Was wollen wir? Freien Geist oder freien Fels? Darauf läuft es hinaus. Idee oder Mythos. Welches ist die tiefere, die bessere Kraft? So lautett die Kernfrage beim Justieren des Verhältnisses zwischen der Schweiz und der EU. Mehr Austausch oder ein Limes gegen die Barbaren und alle Tore dicht? Ein Dauerzwiespalt, nicht bloss hierzulande; europaweit geht der Impuls eher Richtung Tore dicht.

Der Austausch Schweiz – EU scheint vermurkst. Zumindest hängen die Schienen dafür durch, wie gerade im deutschen Rastatt, worunter das Schweizer Transportgewerbe ächzt. Ein Hinweis für Adolf Muschg auf die Symbolik des Ganzen, vorgebracht an der Saisoneröffnung des Literaturhauses Lenzburg zum Thema «Welches Europa wollen wir?»

Gleichzeitig erschien von Peter von Matt, dem anderen Säulen-Germanisten hierzulande, eine Rede zu Europa «als Raum der Inspiration». Drittens – ebenfalls diese Woche – setzte Christoph Blocher wieder Segel. Er dankte in einem «Gastkommentar» der NZZ, «die längst notwendige Debatte über das Verhältnis der Schweiz zur EU» wieder aufgegriffen zu haben.

Nicht warten, jetzt aufrüsten

Auf welchen neuerlichen Kampf gegen alle EU-Windmühlen er sich rüste, macht Christoph Blocher klar: «Das von mir präsidierte ‹Komitee gegen den schleichenden EU-Beitritt› bereitet sich für den Abstimmungskampf gegen den verhängnisvollen Rahmenvertrag vor.» Dabei müsse auf Vertragsdetails gar nicht gewartet werden. In anderen Worten: Noch ehe eine Schwelle überschritten ist, muss bereits davor gewarnt werden, an besagter Schwelle zu stolpern oder gar auf die Nase zu fallen.

Ewige Altherrenprosa

Ist das nicht längst gequirlter Quark? Die ewig gleiche Pirouette eines Missionars, der am Ende eine grössere Wahrhaftigkeit bewiese als alle Spötter um ihn herum? Melden sich dazu die üblichen Vertreter des hohen Geistes, Professor Muschg (Jahrgang 1934) und Professor von Matt (Jahrgang 1937), dann könnte man den Eindruck gewinnen, einer endlosen, ideologisch-politischen Altherren-Leier beizuwohnen.

Wer beim Thema Schweiz – EU aber gähnt, ein Gähnen auch nur mimt, der verkennt, wie viel Dunkelheit mitschwingt, halb Gefühltes, das der Klärung bedarf.

Beim Thema geht es um ein Dilemma, das in irgendeiner Weise jeder in sich trägt, aber selten jemand als Dilemma anerkennt: das Dilemma zwischen der Inspiration durch eine Idee oder durch den Mythos. Abgesehen davon, dass man dabei Erstaunliches lernt. Etwa, dass Europa eine Königstochter aus dem heutigen Gazastreifen ist. Dazu später.

Dunkel ist jeder Mythos, auch der vom Tell. Klarer verfolgen lässt sich die Spur seiner Idee. Der Stoff zum Tell stammt aus Dänemark; da hiess der Mann «Toko»… ja, wie der spätere Klister, womit Schweizer Kampf-Langläufer in der guten alten Zeit, da man zum Sport noch Militärhudeln trug, ihre Skier verwachsten. Dann legte ein deutsches «Weltkind» (Goethe) den Stoff einem deutschen Internationalisten nahe (Schiller).

Schiller war nie in der Schweiz gewesen. Trotzdem haftet sein Tell wie eine Klarsichtfolie an Rütli, Altdorf und Urnersee. Heute wirkt er dermassen eingeschweizert, dass alle Welt glaubt, Ricola habe ihn erfunden. Selbst Leute, die vom Schweben der Legende quer durch Europa wissen, verknüpfen mit dem Mythos ein kristallines Gefühl, das sie für absolut kratzfest halten. So wird aus einem in der Luft liegenden Stoff allmählich fester Boden, eine Felsplatte gar, um sich im Sturm darauf zu retten.

Die Felsplatte mag sich dann zur Landeskapelle wandeln. Gleichwohl ist die Kristallisation ideeller Schwebestoffe ein überall zu beobachtender Vorgang. Jedes «Volk» kristallisiert seine mythischen Figuren. In der Wüste, im Himalaja, auf den Antillen. Seien es Maori, Pygmäen oder Apachen (Winnetou, noch ein Deutscher).

Die Muse für Gurkenvermesser

Sogar Brüssel, Kapitale staubtrockener Gurkenvermesser (der erste übrigens war ein Däne, der nur den dänischen Markt im Auge hatte), selbst Brüssel fand nicht ohne Frivolität eine Muse: eine phönizische Königstochter, entführt von einem Stier in Gottesgestalt beziehungsweise umgekehrt. Klasse Story – mit klitzekleinem Makel: Europa stammt aus dem heutigen Gazastreifen. Dieses Aperçu schüttelte Professor Muschg in Lenzburg beiläufig aus dem Ärmel, umso genüsslicher.

Professor von Matt seinerseits wartet mit einem anderen Wanderhelden auf, in seinem eben erschienenen Büchlein «Don Quijote reitet über alle Grenzen». Der Text beruht auf einem Vortrag aus dem Jahr 2016; bisher gab es die Rede gedruckt auf Französisch. «Jedes Vaterland», schreibt von Matt, «ist auch ein poetisches Produkt.» Und: «Wenn die Schweiz sich selbst als Willensnation definiert und damit von den anderen Ländern abgrenzt, unterstellt sie, dass alle Länder Naturereignisse seien. In Wahrheit sind alle politischen Grenzen fabriziert.»

Das Auf und Ab beider Pole

Don Quijote segelt wie Hamlet (noch ein Däne), ähnlich den Wolken, durch Europa, auf den grenzenlosen Wellen gegenseitiger Inspiration. Genauso halten es Kunst, Architektur und Wissenschaft. Deren Raum rühmt von Matt als tief republikanische Sphäre und vergisst vielleicht etwas die vertikale Kante, die Kunst setzt und setzen muss. Hohe Kunst mag sich nicht an national-politische Grenzen halten, aber sie bleibt wenig demokratisch.

Das also wären die beiden Pole, die sich weder neutralisieren noch harmonisieren lassen: Inspiration durch Ideen, oder Kraft aus Mythen? Auf und ab schweben diese Pole im Lauf der Jahrzehnte. Wieso? Wo liegt die Ursache für den wechselnden Magnetismus der Pole? Eine mögliche Antwort liefern drei Sozialforscher aus den USA.