Kriegstheater

Gedenkfeier oder politische Propaganda? Das sagt ein Vertreter des Islams

Serafettin Karadeniz, Präsident des islamischen Kulturvereins Rheinfelden: «Wir haben zusammen gegessen und für alle Opfer gebetet.»

Serafettin Karadeniz, Präsident des islamischen Kulturvereins Rheinfelden: «Wir haben zusammen gegessen und für alle Opfer gebetet.»

Serafettin Karadeniz ist Präsident des islamischen Kulturvereins Rheinfelden. Er sagt, der Gedenkanlass für die Schlacht von Gallipoli habe mit Politik nichts zu tun.

Vier rechteckige Säulen tragen eine dicke Steinplatte mit der türkischen Flagge. Das Mahnmal am Nordufer der Dardanellen erinnert an die Schlacht von Gallipoli, oder türkisch Çanakkale.

Was sich vor 103 Jahren während des Ersten Weltkriegs um die türkische Halbinsel Gallipoli zugetragen hat, ist für die Türken bis heute der Anlass für einen wichtigen Gedenktag. Das Osmanische Heer schlug die zahlen- und schiffsmässig überlegenen Alliierten am 18. März 1915 in die Flucht. Seither wird – auch aufseiten der unterlegenen Australier und Neuseeländer – jedes Jahr der insgesamt über 100'000 gefallenen und 250'000 verwundeten Soldaten gedacht.

Ein Foto des Mahnmals von Çanakkale ziert auch die Einladung zu Gedenkfeiern in Rheinfelden AG und Sementina TI, zu denen die Türkisch Islamische Stiftung für die Schweiz eingeladen hat. Neben der Feier in Rheinfelden haben im Aargau dieses Jahr laut «Blick»-Informationen noch zwei weitere Anlässe in Gedenken an die Schlacht von Gallipoli stattgefunden.

Am 30. März in der Moschee in Buchs und am 1. April in der Grünen Moschee in Aarburg. Auch auf den beiden Flyern, die für diese Anlässe warben, sind türkische Soldaten in Uniform und mit Gewehren abgebildet. Die Einnahmen aller Veranstaltungen flossen an die Mehmetcik-Stiftung, die Kriegsveteranen der türkischen Armee unterstützt. Die Feiern haben eine lange Tradition und sind in der türkischen Diaspora sehr beliebt, wie im Aargau lebende Türken gegenüber der AZ erklären.

Symbol für Sieg über Westen

Eine neuere Entwicklung sei indes, dass die Gedenkanlässe auch politisch genutzt würden. Dies für Propaganda im Sinne des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Westliche Kritiker werfen der Erdogan-Regierung schon länger vor, den Gedenktag zu nutzen, um ihre nationalistische Politik zu stützen. Der Tag sei inzwischen zum Symbol für den Sieg des Islams über den Westen geworden.

Diese Kritik wird nun noch befeuert durch einen Artikel im «Sonntagsblick». An einer Gedenkfeier in der Mehrzweckhalle in Uttwil TG haben Primarschüler kürzlich blutige Schlachten nachgespielt. Im Publikum sassen neben Eltern auch diplomatische Gäste aus Ankara. Der Türkei-Experte Ismail Küpeli kritisierte im «Sonntagsblick», dass bei dieser Feier Kinder gezielt für nationalistische Propaganda instrumentalisiert würden. Staatschef Erdogan verfolge damit die Strategie, dass schon «die Kleinsten ideologisch geformt und auf Linie gebracht werden».

Serafettin Karadeniz, der Präsident des islamischen Kulturvereins, der die Moschee in Rheinfelden betreibt, versteht die Aufregung wegen des Theaters in Uttwil nicht. «Ein solches Theater hat mit Politik nichts zu tun», stellt er klar. Den 18. März würden Türken auf der ganzen Welt jedes Jahr feiern. «Das war schon immer so und hat mit Erdogan nichts zu tun. Aber weil Wahlen bevorstehen, wird das jetzt zum Problem gemacht», sagt Karadeniz.

Kein Kriegsspiel in Rheinfelden

Gleichzeitig ist es Karadeniz wichtig, zu betonen, dass in Rheinfelden keine solchen Kriegsspiele wie im Kanton Thurgau aufgeführt worden seien. «Wir haben das nicht gemacht und werden es auch in Zukunft nicht machen. Ein Kind hat keine Waffe zu tragen und soll auch nicht Krieg spielen», versichert er. In Rheinfelden habe man am 18. März zusammen gegessen und für die Opfer gebetet. «Für alle Opfer», sagt Karadeniz. «Nicht nur für die gefallenen Türken, sondern auch für die Neuseeländer und Australier.»

Von der Moschee in Buchs hat die AZ am Montag niemanden erreicht. In Aarburg wollten die Verantwortlichen keine Fragen zum Thema beantworten. Und Serafettin Karadeniz sagte, er könne sich zu anderen Gedenkanlässen im Kanton Aargau nicht äussern.

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