Genug Strom ohne Atom. Vor dieser energiepolitischen Herkulesaufgabe steht die Schweiz. Knapp 40 Prozent beträgt der Anteil der Kernkraft am heutigen Produktionsmix. Bis in 23 Jahren, wenn Leibstadt vom Netz gehen soll, muss dieser Anteil auf null geschrumpft sein. «Ohne den Ersatz der stillgelegten Kernkraftwerke verliert die Schweiz im Bereich der Grundlast bedeutende Anteile ihrer Produktionskapazitäten. Das heisst, der inländische Kraftwerkpark würde noch einseitiger auf die Produktion von Spitzenlast ausgerichtet», schreibt Urs Meister von Avenir Suisse.

Die Schweiz braucht also gemäss liberalem Thinktank nicht mehr Pumpspeicher im Alpenraum, sondern Kraftwerke, die rund um die Uhr verfügbar sind. Wo aber soll diese Bandenergie herkommen? Eine Option wären zusätzliche Stromimporte. Doch der Bundesrat strebt gemäss «Energiestrategie 2050» eine «möglichst auslandunabhängige Stromproduktion» an. Nebst dem Ausbau der Wasserkraft und einzelner erneuerbarer Energien wie Biomasse, welche die Grundlast abdecken, bleiben die fossilen Produktionsquellen wie Wärmekraftkopplung oder Kombi-Kraftwerke.

«Das Atomkraftrisiko darf nicht durch den Klimawandel ersetzt werden», fordert Ulrike Saul. Die WWF-Energiespezialistin hält den Bau neuer Gas-Kombikraftwerke deshalb für klimapolitisch «fahrlässig». Die Kraftwerke würden über ihre Laufzeit von 30 Jahren die CO2-Bilanz trotz Kompensationsmassnahmen verschlechtern: «Wo kompensiert wird, da bleibt wenig Spielraum für Reduktionen.»

Ausstoss der klimaschädlichen Gase reduzieren

Ziel sei es schliesslich, den Ausstoss klimaschädliche Gase nachhaltig zu reduzieren. Nicht die «Klimaschleuder»-Argumente der Umweltverbände, sondern Rentabilitätsüberlegungen hielten bislang die Stromkonzerne davon ab, in der Schweiz aufs Gas zu setzen.

Während Axpo, Alpiq und BKW im umliegenden Ausland Milliarden in neue GasKombis stecken und deren Strom hernach billig importieren, liegen hierzulande zahlreiche Projekte auf Eis. Axpo-Chef Heinz Karrer schliesst jedoch die Gas-Option nicht kategorisch aus: «Allerdings müsste das Parlament eine 180-Grad-Kehrtwende machen.»

Knackpunkt ist die Kompensationsfrage: Die Kraftwerksbetreiber sind verpflichtet, 70 Prozent ihres CO2-Ausstosses im Inland zu kompensieren. Zu viel finden Axpo, Alpiq und BKW und fordern gleich lange Konditionen wie im internationalen Emissionshandel. Mit dem heutigen Kompensationsregime dagegen lasse sich ein Kraftwerk nie und nimmer rentabel betreiben. Denn im Gegensatz zum benachbarten Ausland produziert die Schweiz heute schon mittels Kern- und Wasserkraft praktisch CO2-freien Strom.

Mit der Konsequenz, dass die Kompensation nicht über die Abschaltung bestehender «Dreckschleudern» wie Kohlekraftwerke erfolgen kann. Vielmehr müssten «branchenfremde» Lösungen gefunden werden.

Riesiges Kompensationspotenzial

«Die Stromwirtschaft hat sich bislang einfach zu wenig um die Kompensationsfrage gekümmert», findet Alexis Fries. Fries ist Generaldirektor des Westschweizer Elektrizitätsunternehmen EOS, das trotz Inlandvergütung am Gas-Kombi-Projekt im Walliser Dorf Vouvry festhält.

Gehe man vom EU-Durchschnittspreis pro Tonne CO2 aus, sei das Kompensationspotenzial in der Schweiz riesig, meint Fries: «Zwei Millionen Tonnen CO2 pro Jahr liegen drin. Mindestens. Das reicht für drei grosse Gas-Kombi-kraftwerke.» Die Zahlen basieren auf Gutachten von Energie Schweiz - dem Energieeffizienz-Programm des Bundes.

Der Direktor der Alpiq-Hauptaktionärin EOS denkt dabei an Projekte wie Wärmerückgewinnung in Kläranlagen für Fernwärme oder besseres Energiemanagement in Gebäuden. Projekte, die bislang von der öffentlichen Hand nicht finanziert wurden. CO2-Abgaben könnten hier wie Subventionen wirken. Mit entsprechender Hebelwirkung.

Denn alleine das Gas-Kombi-Projekt Chavalon müsste über die gesamte Laufzeit eine halbe Milliarde Franken an CO2-Abgaben zahlen. Fries geht davon aus, dass nur schon mit diesem Betrag Projekte im Gesamtvolumen von fünf Milliarden Franken unterstützt werden könnten. Projekte, die ihr Energiespar- und Effizienzpotenzial über die maximale Laufzeit des Kraftwerks hinaus entfalten würden. Der EOS-Direktor hat zur Projekt- und Mittelvergabe der Kompensationsgelder die Stiftung Carmin gegründet. Offenbar haben Stromkonzerne wie Groupe E oder Axpo bereits ihr Interesse bekundet.