Geheimniskrämerei
Bürolisten oder Rambos in Kabul? Das ist die Schweizer Eliteeinheit AAD 10

Sechs Mitglieder des Schweizer Aufklärungsdetachements 10 sind in Afghanistan auf heikler Mission. Über die Eliteeinheit ist wenig bekannt. Klar ist: die Anforderungen sind hoch.

Doris Kleck
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Mitglieder des Aufklärungsdetachement 10 während einer Demonstration 2012 auf dem Monte Ceneri, Tessin.

Mitglieder des Aufklärungsdetachement 10 während einer Demonstration 2012 auf dem Monte Ceneri, Tessin.

Philipp Schmidli

Es ist quasi die Raison d’être der Eliteeinheit AAD 10: Der Schutz und die Rückführung von Schweizer Bürgern aus Krisengebieten. Derzeit befinden sich sechs Berufssoldaten in Kabul. Sie suchen nach Wegen, ihre Landsleute sowie einheimische Mitarbeiter der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) mit ihren Familien aus Afghanistan wegzubringen.

AAD 10 steht für Armee-Aufklärungsdetachement. Sicherheitsexperte Bruno Lezzi verglich sie einst im Radio SRF mit den amerikanischen Special Operation Forces. Wie muss man sich die Elitesoldaten vorstellen? «Es sind keine Büroleute, sondern Spezialkräfte, die für solche Aufträge geschult sind. Sie verschaffen sich ein Bild der Lage und arbeiten auch eng mit den Amerikanern zusammen», sagte gestern Botschafter Hans-Peter Lenz.

Bundesrat Ignazio Cassis wollte nicht einmal sagen, ob die Armeeangehörigen bewaffnet sind. Das hat Tradition: Vieles ist geheim in Bezug auf die AAD 10. So ist nicht bekannt, wie viele Mitglieder die Einheit hat. Gemäss Schätzungen sind es um die 100.

10 Klimmzüge, 60 Rumpfbeugen, 50 Liegestütze

Öffentlich sind die Anforderungen. Verlangt wird eine «überdurchschnittliche mentale und körperliche Leistungsfähigkeit». Zu den Minimalanforderungen im Bereich der Physis gehören etwa 10 Klimmzüge, 50 Liegestützen, 8 km Eilmarsch im Tarnanzug mit Feldschuhen und 15 Kilogramm Gepäck in maximal 58 Minuten.

Wer die Vorauswahl besteht, darf in einen dreiwöchigen Auswahlkurs; dort werden unter anderem auch die Belastbarkeit und Teamfähigkeit geprüft. In der Grundausbildung geht es nebst praktischen Einsatztechniken wie Nahkampf, Fallschirmausbildung oder Nachrichtendienst auch um Recht, Geografie oder Ethnologie.

Botschaftsschutz in Libyen, abgesagte Geiselbefreiungspläne

Die AAD 10 gibt es seit 2004. Im Einsatz waren sie etwa zum Schutz der Schweizer Botschaft in Tripolis nach dem Sturz des libyschen Machthaber Gaddhafi. Erwin Hofer, Botschafter in Libyen von 2012 bis 2014, lobte deren Arbeit in der NZZ. Einmal mussten ihn die Armeeangehörigen vom Joggen am Strand evakuieren, weil plötzlich Schüsse fielen, die mutmasslich dem Botschafter gegolten hatten.

Die Eliteeinheit plante 2008/09 auch die Flucht der Schweizer Geisel Max Göldi in Libyen – die Pläne wurden jedoch verworfen. 2009 wollte Aussenministerin Micheline Calmy-Rey, dass sich die Schweiz an einer EU-Mission gegen Piraten an der somalischen Küste beteiligt. Das Parlament lehnte den Einsatz jedoch ab.

Sozialdemokraten finden: «Das sind keine Rambos»

Interessant ist: Im Frühling 2020 wollten Aussenminister Ignazio Cassis und Verteidigungsministerin Viola Amherd 10 Aufklärungssoldaten nach Kabul schicken, um Mitarbeiter des Deza-Büros zu schützen. Nachdem Tamedia-Zeitungen die Pläne publik gemacht hatte, wurde die Übung abgeblasen. Private Sicherheitsfirmen übernahmen stattdessen die Aufgabe.

Das Beispiel zeigt, wie kritisch Einsätze der Armee im Ausland beurteilt werden. Auch deshalb ranken sich um das AAD 10 Legenden. Als Calmy-Rey Soldaten in den Kampf gegen die Piraten schicken wollte, wurden gezielt Gerüchte gestreut, es handle sich um Rambos. Ausgerechnet die SP nahm damals die Elitesoldaten in Schutz: «Das sind keine Rambos», heisst es in einem Papier.

Die Partei erinnerte daran, weshalb die Einheit gegründet wurde: «Das AAD 10 wurde aufgebaut, nachdem der Einsatz privater Sicherheitsdienste aus Südafrika vor der Botschaft in Bagdad auf Kritik gestossen war. Es ist ausgebildet, in einem schwierigen Umfeld Personen und Sachen zu schützen oder im Ausland gefährdete Schweizer zu evakuieren».

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