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Bundesbern ist nicht ganz dicht: Ein eigenartiges Leck in der Fifa-Affäre

Ein Informant, der einer Zeitung den vertraulichen Vortrag von Fifa-Ermittler Keller durchstach, erwischte offenbar den falschen Text.

Henry Habegger
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Stefan Keller.

Stefan Keller.

Keystone

Die Vorgänge um die obskuren Geheimtreffen zwischen Ex-Bundesanwalt Michael Lauber und Fifa-Präsident Gianni Infantino im Berner «Schweizerhof» bleiben undurchsichtig.

Zum einen hat die Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts den Sonderermittler Stefan Keller kürzlich für befangen erklärt, weil dieser sich in Medienmitteilungen unpassend über Verfahren gegen Infantino geäussert habe.

Der Befangenheitsverdacht fällt indes auf das Richtertrio zurück, das den Entscheid fällte. Zwei der drei Richter, Stephan Blättler und Cornelia Cova, gehören wie Infantinos Anwalt, David Zollinger, der Zürcher SVP an. Cova, die beim Urteil laut Insidern als Referentin wirkte, den Entscheid also vorbereitete, arbeitete früher sogar mit Zollinger zusammen, sie war bei der Zürcher Staatsanwaltschaft seine Stellvertreterin.

Experten staunen über den Ausstandsentscheid

Auch inhaltlich kritisierten Experten den Richterspruch. Der ehemalige Bundesrichter Hans Wiprächtiger nannte ihn «unsorgfältig, unsachgemäss, nicht objektiv». Ein früherer SVP-Bundesstrafrichter nennt ihn auf Anfrage «eigenartig». Und wenn man schon «die Befangenheitschiene fährt, sollte man besonders darauf achten, dass man selbst nicht befangen ist.»

Jetzt ist die Endlosaffäre um eine Episode reicher: Der «Tages-Anzeiger» berichtete letzte Woche sehr kritisch über Aussagen, die Sonderstaatsanwalt Keller in der Gerichtskommission des Bundesparlaments gemacht haben soll. Nur: Recherchen zeigen, dass die Zeitung auch Aussagen transportierte, die Keller vor der Kommission gar nicht machte. Weder mündlich in seinem Vortrag noch schriftlich im Dokument, das den Kommissionsmitgliedern verteilt wurde.

Anscheinend den falschen Text durchgestochen

So sagte Keller nichts davon, dass die Bundesanwaltschaft offensichtlich von der Fifa unterwandert sei. Er sprach auch nicht davon, dass es Hinweise gebe, wonach das Bundesstrafgericht das Verfahren zur Fussball-WM 2006 in Deutschland absichtlich verjähren liess.

Die Vermutung liegt nahe, dass die Zeitung einen frühen Entwurf der Keller-Rede zugespielt erhielt. Der Vorentwurf ging, wie eine Rekonstruktion nahelegt, nur ans Präsidium und ans Sekretariat der Kommission. Keller will sich nicht im Detail äussern. Er bestätigt aber, dass er einige der Anmerkungen in der Kommission gar nie machte, weder mündlich noch schriftlich. Er werde sich «detailliert und begründet gegenüber den zuständigen Aufsichtsgremien» äussern.

Nicht ganz dicht – mysteriöses Leck

Das alles bedeutet: Irgendwo an exponierter Stelle muss es ein mysteriöses Leck geben.

Es gibt Kreise, die angesichts der internationalen Brisanz der Affäre und der weltweiten Vernetzung der Fifa nicht einmal ausschliessen, dass sich Geheimdienste und Hacker Zugang zu vertraulichen Dokumenten verschaffen.

Zufall oder nicht: Gerade eben traf sich Infantino in Bern mit Parlamentariern. Als Organisator trat die parlamentarische Freundschaftsgruppe Schweiz-Russland auf. Zugegen war auch der russische Botschafter.

Fifa-Chef Infantino darf hoffen

FDP-Ständerat Andrea Caroni, Präsident der Gerichtskommission, will sich nicht zum Leck äussern. Die von der Kommission eingereichte Strafanzeige decke aber auch neue Indiskretionen ab. Der Fall liegt bei der Bundesanwaltschaft.

Keller, abgeschossen vom Bundesstrafgericht, gab sein Ermittlungsmandat inzwischen zurück. Demnächst soll das Bundesparlament einen neuen Ermittler einsetzen. Im Bundeshaus ist zu hören, dass sich nur gerade eine Person für den Posten interessiert. Freuen kann sich Fifa-Chef Infantino. Die Chancen, dass seine Geheimtreffen mit Lauber ungeklärt bleiben, steigen mit jedem Tag.