Gaddafi

Gaddafi, der Showman

Gaddafis grösste Leistung war die späte Erkenntnis, dass er nicht ewig gegen den Strom schwimmen kann.

Michael Wrase, Limassol

Muammar al-Gaddafi gilt als unberechenbar. Unlängst stieg er in Italien auf dem Weg zum G-8-Gipfel mitten auf der Autobahn aus seiner Limousine und lustwandelte - zum Entsetzen seiner wunderschönen Leibwächterinnen - mit einem Sonnenschirm entlang den angrenzenden Feldern. Auch in seiner Heimat liebt Gaddafi die Überraschung: Er lässt eine von Flak-Geschützen begleitete Autokolonne vorfahren und steigt 15 Minuten später aus einem altersschwachen Peugeot, den er selbst durch den Berufsverkehr von Tripolis gesteuert hat.

Tatsächlich ist Gaddafi nur als «Showman» weiterhin unberechenbar. Für seine Politik trifft dies inzwischen nicht mehr zu. Gaddafi hat dazugelernt. Er begriff, dass er nicht ewig gegen den Strom schwimmen kann und sein Volk die Zeche dafür zahlen muss. Für diese Erkenntnis brauchte er allerdings 30 Jahre.

Gaddafi war gerade einmal 27 Jahre alt, als er am 1. September 1969 den greisen König Idris stürzte und als Führer einer Militärjunta die Macht übernahm. Der libysche Revolutionsführer träumte damals von einem starken, vereinigten Arabien. Er unterstützte auch «Revolutionäre», die in Wirklichkeit Terroristen waren. Die Liste ist lang. Nicht nur Araber und Afrikaner, sondern auch Nordiren (IRA), und Deutsche (Rote-Armee-Fraktion) wurden von Gaddafi «gefördert». Gleichzeitig verpasste er seinem Volk mit der Dritten Universaltheorie eine Staatsdoktrin, die Kritiker als den «schlimmsten ideologischen Groschenroman» bezeichneten, der je auf Arabisch geschrieben wurde.

Bis Mitte der 80er-Jahre fühlte sich Gaddafi sicher. Nicht einmal die amerikanischen Bombenangriffe auf Tripolis und Bengasi brachten ihn zur Räson. Erst als ihm die Beteiligung bei den Anschlägen auf den Pan-American-Flug 103 sowie eine französische DC-10 nachgewiesen werden konnte, wurde es wirklich eng. Gaddafi musste sich entscheiden: entweder endgültige Abkehr vom Terrorismus oder Sanktionen ohne Ende. Der Libyer entschied sich für das Erste, weil er wusste, dass er nur dann politisch überleben würde.

Fortan machte er alles richtig, was er früher falsch gemacht hatte: Er erkannte die Souveränität des Tschad über den Aouzou-Streifen an und stellte seine Unterstützung für die Widerstandsgruppen der Tuareg und Tubu ein. Nach der Versöhnung mit Ägypten und Algerien lieferte Gaddafi die Lockerbie-Attentäter aus und zahlte den Hinterbliebenen hohe Entschädigungen. Nüchtern betrachtet hatte der Libyer Glück, dass sich die USA, Grossbritannien und Frankreich mit Schmerzensgeld und zwei Bauernopfern begnügten. Man hätte Gaddafi für seine Verwicklung in unzählige Terrorakte auch zum Internationalen Gerichtshof in Den Haag bringen können.

Was ihn vor einer langen Haftstrafe rettete, waren Libyens reiche Ölvorkommen - der Westen war und ist an Stabilität in dem nordafrikanischen Staat interessiert. Dass Gaddafi nach seiner Abkehr vom Terrorismus weder Demokratie noch Menschenrechte akzeptiert, spielt dabei keine Rolle.

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