Die Volks-Psychologie rät (und die hohe Psychologie tut es auch, einfach ein bisschen verquast): «Hast du Angst, musst du dich den Ängsten stellen.» Genau das taten wir in diesen Novembertagen: Wir steuerten mit offenen Augen auf die Krise zu. Wir lieferten uns den gefürchteten Depressionen aus, der Fotograf Chris Iseli und ich. Mehr als nur mit Absicht, geradezu beseelt vom Wunsch. Sie schütteln den Kopf – natürlich: Was soll der Wahn? Ein Depro-Trip, fadengerade in die Zwischensaison – macht das Sinn? Tut das gut?

Nun – seit drei Jahren lag das uns beiden wie ein graufeuchtes Laken im Gemüt: die Sehnsucht nach dem «ultimativen Alpen-Blues». Eine ziemlich verdrehte Lust, gewiss. Grantig und melancholisch zugleich. Man könnte sie dem «Zeitgeist» anlasten. Diesem entwürdigenden Druck, Vorgespurtes zu erleben. Als müsse der Ausflügler überall und immer einer PR-Spur folgen, selbst auf spontaner Spritztour. Er hat mit Leben auszufüllen, was ihm an Leben zugedacht wird von der Freizeit-Industrie.Genau diese Auffassung macht die Zwischensaison zum Versprechen, zum Ausweg: Man kann in Nischen flüchten und sich umsehen, wo das Vergnügungsdiktat (noch) nicht tobt.

Mit ausgesägtem Herz vor geschlossenen Fenstern

Die Zwischensaison wartet mit gar nichts auf. Es ist November; eine tiefere Baisse im Jahr gibts nicht. Mehr Poesie indes auch nicht. Blauer Frost draussen, drin ein nackter Bettenrost. Bars ohne Musik, Strassen ohne Mensch. Lifte mit leer schaukelnden Sesseln. Gleis ohne Bahn. Hotels ohne Neon, ohne Portier nach dem «Pling» der Glocke am Empfang. Aufgelegte Zeitungen, die keiner liest. Geschlossene Läden mit ausgesägtem Herz vor Fenstern ohne Licht. Wenn es dumm läuft, und alles wäre zu, schnorrt man einem schwarz gekleideten Mütterchen auf Heimkehr vom Friedhof halt ein Tütensüppchen ab und kocht es in einem kalten Hotelzimmer auf. Sie übrigens blickte uns aufmerksam an – welche Einheimischen sähen uns auf die Weise noch an, im Gedränge der Hochsaison?

Ja, so stellten wir uns das vor – und das Mütterchen machte es dann wahr. Aber nicht nur sie. Wie jeder Zwischenzustand lockt die Zwischensaison mit Überraschungen in der Leere, zum Preis der Leere, wobei man trotzdem auf seine Kosten kommt, auch fern vom Carving der Hochsaison zwischen Herzens- und Schienbein-Bruch, weit weg von Fondueplausch und Partylust.

Damit wäre wieder mal Neuland zu entdecken, dachten wir. Vielleicht sogar ein Stück Leben, das wirklich am eigenen Erleben hing. Und was war das Seltsamste daran? Als wir erst leise davon sprachen, sagten alle schon: «Hey, schöne Idee!» Vielleicht will das niemand erleben. Aber andere freiwillig ins Verderben ziehen sehen – das animiert den Blues.

Jeden Morgen kippt der Kopf zuerst in den Nacken

Also fuhren wir: ins Berner Oberland, ins Wallis und nach Graubünden. Auf eine Hochterrasse, in einen Dreiviertel-Felskessel und in eine Bergarena. Jeden Morgen kippte der Kopf in den Nacken: zur makellosen Jungfrau, an die schroffen Wände von Daubenhorn und Gemmi, zur weiten Kette um Crap Sogn Gion. Andere bauen für die tägliche Andacht Kirchen, die Schweiz hat Berge.

Alles Berge, im Wallis «Tschuggen» genannt, die Bergler aus jeder Region unterschiedlich betrachteten: «Die Bündner Berge sind anders», sagte ein Bündner in Wengen. «Das Wallis ist hochalpin und trocken», sagten Walliser in Leukerbad, die jeweils in Graubünden Wanderferien machen.

Am Ende entsprach einzig Wengen unseren Erwartungen. Da konnten wir den Alpen-Blues in reichen Schattierungen geniessen. Das verflog bei den anderen Destinationen. Schuld daran war die Nebeldecke, der Umstand, dass wir sie durchstiessen. Darum muss man selbst hier, bei der Zwischensaison, unterscheiden: Es gibt für den Alpen-Blues schöne reine Klassiker (Wengen). Es gibt Orte, wo die Zwischensaison selbst am hartgesottenen Freak nagt bis auf die Knochen (Flims). Und es gibt Mischformen, die seine Tapferkeit unterlaufen und mit unverhoffter Fröhlichkeit lösen (Leukerbad).

Erste Station – Wengen: Wo Gäste in Lichtinseln sitzen

Hoch über Wengen hängen Wolldecken vor einem Treppenhaus. Wie durch einen Zeltspalt kriecht man hinein. Es erinnert an die Abenteuer der Kindheit. Und ein bisschen an Stanley Kubricks Film «Shining». Denn auch dieses Hotel ist geschlossen und damit teils verwunschen, teils unheimlich. Andi Engi aber kann einem dieses Gefühl mit seiner gelassen offenen Art sofort nehmen. Engi ist der Besitzer des Hotels Bellevue. Er hat es dort eingeheizt, wo er Arbeiten für die kommende Saison erledigt, aber auch die Gartentomaten schützt nach dem ersten Schneefall. Die Pflanzen schauen im Speisesaal hinaus aufs spektakuläre Panorama, als wären sie stumme bewegungslose Gäste. Die Wolldecken zum Treppenhaus verhindern, dass die Wärme ins ganze Haus zieht.

Engi war Gastgeber in vielen Teilen der Welt gewesen, auch Skitrainer der Schweizer Damen-Nationalmannschaft. Seit 16 Jahren ist der Bündner Hotelier in Wengen, aber, sagt er, noch immer kein Wengener. Da hätten seit Menschengedenken die Gleichen das Sagen. Engis Frau stellte ihren einheimischen Mädchennamen voran, um in der Bürgergemeinde wieder aufgenommen zu werden. In der Zwischensaison sei das ausgeprägt, dieses Untereinander, sagt Engi, auch positiv: «Man hat Zeit, sich zu treffen, sich auszutauschen, man besucht Folklore-Abende, nur für Einheimische organisiert, oder Veranstaltungen im Tal.» In Wengen gehen für Schulkinder die Uhren anders: Die Ferien beginnen nach Ende der Hochsaison.

Es wird ein ruhiger Abend mit Engi im für Autos gesperrten Wengen. Wie die Wärme in seinem Hotel Inseln bildet, sitzen die Gäste in einem der wenigen offenen, doch weitgehend dunklen Restaurants in Lichtinseln und schauen nach inwendig, wie die Figuren von Edward Hoppers Malerei. Es ist 8.30 Uhr abends. Die Stunde fühlt sich an wie 2.30 Uhr morgens. «Kein Streulicht», sagt der Fotograf, «man sieht nur Sterne.»