Max Rütti (79) hat ein schlechtes Gefühl im Bauch. «Ich glaube nicht, dass dieses Jahr ein Höhenfeuer auf der Holzfluh brennt», sagt er. Ausgerechnet im Jubiläumsjahr sollen am Nationalfeiertag keine Flammen auf dem Felsen oberhalb von Balsthal SO lodern. Seit 80 Jahren kümmert sich der Holzfluh-Verein um die Feier. Doch dieses Jahr ist der Wald um den Aussichtpunkt auf 734 Metern über Meer zu trocken, die Bäume könnten Feuer fangen.

Max Rütti ist seit 41 Jahren Vereinspräsident. Er erinnert sich, wie es auf der Holzfluh einst tagelang brannte. Damals in den 50er-Jahren war er noch Kind und sein Vater für das Feuer zuständig. «Wenn dort oben etwas passiert, brennt der ganze Wald», sagt Rütti. Er möchte darum nichts riskieren. Es sei wohl besser, das Feuer dieses Jahr abzusagen, Jubiläum hin oder her. Definitiv entscheiden will der Verein am Montag, also mehr als eine Woche vor der Feier. Denn das Feuerholz muss mit einer provisorischen Seilbahn hochgeschafft werden. Und wenn es einmal oben ist, könnten Lausbuben es anzünden. Es wäre nicht das erste Mal.
Andere Veranstalter warten mit der Entscheidung noch zu. So etwa Peter Dittli, der das Höhenfeuer auf dem Schwarzgrat im Kanton Uri auf rund 2000 Metern organisiert. Das Holz befinde sich ohnehin schon oben.

Es ist trocken wie kaum jemals

Wie Dittli warten Veranstalter in der ganzen Schweiz gespannt auf die Weisungen der kantonalen Behörden. Sie haben es in der Hand, ob die Höhenfeuer am 1. August angezündet werden dürfen. Im Wallis, im Tessin und in einigen Regionen Graubündens gelten bereits Feuerverbote.

Auf der Alpennordseite ist die Waldbrandgefahr erheblich. Feuer sollte also nur noch an offiziellen Feuerstellen und mit grosser Vorsicht entfacht werden (siehe Infobox). Mitte der nächsten Woche wird die Situation im Hinblick auf den 1. August vielerorts noch einmal beurteilt. «Grundsätzlich sind Verbote denkbar oder Auflagen. Zum Beispiel, dass die Feuer nur mit genügend Abstand zum Wald angezündet werden dürfen, erklärt Holger Stockhaus. Er ist Waldschutzbeauftragter beider Basel.

Während es beim 1. August ums Festen oder allenfalls um patriotische Gefühle geht, bangen die Bauern um ihre Ernte. Der Kanton Thurgau hat es ihnen verboten Wasser, aus Flüssen zu entnehmen. Verbote für einzelne Bäche ergingen auch im Aargau. Nun bangen die Landwirte um ihren Mais. Zu schaffen macht die Trockenheit auch den Fischen. Ausgetrocknete Bachbette werden zur Falle oder es mangelt an Sauerstoff im Wasser. An verschiedenen Orten wurden bereits Fische eingefangen, um sie in tieferen Gewässern wieder auszusetzen.

Grund für die tiefen Pegelstände und die Waldbrandgefahr ist die anhaltende Trockenheit. Seit April regnete es in der Nord- und Ostschweiz so wenig wie in kaum einem Jahr seit Messbeginn im Jahr 1864, sagt Thomas Schlegel, Klimaforscher beim Bund. Am Alpennordhang, in der Ostschweiz und in Nord- und Mittelbünden fielen nur vierzig bis sechzig Prozent des sonst üblichen Regens. Aufgrund von lokalen Gewittern gibt es regionale Unterschiede. Der Regen, der während der Gewitter fällt, verdunstet aber wegen der hohen Temperaturen aber sehr schnell wieder.

Hitzerekord und Gelassenheit

Es ist nicht nur trocken, sondern auch heisser als sonst. Die Spitzentemperaturen sind zwar etwas tiefer als im Rekordsommer 2003, als die Thermometer regelmässig über die 30-Grad-Marke kletterten. Trotzdem dürfte die Hitze von April bis Juli in den Regionen Mittelland und Zürich als Rekorde in die Jahrbücher eingehen, sagt Schlegel. Obwohl für das Wochenende Wolken und Regen angesagt sind, ist keine Entspannung in Sicht. «Der Regen reicht nicht, um die allgemeine Trockenheit zu beenden», sagt Meteorologe Daniel Gerstgrasser. Auch für die Feiern am 1. August kann er keine Entwarnung geben. «Es ist noch etwas zu früh, um das Wetter am Nationalfeiertag selbst vorherzusagen. Bis zum 27. Juli wird es aber keinen Wetterumschwung geben. Es bleibt heiss und trocken.» Die Situation wird zudem verschärft durch die Bise. Der Wind trocknet Wiesen und Wälder weiter aus. Und entgegen seinem Ruf bringt die Bise keine kalte, sondern warme Luft aus dem Nordosten mit sich.

Max Rütti aus Balsthal bleibt trotz schlechter Aussichten für sein Höhenfeuer gelassen. Das Fest finde auch ohne Höhenfeuer statt. Das lässt er sich auch nicht von einem schlechten Bauchgefühl verderben.