Albinen VS
Geld für den Zuzug – der Geldsegen ist aber kein Freipass: «Ihr spinnt doch alle»

Mit einem monetären Zückerchen will das Walliser Berggemeinde Albinen junge Familien ins Dorf locken. Gemeindepräsident Jost schlug an der Urversammlung dramatische Töne an.

Jonas Schmid
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KEYSTONE

Endlich kann er Frust ablassen: «Ihr spinnt doch alle», tadelt Beat Jost die gut zwanzig aufmarschierten Journalisten im Feuerwehrdepot. Der Albiner Gemeindepräsident zupft sich am Schnauz und fuchtelt herum. Dann murmelt er «absurde Geschichte» und stampft davon. Was bringt den Mann, den Einwohner als «zupackend» «charismatisch» und «sachorientiert» charakterisieren, so aus der Fassung?

Grund dafür ist die Wohnbauförderung, die überraschend einen weltweiten Hype ausgelöst hat. Jetzt, kurz vor der Abstimmung, fürchtet der oberste Albiner, die Bürger könnten ihm die Gefolgschaft verweigern – aus Angst, von Fremden überrollt zu werden. Die Gegner hätten sich keine bessere Kampagne ausdenken können, schimpft er – und unterschlägt geflissentlich, dass die Gemeinde einen einmaligen PR-Coup gelandet hat. «Albinen ist jetzt bekannter als Zermatt», munkelt man im Dorf.

Albinen, 1300 Meter über Meer, ist ruhig, sonnig und punktet mit einer fantastischen Aussicht. Doch wie andere Randgebiete auch kämpft die Gemeinde gegen die Abwanderung. Eine Gruppe junger Bewohner fordert in einer Initiative, dass Einzelpersonen 25'000 und junge Paare 50'000 Franken von der Gemeinde erhalten, wenn sie im Dorf ein Haus (um-)bauen oder kaufen wollen. Für jedes Kind gäbe es 10'000 Franken obendrein.

Der Geldsegen ist aber kein Freipass, sondern an strenge Bedingungen geknüpft: Es müssen mindestens 200'000 Franken investiert werden, wer vor Ablauf von zehn Jahren nach Baubeginn wieder wegzieht, muss das Geld zurückzahlen und Ausländer benötigen die Niederlassungsbewilligung C. Nachdem im August einzelne Medien über den unkonventionellen Schritt der Gemeinde berichteten, bot das Thema der Gratiszeitung «20 Minuten» vor zwei Wochen Stoff für eine (zu) schöne Weihnachtsgeschichte: «Würden Sie für 70'000 Franken hierhin ziehen?» titelte das Blatt über einem Bild des idyllischen Weilers. Die hohen Hürden für den Geldbezug wurden lediglich am Rande vermerkt. Dankbar griffen Online-Plattformen rund um den Globus die Meldung auf und lieferten Schlagzeilen wie: «Dieses Schweizer Dorf schenkt dir 70'000 Franken, wenn du dorthin ziehst. Pack deine Sachen!»

Das Echo liess nicht lange auf sich warten: Tausende Anfragen aus allen Kontinenten prasselten auf Albinen nieder: «We bring life to the village and help to improve our little Albinen as much as we could», schrieben etwa Alexey und Ann, ein junges Paar aus der russischen Provinz, und schickten gleich noch ihre Hochzeitsbilder. Das Lachen verging den Verantwortlichen zu dem Zeitpunkt, als Italiener mit vollgepackten Koffern im Dorfladen standen und sich erkundigten, wo sie das Geld abholen können.

Darum gehts

Dabei geht es um Menschen wie sie: Amina Clénin stapft mit Hündin Kira durch den Schnee. Die Berner Seeländerin wohnt erst seit sechs Wochen im Dorf – der Liebe wegen. Ihr Freund Severin Hermann ist hier verwurzelt. Kennen gelernt hat sich das Paar während des Studiums in Wädenswil. Die Umweltingenieure sind die einzigen Jungen, die noch im historischen Dorfkern wohnen – und da auch ihre Zukunft planen: «Ich kann mir gut vorstellen, hier eine Familie zu gründen», sagt sie.

