«Mir sy Schwyzer,
Mir sy Walser,
Mir sy Gänfer, Bärner, Fricker
Schaanfigger
Mir sy Niederbipper, Oberdeppe», singt Endo Anaconda im Lied «Walliselle». Und wir sind Baselbieter, könnte man den Text von Stiller Has ergänzen. Und zwar leidenschaftliche. 

Am 28. September werden die Baselbieter unter uns sagen, was sie von einer Fusion mit den Städtern aus Basel halten: Nichts. Lieber stimmen die Parlamentarier die kantonale Hymne an, wenn die Vereinigung mit dem Stadtkanton aufs Tapet kommt.

Höhenfeuer im Landhalbkanton zeigen dieser Tage, wo die wahren Lokalpatrioten ihre Würste bräteln. Selbstständig und unabhängig will man sein. FCB und Job in der Stadt hin, Pendler- und Finanzströme her: Von Realitäten haben sich Überzeugungstäter noch nie beeindrucken lassen.

Es lebe der kleinräumige Föderalismus

Wahrlich keine Ausnahme im Schweizerland. Auch die Riggisberger sind überaus stolz auf Riggisberg. Hauptsache, man behält das eigene Spital und muss sich nicht im 19,7 Kilometer entfernten Bern behandeln lassen. Die Spitalkosten werden ja brüderlich auf den ganzen (klammen) Kanton verteilt.

Die paar Seelen auf der Bettmeralp sind Bettmer und nicht einfach Oberwalliser, wie der unbedachte Unterländer vielleicht meint.

Auch der Waadtländer fand dereinst, er habe wenig bis nichts mit dem Genfer am Hut. Und der Innerrhödler weigert sich, die Expo in der Ostschweiz finanziell zu unterstützen. Innerrhoden ist schliesslich Innerrhoden und nicht Ostschweiz. Jo sälewie!

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Die ausgeprägte Verbundenheit des Schweizers zur Scholle hat dem Land viel Gutes gebracht: Zentralistisch geplante, bürokratische Fehlleistungen blieben den Eidgenossen weitgehend erspart.

Probleme werden pragmatisch dort gelöst, wo sie entstehen. Die Bürger fühlen sich dem Gemeinwesen verpflichtet, ziviles Engagement gehört zum guten Ton. Nicht zuletzt ist der ausgeprägte Kantönli- und Dörfligeist für unser psychisches Wohlergehen mitverantwortlich. Zugehörigkeit und Geborgenheit sind unerlässliche Voraussetzungen, um sich im rauen Leben zurechtzufinden und zu behaupten.

Problematisch wird die Nabelschau dann, wenn sie Prozesse ignoriert, die längst stattfinden. Oder wenn dringend nötige Reformen auf dem Altar ideologischer Festgefahrenheit geopfert werden.

Die Gesundheitskosten laufen vor allem deshalb aus dem Ruder, weil die Kantone zur Zusammenarbeit unfähig sind. Die Raumplanung hat vielerorts versagt, weil jeder Dorfkönig macht, was er will.

Das Geplauder von der Unabhängigkeit des Baselbiets von der Stadt Basel – ihrem wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Fixpunkt – wäre harmlos, wenn nicht so viele Baselbieter es tatsächlich glauben würden.

Der Unabhängigkeitswahn nimmt mitunter groteske Züge an. Ein Land aber steht sich auf Dauer selbst im Weg, wenn es die Realität nicht mehr anerkennen will.

Vom Kleinen gibt es eine direkte Linie zum Grossen: Wer meint, der Kleinstaat Schweiz sei unabhängig von seinem Umland, der Europäischen Union, und könne sich jeden Sololauf leisten, irrt bedenklich. «Die ausserordentliche Fähigkeit der Schweiz liegt darin, zahlreiche Bindungen mit ihren Nachbarn einzugehen. Diese Fähigkeit hat es ihr ermöglicht, durch all die Jahrhunderte zu überleben und zu gedeihen», schreibt die Genfer Historikerin Joëlle Kuntz in ihrem lesenswerten Buch «Die Schweiz oder die Kunst der Abhängigkeit».

Reformunlust seit 1848

Es gibt gewiss Gründe, die gegen die Fusion von Baselland und Basel-Stadt sprechen. So wie es gute Gründe geben mag, warum die Riggisberger ihr eigenes Spital behalten sollen. Und die Ostschweiz wird auch ohne Appenzell Innerrhoden überleben.

Doch es lohnt sich, über unsere Unfähigkeit zur grossen inneren Reform vertieft nachzudenken. Seit 1848 ist sehr vieles gleich geblieben in einer Welt, die sich ständig verändert. Nur massiver Druck von aussen – oder vielleicht auch pure Not – bewegen das Land.

Die Schweiz steht vor grossen Herausforderungen: das Verhältnis zu Europa, die Sicherung der Altersvorsorge, die Kostensteigerung im Gesundheitswesen. Wer nur Höhenfeuer entfacht, hat keine zukunftstauglichen Lösungen parat.

«Mir hätte doch is Wallis sölle», singt Anaconda. «U nid uf Walliselle».

stefan.schmid@azmedien.ch