Architektur
Ganzes Dorf für 21 Millionen erbaut, nur um dort zu zeuseln

In Andelfingen hat der Kanton Zürich ein Kulissendorf erstellt, in dem die Feuerwehr Brände simuliert. 21 Millionen Franken das Ausbildungszentrum. Wozu diese schöne, teure Kulisse?

Andres Herzog*
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Schöne Geisterstadt aus Sichtbeton: Das Übungsdorf in Andelfingen ZH.

Schöne Geisterstadt aus Sichtbeton: Das Übungsdorf in Andelfingen ZH.

Sabrina Scheja

Die Schweiz baut teuer. Wer aber wirklich wissen will, was wir uns hierzulande leisten, fährt nach Andelfingen ZH. Dort steht ein kleines Dorf, aus Sichtbeton gegossen. Die Oberflächen sind glatt oder mit einer Holzmaserung geschalt. Die Fassaden fein gerillt, genoppt oder gemustert, auf manchen zeichnen sich reliefartig Fenster ab, wie bei den Arbeiten der Künstlerin Rachel Whiteread.

Doch in den Häusern lebt niemand. Sie gehören zum Ausbildungszentrum Andelfingen, kurz AZA, das der Kanton Zürich in den letzten Jahren erweitert hat. Auf dem Gelände lernen Feuerwehrleute, Brände zu löschen, trainieren Polizistinnen, wie man Demonstrationen auflöst, und üben Zivilschützer, Menschen aus Trümmern zu bergen. Es gibt Häuser, Gassen, eine Tankstelle und einen Dorfplatz. In einem Brandhaus übt die Feuerwehr mit Rauch und Flammen. An der Fassade daneben seilen sich Spezialeinheiten ab, ein Haus weiter hetzen Spürhunde durch die Gänge.

Baukunst sei hier nicht gefragt, könnte ein Ignorant denken. Für eine Brandmauer brauche es keinen Architekten. Doch Stefan Bitterli, bis 2011 Kantonsbaumeister, sah das anders. Er wollte nicht nur funktionale, sondern auch schöne Gebäude. Auch in einer Kampfmontur steckt letztlich ein feinfühliger Mensch. Also engagierte er vier Architekturbüros, die die einfachen Bauten – die meisten ungedämmt, unbeheizt und fensterlos – entwerfen durften.

Architekten gliedern, gestalten, komponieren. Doch die AZA-Häuser widersetzen sich dreist dieser ordnenden Kraft, der Übungsparcours definiert ihre Innenräume. Im Brandhaus sind die Wände schalottiert wie in einem Pizzaofen, einen Innenausbau gibt es kaum, das Reihenhaus besteht gar fast nur aus Fassaden. Eine undankbare Aufgabe. Die Architekten aber verzagten nicht und gaben sich mit ihrem ganzen entwerferischen Geschick der Hülle hin. Gerade dort trifft der dezidierte Gestaltungswille allerdings frontal auf die nüchterne Realität – auf Gummischrot und Wasserstrahl.

Es geht uns zu gut

Unverhältnismässig, denkt der Laie. Dabei haben es alle gut gemeint. Die Anlage sei kein Prunkbau, heisst es beim Kanton Zürich. Der Beton sei pflegeleicht und belastbar. 21 Millionen Franken hat die Erweiterung gekostet. Wie viel davon der Sichtbeton ausmacht, kann der Kanton auf Nachfrage nicht genau beziffern. Und die Architekten Moos Giuliani Herrmann, die die Gesamtleitung innehatten, halten fest: «Die Kosten entsprachen den Projektanforderungen und wurden eingehalten.» Trotzdem werden Staatsgegner beim Anblick der Anlage nun ihren Refrain summen: «Seht her, die öffentliche Hand verbuttert Geld!» Und auch wem Architektur ein teures Gut ist, der sieht hier nur eines in Beton verewigt: Es geht uns zu gut. Was sollen wir noch behübschen, damit wir glücklich werden, fragt sich der Verständnislose. Bauzäune? Bunker? Abwasserschächte?

Noch in den 1990er-Jahren, als in Andelfingen das letzte Brandhaus gebaut wurde, genügte ein anspruchsloses Betonskelett, mit Backsteinen ausgefacht. Auch die Lager daneben wurden als profane Schuppen konstruiert. Reine Gebrauchsbauten.

Heute spricht der Kanton dagegen von einem «architektonischen Objekt». Sogar ein Farbkonzept war geplant, obwohl die Nutzung sich dagegen sträubt. Wo Feuer lodert, werden die Wände schwarz, und wenn Gummischrot einschlägt, platzt jede Farbe ab. Aus Kostengründen wurde schliesslich darauf verzichtet. Immerhin. Der Sichtbeton aber blieb. Die Schalungseinlagen «suggerieren eine fragile Materialisierung» und ermöglichen «eine Vielfalt unterschiedlicher Erscheinungsbilder», heisst es in der Dokumentation. Der Ausdruck der Gebäude sei mit Blick auf die Übungen konzipiert. Am Alltag perlt diese Argumentation ab wie Wasser. «Eine kahle Wand hätte den Zweck auch erfüllt», meint ein erfahrener Trainingsteilnehmer. Für die Übungen seien die Öffnungen, Balkone oder Abseilhaken relevant, alles andere sei Geschmackssache.

Herausgeworfenes Geld?

Stell dir vor, es ist Architektur und keiner schaut hin. Da schluckt der Laie leer. Aber vielleicht war die architektonische Energie doch nicht vergebens. Immerhin robben 15 000 Personen jedes Jahr durch die Anlage. Ist es denkbar, dass die Polizisten, während sie Tränengas sprühen, die Präzision des Betons studieren? Die Feuerwehrleute die Leiter ausfahren und über die Proportionen der Fassade staunen? Das Übungsdorf als baukulturelle Bildungsstätte? Man möchte es noch so gerne glauben, doch der Banause schüttelt den Kopf. Fast hat er Mitleid mit der Betonhaut, die sich zart gegen die elementare Wucht spannt. Allerdings: Wo der Sichtbeton nicht verkohlt, wird er unbefleckt bleiben. Das Areal ist abgeschlossen, kein Sprayer wird die Zementmilch je bekleckern.

Nicht nur die Architektur des AZA ist übrigens pur. Wo früher eine schwarze Rauchsäule aufstieg, wird die Luft heute in den Brandräumen abgesaugt und gesäubert. Auch das Löschwasser versickert nicht mehr ungehindert im Boden. Und selbst das Brennholz ist jungfräulich rein. In einem Lagerhaus sind nagelneue Paletten gestapelt, die im Brandhaus verfeuert werden. Gebrauchte zu verbrennen, ist verboten. So will es das Umweltgesetz. So will es der Schweizer Ordnungssinn. Der unbelehrbare Laie fährt kopfschüttelnd nach Hause.?

* Andres Herzog arbeitet für die Zeitschrift «hochparterre»

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