Albinen ist der Prototyp eines Walliser Dorfes. Die urchigen, teilweise über 500-jährigen Holzhäuser stehen eng aneinandergeschmiegt am Hang. Am liebsten würde sie eines der Häuser innen aushöhlen und umbauen. Macht die 26-Jährige ihre Bleibe von der Wohnbauförderung abhängig? «Nein, ich werde so oder so hierbleiben», meint sie.

Der Zustupf aus der Gemeindekasse helfe aber, etwas aufzubauen. Freund Hermann vertreibt zusammen mit einem Geschäftspartner Heilkräuter und organisiert Wanderungen in der prächtigen Natur. Clénin ist auf der Suche nach einer Festanstellung. Ein schwieriges Unterfangen, denn Jobs für Gutqualifizierte sind in den Seitentälern des Wallis rar. Am liebsten würde sie für den Naturpark Pfyn- Finges arbeiten, sagt sie und hält sich bis auf weiteres mit Einzelaufträgen über Wasser.

Etwas tun

Junge Dorfbewohner stehen am Scheideweg. Bleiben oder Wegziehen ins Tal? Dort, wo es Arbeit hat, Schulen, Einkaufsmöglichkeiten, einen ausgebauten öV und mehr Kultur? Allein in den letzten Jahren sind drei junge Familien aus dem 240-Seelen-Dorf weggezogen. Zurück bleiben die Alten. Im nächsten Jahr ist schon die Hälfte der Albiner im Rentenalter. Ein Alarmzeichen. Mit den Jungen geht auch die Grundversorgung bergab. Die Schule ist schon lange zu, auch die Poststelle hat nicht überlebt.

So wurde abgestimmt Ein Bürger von Albinen mit seinem Wahlzettel.

So wurde abgestimmt Ein Bürger von Albinen mit seinem Wahlzettel.

Keystone

Viele Liegenschaften stehen seit Jahren zum Verkauf. «Wir liegen auf dem Sterbebett», warnt Jost. Noch sei es nicht zu spät: «Ein Dutzend Junge ist hier verwurzelt, sie wollen bleiben.» Um ihnen das zu ermöglichen, müsse die Gemeinde in die Tasche greifen. Mit der Massnahme erhofft sich die Gemeinde eine Frischzellenkur von fünf bis zehn neuen Familien. Im besten Fall würde das heissen, dass die Schule wieder aufgeht.

Konzentrationsprozesse, in deren Folge die Jungen in die regionalen Zentren abwandern, fänden im Alpenraum überall statt, sagt Thomas Egger, Oberwalliser Nationalrat der CSP und Direktor der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete. Er begrüsst Albinens Stossrichtung: «Die Gemeinden müssen etwas tun». In der Not zeigen sich diese erfinderisch:

  • Safiental (GR) schenkt seinen Jugendlichen ein Generalabonnement für den öV innerhalb der Talschaft.
  • Ausserbinn suchte Neuzuzüger per Zeitungsannonce oder ...
  • Inden gewährt Rabatte für den Einkauf im Dorfladen.

Vom Bund zeigt sich Egger enttäuscht: «Er foutiert sich um diese Bergdörfer». Das Beispiel Albinen zeige deutlich, dass die Regionalpolitik zu kurz greife. Das Konstrukt ist zu schwerfällig, um auf neue Herausforderungen zu reagieren, kritisiert er und fordert eine Reform.

Übrigens wurde das Ganze an der Urversammlung dann doch nicht ganz so heiss gegessen wie gekocht: Die Albiner sagten nach einer sachlichen Debatte deutlich Ja zu dem Geschäft, das im Vorfeld für so grosse Furore gesorgt hatte. Die Jungen frohlockten, Gemeindepräsident Jost atmete auf und trat auf einmal breitwillig vor die Kameras. Er war mit sich und der Welt wieder im Reinen.

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