Bauinspektorat

Gefahr einstürzender Neubauten

Nachgebessert: Das ganze Parterre nur mit Säulen abgestützt und der stabilisierende Liftschacht am Rand des Gebäudes:  Ein solch «weiches Erdgeschoss» fand die Getzmann AG vor, als sie die Geschäftsräume in Bottmingen bezog. Der Ingenieur riet zu Diagonalstreben aus Stahl und fand eine ästhetisch reizvolle Lösung. (Heinz Dürrenberger)

Edbebensicher

Nachgebessert: Das ganze Parterre nur mit Säulen abgestützt und der stabilisierende Liftschacht am Rand des Gebäudes: Ein solch «weiches Erdgeschoss» fand die Getzmann AG vor, als sie die Geschäftsräume in Bottmingen bezog. Der Ingenieur riet zu Diagonalstreben aus Stahl und fand eine ästhetisch reizvolle Lösung. (Heinz Dürrenberger)

Auch bei Neubauten sei die Statik noch zu oft nicht genügend erdbebensicher, ist der Bund überzeugt. Basel-Stadt kontrolliert deshalb auch private Baugesuche. Baselland hingegen vertraut auf die Eigenverantwortung der Bauherren.

Daniel Haller

Noch sind die Bilder des Erdbebens vom April in L'Aquila (It) nicht vergessen: gegen 300 Todesopfer, 55 000 Menschen evakuiert. «Ein solches Beben kann sich in der Schweiz jederzeit auch ereignen», betont Blaise Duvernay, Leiter der Koordinationsstelle für Erdbebenvorsorge des Bundes. Dafür käme in erster Linie das Wallis (Zone 3b) in Frage, gefolgt von Basel, das zusammen mit der angrenzenden Baselbieter Agglomeration in der Gefährdungszone 3a liegt.

In Italien haben Pfusch und Nichteinhalten von Bauvorschriften die Katastrophe begünstigt. Jaja, die Italiener: Profit, Bestechung, Mafia . . . Doch halt! Ob die Schweiz so viel besser dasteht, ist fraglich: «Moderne Erdbeben-Baunormen gibt es hier erst seit 1989», hält das Bundesamt für Umwelt (Bafu) fest. Folge: «Über 90 Prozent der Bauwerke in der Schweiz weisen eine unbekannte und oft ungenügende Erdbebensicherheit auf.»

Viele bauen nicht erdbebensicher

Dies bezieht das Bafu nicht nur auf Gebäude jener Zeit, bevor die entsprechenden SIA-Vorschriften in Kraft getreten sind: «Die Erdbebenbestimmungen der SIA-Normen werden oft ignoriert oder nicht vollumfänglich eingehalten», heisst es im Faltblatt «Erdbebensicheres Bauen in der Schweiz». «Zu den vielen vorhandenen, bei Erdbeben gefährlichen Bauwerken kommen deshalb ständig neue gefährliche Bauwerke dazu.»

Duvernay ergänzt: «Leider gibt es nur zwei Kantone, die auch bei privaten Baugesuchen die Einhaltung der Normen kontrollieren: Wallis und Basel-Stadt. Ohne staatliche Kontrolle nehmen aber viele Bauherren oder Projektverfassenden die Vorschriften nicht ernst.»

Baselland: Eigenverantwortung

Dem widerspricht Christian Häfelfinger, Leiter Brandschutz und Elementarschadenprävention bei der Basellandschaftlichen Gebäudeversicherung: «Die Einhaltung der geltenden Baunormen gehört zur Eigenverantwortung des Baugewerbes. Das ist eine Frage des Berufsstands und der Ethik.»

Das Bauinspektorat beurteile private, kommunale und kantonale Baugesuche gemäss Artikel 101 des Raumplanungs- und Baugesetzes, schreibt Andreas Weis, Kantonaler Bauinspektor. Der Begriff «Erdbeben» kommt in diesem Artikel nicht vor. Aber Rolf Klaus, Leiter des Sicherheitsinspektorats in der Baselbieter Bau- und Umweltschutzdirektion, fasst ihn sinngemäss zusammen: «Baue stabil und berücksichtige den Untergrund! Du bist verantwortlich, wenn etwas einstürzt.»

Häfelfinger schätzt, dass für die Kontrolle, ob die Erdbeben-SIA-Normen eingehalten werden, eine Abteilung analog zur Brandschutzvorschriften-Kontrolle erforderlich wäre, also rund sieben Vollstellen für Fachleute. «Da wir das Erdbebenrisiko nicht versichern, würde der Aufbau einer solchen Abteilung betriebswirtschaftlich keinen Sinn machen.»

Basel-Stadt: Stichproben

Wie eine Kontrolle ohne grossen Apparat funktioniert, zeigt Roland Bader, Leiter Baubewilligungen und Baukontrolle im Kanton Basel-Stadt: Auf dem Baugesuchsformular muss ein Ingenieur mit rechtsgültiger Unterschrift bestätigen, dass die Statik des Bauwerks erdbebensicher ausgelegt ist. Bei Bauten, in denen sich eine höhere Anzahl Personen aufhält, kann die Behörde stichprobenweise vor Baubeginn die Statikberechnungen anfordern. Diese lässt sie von einem externen Experten prüfen. «Kommt er zum Ergebnis, die Statik entspreche den SIA-Anforderungen, dann kommt der Kanton für Kosten der Überprüfung auf», erläutert Bader. «Findet er Fehler, muss der Bauherr die Rechnung bezahlen und das Projekt verbessern.»

Dieses System trage dazu bei, dass die Ingenieure von Anfang an seriös arbeiten: In fünf Jahren habe nur ein Projekt zu Beanstandungen geführt.

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