Nachgefragt

Gemeindepräsident: «Viele hörten von Bondo und haben Gondo verstanden»

Bondo

Bondo

Im Jahr 2000 wurde das Walliser Dorf getroffen. Der Gemeindepräsident leidet mit Bondo mit.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie vom Unglück in Bondo hörten?

Roland Squaratti: Beim Durchlesen der Online-Berichte dachte ich, das klingt wie Gondo. Und am Mittwochnachmittag riefen mich tatsächlich die ersten Menschen aus dem Dorf
an und fragten mich erschrocken: «Müssen wir da weg?» Sie hörten vom Bergsturz und
der Evakuierung in Bondo im Radio. Viele haben Gondo verstanden statt Bondo. Ich stellte den Irrtum dann sofort klar.

Wie reagierten die besorgten Menschen?

Erleichtert, natürlich, dass es diesmal nicht uns getroffen hat. Trotzdem wühlen die Bilder natürlich auf. Wir sind bestürzt und fühlen mit der betroffenen Bevölkerung in Bondo mit.

Gondo wurde am 14. Oktober 2000 schlimm getroffen. 13 Menschen starben, darunter zwei Ihrer Brüder. Reisst der Bergsturz von Bondo
bei Ihnen alte Wunden auf?

Die Trauerarbeit ist nach 17 Jahren eher abgeschlossen. Aber klar: Die Bilder von damals kamen wieder hoch. Meine Brüder waren nach der Katastrophe ja nicht einmal mehr zu finden.

Was sind das für Bilder?

Es sind Bilder dieser reissenden Wasser- und Schlammflut. In Gondo war die Kraft viel explosionsartiger als nun in Bondo, wo sich die Murgänge zähflüssiger zu Tal wälzten. Ausgelöst wurde die Katastrophe von Gondo ja auch von etwas anderem als einen Bergsturz. Es hatte damals sehr stark geregnet und ein Hang war in Bewegung geraten. Da war so viel Wasser, dass eine Steinschlagschutzmauer unterspült wurde. Die Betonelemente sind regelrecht aus ihrer Verankerung im Erdreich herauskatapultiert worden. Ich sehe immer noch vor mir, wie sie mit unglaublicher Wucht alles abrasierten, was ihnen in den Weg kam. Die
ETH berechnete später eine Geschwindigkeit von 80 km/h, mit der die Schlammlawine und mit ihr die Betonelemente durchs Dorf schossen.

Können Sie dem Unglück
im Nachhinein auch etwas Gutes abgewinnen?

In Sachen Naturgefahren haben wir enorm vorwärtsgemacht. In der Zwischenzeit hatten wir mehrfach dieselben Wassermengen wie damals. Probleme gab es dank der verbauten Entwässerungsdränagen im Problemhang jedoch nie wieder. Der Wiederaufbau hat den Dorfkern zudem nachhaltig geprägt. Zum Besseren, denn nun haben wir einen schönen Dorfplatz mit Kopfsteinpflaster. Das Dorf und das aufwendig renovierte Hotel Stockalperturm sind nun sogar ein Anziehungspunkt für Touristen.

Schlamm und Geröll schieben sich beim Bündner Bergdorf Bondo durchs Tal (23. August 2017)

Schlamm und Geröll schieben sich beim Bündner Bergdorf Bondo durchs Tal (23. August 2017)

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