Die Frauen an der Kasse des Fifa-Museums in Zürich schauen verdutzt. Ist er es tatsächlich? Auf die Gewissheit, dass er es ist, folgen wohl die nächsten Fragen: Müssen wir den Besucher in der Zentrale auf dem Zürichberg melden? Dürfen wir ihn überhaupt reinlassen?

Sepp Blatter aber tut, was er meistens tut, wenn er Menschen begegnet: Er macht ein freundliches Gesicht, reicht die Hand und sagt ein paar nette Worte. Das ist gut für die Frauen. Die Sorgenfalten verschwinden. Die Verwirrung verflüchtigt, die Anspannung legt sich. «Wie schön, Sie hier zu sehen, Herr Blatter. Herzlich willkommen.»

Unfreiwillige Ironie. Seit mehr als zwei Jahren ist Blatter suspendierter Präsident der Fifa. Sein Nachfolger Gianni Infantino erklärt ihn zur Persona non grata. Kein Zutritt zum Haus des Fussballs, keine Einladung an die WM.

Der 82-jährige Walliser wird von der Fifa-Spitze geächtet. Und die Bundesanwaltschaft ist in ihren Ermittlungen gegen Blatter auch nach knapp drei Jahren noch zu keinem Resultat gekommen.

Aber Blatter wäre nicht Blatter, gäbe er klein bei. An die WM reist er trotzdem – auf Einladung von Wladimir Putin, der ihm einen Privatjet nach Zürich schickt. Blatter schaut sich je ein Spiel in St. Petersburg und Moskau an und wird von Putin im Kreml empfangen.

Aber das alles passiert im kleinen Kreis. Ohne das gewohnte Brimborium. Denn die Fifa gibt die Weisung raus: keine Bilder von Blatter in den Stadien. Als wäre er ein Gespenst.

Blatter staunt und raunt

Aber jetzt kehrt Blatter als Clochard in die Fifa zurück. Die Confrérie des Clochards, eine Verbindung von langjährigen Kameraden, lädt ihn zu einer Museumsführung ein. Blatter drückt jedem die Hand. Reiht sich in die Gruppe ein.

Auf die Idee, es handle sich bei dem älteren Mann mit dem Schalk in den Augen um den geistigen Vater des Museums, den eigentlichen Gastgeber, kommt man nur mit viel Fantasie.

Blatter staunt und raunt und hört den Ausführungen des Führers aufmerksam zu. Es ist das erste Mal seit seiner Suspendierung, dass er das Gebäude betritt. Hinterher sagt er: «Es war sehr bewegend für mich. Zum Glück war ich nicht allein.»

Aber Sepp Blatter war noch nie ein Statist. Ist doch klar: Die Clochards sind wissbegierig. Und Blatters Gedächtnis funktioniert wie das eines 25-Jährigen. Sein Fundus nach 40 Jahren in der Fifa ist tief wie der Marianengraben. «Nach der WM 1954 litten mehrere Spieler der deutschen Elf an Gelbsucht.» Oder: «Der WM-Pokal ist für über eine Million Franken versichert.»

Und dann stehen wir vor einer Wand mit den Namen aller Spieler, die mal Weltmeister geworden sind. Jene, die das Museum besucht haben, stecken eine goldene Nadel zu ihrem Namen. Bei Diego Maradona steckt nichts. Dabei ist er doch häufig in der Fifa zu Gast, gilt als Infantinos Intimus. Für ihn ist es ein Blatter-Museum. Übrigens: Die Bilder des sturzbetrunkenen Maradona, wie er von hinten gestützt werden muss, damit er nicht die Tribüne runterkullert, hat uns die Fifa-Zensurbehörde nicht vorenthalten.

Später sitzen wir vor einer riesigen Leinwand, wo ein Zusammenschnitt der bisherigen WM-Finals läuft. Blatter setzt sich neben ein Paar, das nicht zu den Clochards gehört. Er reicht die Hand, sie sagen: «Wir kommen aus Kanada. Woher kommen Sie?» «Ich bin Sepp und komme aus der Schweiz.» «Aha.» Kurze Zeit später sehen sie den Sepp, der neben ihnen sitzt, auf der Leinwand und blicken ihn fragend an. «Ich war jahrelang Präsident der Fifa», sagt er fast entschuldigend.

«Du Sepp, den Franz Beckenbauer müsst ihr überkleben», fordert ein Clochard. «Warum?», fragt Sepp. «Ich kenne den Franz sehr gut. Er sagt, er habe nichts Falsches gemacht. Du darfst nicht alles glauben, was in den Medien steht.» «Okay, aber warum ist der Franz nach dem Skandal um die Vergabe der WM 2006 untergetaucht?» «Hey, der war schwer krank. Er kämpfte um sein Leben.» «Okay, dann nehme ich alles zurück. Ich hoffe, der Franz wird rehabilitiert.»

«Sepp, warum habt ihr die Uefa so stark werden lassen?» Sepp spielt Luftgitarre und trällert: «Es gibt, Millionen von Sternen ... Für die Europäer war es ein Schlag, als ich mich bei der Wahl 1998 gegen Lennart Johansson durchgesetzt habe. Seit meinem Rücktritt sind die Europäer nun bei der Fifa an der Macht. Und sie werden diese nicht mehr abgeben.»

«Sepp, findest du eine WM in Katar sinnvoll?» «Das fragst du den Falschen. Meine Idee war, 2018 nach Russland und 2022 in die USA zu gehen. Wir wollten die beiden Supermächte zusammenbringen. Aber dann hat Staatspräsident Sarkozy Platini (Red. damals Uefa-Präsident) getroffen und gesagt, er solle dafür besorgt sein, dass er und seine Gefolgsleute für Katar stimmen, weil er eben mit dem künftigen Emir ein paar tolle Deals abgeschlossen hat.»

«Sepp, 2021 läuft die Suspendierung aus und die Fifa hält ihren Kongress ab. Kehrst du auf den Thron zurück?» «Es gibt kein Comeback von mir. Aber es würde mich nicht wundern, wenn Platini auf die grosse Bühne zurückdrängt. Die Bundesanwaltschaft hat ihm mitgeteilt, dass gegen ihn nicht mehr ermittelt werde. Dann müsste die Fifa die Sperre gegen Platini aufheben. Wenn das passiert, hat Infantino ein Problem. Denn er hat Platini 2016 versprochen, nur als dessen Statthalter zu kandidieren», sagt Blatter, während er sich vom letzten Clochard verabschiedet.