MIKE»-Studie im Video.

Es zeigt sich: Jeder vierte Erst- und Zweitklässler gibt an, ein Gerät zu besitzen. Gegen Ende der Primarschule nennen bereits vier von fünf Kindern ein eigenes Handy. Anders beurteilen das ihre Eltern: Geben insgesamt 48 Prozent aller befragten Primarschüler an, ein solches Gerät zu besitzen, bejahten dies lediglich 26 Prozent der Eltern. Ein Unterschied, der markant ist.

Studienautorin Lilian Suter führt die Differenz auf die «soziale Erwünschtheit» zurück. Eltern wollen gut dastehen und geben eher an, dass ihr Kind kein eigenes Handy besitzt. «Dieses sieht hingegen das Familienhandy als Eigentum an, das es lediglich mitbenutzt», sagt Suter.

Rund 25 Prozent der Primarschüler spielt Games auf dem Handy

Doch wofür nutzen sie es? Diese Frage stellten die Autoren der MIKE-Studie mehr als 1000 Kindern in der Schweiz. Rund ein Viertel dieser Primarschüler gab an, täglich Games auf dem Handy zu spielen, Videos im Internet zu schauen, Musik zu hören oder Nachrichten zu tippen. Dabei zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Altersgruppen: Je älter die Primarschüler sind, umso häufiger halten sie ein Smartphone in der Hand.

Auch der Verwendungszweck verändere sich mit zunehmendem Alter, sagt Suter: «Bei Kindern steht die Unterhaltung im Zentrum – sie gamen oder gucken Videos. Jugendliche setzen ihr Handy hingegen stärker als Kommunikationsmittel ein.» Suter verweist darauf, dass mit 99 Prozent fast jede Schülerin und jeder Schüler in der Oberstufe ein Gerät besitzt. Wer keines hat, ist oft nicht nur von Whatsapp-Gruppen ausgeschlossen.

Kinder und Smartphones – die Frage nach dem richtigen Alter

Diese Frage wird daher an den meisten Küchentischen verhandelt: Wann ist das Kind alt genug für das erste eigene Smartphone? Studienautorin Suter empfiehlt den Eltern, sich nicht vor dem neunten Geburtstag des Sprösslings weichklopfen zu lassen. «Das allgemeingültige Alter gibt es nicht. Aber eine gewisse Lesekompetenz sollte vorhanden sein», sagt Suter.

Ähnlich sieht dies Philippe Wampfler, Lehrer und Experte für neue Medien. Ende Primarschule sei es «sinnvoll», den Kindern ein eigenes Handy zu erlauben. Allerdings brauche es eine enge Begleitung. «Eltern dürfen sich keine Illusion machen: Mit diesem Gerät hat das Kind Zugang zum Internet und somit auch zu sämtlichen Inhalten», sagt Wampfler. Zudem würden Anbieter etwa von Games intensiv um die Aufmerksamkeit der Kinder buhlen. Sie sollen so viel Zeit und so rasch wie möglich auf die Plattformen zurückgelockt werden.

Nach wie vor spielen die Kinder am liebsten draussen

Allerdings zeigt die MIKE-Studie, dass die Primarschüler trotz ihres regen Handykonsums ihre Freizeit nicht bevorzugt vor dem Display verbringen. Im Gegenteil. Obwohl das digitale Zeitalter die Kinderzimmer längst erreicht hat: Am liebsten spielen sie im herkömmlichen Sinn oder machen Sport. Erst an vierter Stelle – nach der gemeinsamen Zeit mit Freunden – schafft es das Gamen in die Freizeit-Hitparade der Primarschüler.

Damit gebe es keinen Grund für Alarmismus gegenüber der Mediennutzung von Kindern, sagt Bernhard Bürki von Pro Juventute. «Auch wenn Kinder Smartphones nutzen, geht das nicht auf Kosten der klassischen Aktivitäten wie Spielen oder Sport machen», sagt er. Besorgniserregend sei hingegen, dass jedes dritte Kind mit eigenem Handy dieses «mindestens einmal pro Woche nutzt, wenn es schlafen sollte». Auch das ergab die MIKE-Studie. Bürki rät, das Kinderzimmer nachts zur handyfreien Zone zu erklären.

Nicht nur bei der Handynutzung zu Schlafzeiten zeigen sich Unterschiede zwischen Schweizer Kindern und jenen mit einem ausländischen Hintergrund. Deutlich häufiger steht bei Letzteren ein Fernseher im Kinderzimmer: nämlich bei jedem fünften. In Schweizer Familien kann eines von 20 Kindern im Bett durch TV-Sendungen zappen.

Mediennutzung ist eine kulturelle Frage

Darüber hinaus zeigt die MIKE-Studie auf, dass ausländische Kinder weniger Regeln zur Nutzung von Smartphone und Tablet erhalten: Sowohl was die Zeit als auch den Inhalt betrifft. Ob und in welchem Umfang Mediennutzung als schädlich gelte, sei eine kulturelle Frage, sagt Philippe Wampfler. «In den USA etwa ist es weit verbreitet, dass der Fernseher beim Abendessen läuft. In Schweizer Haushalten ist dies hingegen verpönt.»

Er gibt zu bedenken: «Drücken Eltern ihren Kleinkindern das Smartphone in die Hände, gehen sie davon aus, ihren Kindern etwas Gutes zu tun.» Er plädiert dafür, dass bereits im Kindergarten Eltern über die Risiken eines unkontrollierten Handygebrauchs aufgeklärt werden. Denn die Generation Smartphone beginnt schon im Kleinkindalter.