Matura

Gehen die falschen Kinder ans Gymi? Wegen Eltern soll es nun neue Tests geben

Stefan Wolter : «Aufnahmeprüfungen zeigen am fairsten, ob jemand für die Mittelschule geeignet ist oder nicht.»

Margrit Stamm: «Weil den Eltern die akademische Welt meist fremd ist und sie die Bildungsversessenheit der ‹Gutbetuchten› ablehnen, sind sie dem Gymnasium gegenüber oft enorm skeptisch.»

Stefan Wolter : «Aufnahmeprüfungen zeigen am fairsten, ob jemand für die Mittelschule geeignet ist oder nicht.»

Einige Eltern verhindern, dass ihr Nachwuchs die Mittelschule besucht. Nun werden neue Tests gefordert.

Über Eltern, die ihre Kinder mit aller Macht ins Gymnasium hieven wollen, haben sich schon viele beklagt: Schulleiter, Lehrer, die Medien. Doch es gibt auch den umgekehrten Fall. Eltern, die ihren Nachwuchs trotz blendender Begabung auf keinen Fall an der Mittelschule sehen wollen. Margrit Stamm, eine der renommiertesten Erziehungswissenschafterinnen der Schweiz, schreibt über das Phänomen in ihrer jüngsten Kolumne in der «Nordwestschweiz» (siehe Montagsausgabe).

So kann die soziale Herkunft Beschleuniger wie Bremsklotz der schulischen Karriere sein. Stamm schreibt, dass Kinder verschiedener Schichten heute wie durch eine Kontaktsperre voneinander getrennt seien. Das liege auch an der «Ansteckungsangst» einfach gestellter Familien. «Weil ihnen die akademische Welt meist fremd ist und sie die Bildungsversessenheit der ‹Gutbetuchten› ablehnen, sind sie dem Gymnasium gegenüber oft enorm skeptisch», schreibt Stamm. Diese Eltern seien überzeugt, dass junge Menschen, die den akademischen Weg wählen, nicht wüssten, was es bedeute, zu arbeiten. «Davor wollen sie ihr eigenes Kind bewahren, auch wenn es intellektuell begabt ist.» Stamm kommt aber zum Schluss, dass genau diese Kinder ins Gymnasium gehörten.

Eine unheilige Praxis

Die Folge: An den Mittelschulen drücken Jugendliche die Schulbank, die in einer Lehre besser aufgehoben wären, während intellektuell begabte einen anderen Weg wählen. Davon profitierten weder das Gymnasium noch die Berufsbildung. Lösungen für dieses Dilemma gäbe es kaum, schreibt Stamm, aber eine Vision: Die Schulen bräuchten Potenzialanalysen, die sowohl handwerkliche Neigungen als auch akademische Fähigkeiten sichtbar machten. «Dann würde auch die unheilige Praxis ein Ende finden, Unterschichtskinder in die Berufsbildung zu schicken, mit der Begründung, die Eltern könnten ihnen ja doch nicht helfen.»

Zwar legt der neue Lehrplan 21 einen Fokus auf die Berufswahl, indem Schüler ihr Persönlichkeitsprofil samt Fähigkeiten und Interessen kennen lernen, wie es im Lehrplan heisst. Doch das dürfte kaum reichen.

Stefan Wolter, Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung, befürwortet deshalb die Potenzialanalyse, sieht aber in einer obligatorischen Gymi-Aufnahmeprüfung die bessere Lösung. In den meisten Kantonen entscheiden Vornoten und Lehrer über den Zutritt an die Mittelschule. Prüfungen werden nur noch in wenigen Kantonen abgelegt, beispielsweise in St. Gallen. Dort ist die Maturaquote zwar tiefer, St. Galler Schüler fallen dafür deutlich weniger oft aus der Probezeit und haben auch später im Studium weniger Mühe.

«Aufnahmeprüfungen zeigen am fairsten, ob jemand für die Mittelschule geeignet ist oder nicht», sagt Stefan Wolter. Ausserdem würde eine Aufnahmeprüfung gemäss Umfragen bei der Mehrheit der Bevölkerung auf viel Goodwill stossen.

«Ein fatales Zeichen»

Vertreter der Wirtschaft warnen allerdings davor, die meisten schulisch begabten Kinder Richtung Gymnasium zu schieben. Schon heute bleiben viele Lehrstellen unbesetzt. «Es wäre ein fatales Zeichen, wenn es heissen würde, intelligente Schüler gehen ans Gymi, die anderen in die Berufslehre», sagt Rudolf Minsch, zuständig für Bildungspolitik beim Wirtschaftsdachverband Economiesuisse. Diesen Fehler habe bereits Deutschland begangen, dabei sei das duale Bildungssystem eine der Schweizer Stärken. Auch mit der Berufsmatur und den Fachhochschulen sei eine akademische Karriere möglich. Zudem seien Lehren zum Polymechaniker oder Informatiker intellektuell gleichermassen herausfordernd wie das Gymnasium.

Lehrbetriebe dürfen in den kommenden Jahren aber ohnehin auf mehr Lehrlinge hoffen. Die sinkenden Schülerzahlen hatten die Besetzung der Lehrstellen in den vergangenen Jahren erschwert, doch damit ist nun Schluss. Die demografische Entwicklung zeigt in die andere Richtung. «Wir haben den Tiefpunkt durchschritten», sagt Bildungsökonom Wolter. In ein, zwei Jahren werde es wieder gleich viele Lehrlinge wie Lehrstellen geben.

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