Schweizer Islam-Verband
«Für uns Europäer ist es noch schlimmer als 9/11»

Der Präsident des wichtigsten Schweizer Islam-Verbands warnt vor Verdächtigungen und sieht die Muslime in der Verantwortung

Daniel Fuchs und Annika Bangerter
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Montassar BenMrad

Montassar BenMrad

Severin Nowacki

Herr BenMrad, wie schwer ist es derzeit, Muslim zu sein?

Montassar BenMrad: Es war schon angenehmer. Wir müssen aber unsere Leben so weiterführen wie bis anhin, denn wenn wir unser Leben wegen der Terroristen ändern, dann gestehen wir ihnen nur den Erfolg zu, nach dem sie suchen.

Die Attacken in Paris schockieren. Wie reagieren die Muslime?

Auch wir Muslime verstehen nicht, wie jemand so feige Menschen töten kann. Diese Barbarie hat eine grosse Auswirkung auf uns Menschen und bereitet uns grosse Sorgen. Die Muslime verurteilen die Attacken deshalb ja auch aufs Schärfste. Für uns Europäer ist es diesmal noch fast schlimmer als 9/11, weil wir spüren: Es kann überall passieren, nicht nur auf den höchsten Türmen Amerikas.

Hätte es ebenso gut wie Paris Genf oder Zürich treffen können?

Ausschliessen kann man Anschläge wohl nirgendwo. Aber man kann Paris nicht mit Zürich vergleichen. Zu gross ist in Frankreich die Symbolik der kolonialistischen Geschichte. Zudem steckt Frankreich im Krieg gegen den sogenannten Islamischen Staat. Präsident Hollande nannte die Terroranschläge ja auch einen Kriegsakt. Die Schweiz hingegen hat keine kolonialistische Historie und ist in keinem Land in einen Krieg verwickelt, sondern mehr um Frieden bemüht.

Und wie wirken sich ablehnende Symbole gegenüber dem Islam wie das Minarettverbot aus?

Solche Initiativen sind politisch nicht klug. Denn sie bedeuten mehr Stigmatisierung in der Bevölkerung und fördern eine Radikalisierung unter gewissen Gruppen. Man darf nicht vergessen: Nach dem Minarettverbot haben sich Gruppen wie der radikale Zentralrat überhaupt erst gebildet. Dabei geht es aber mehr um Innen- denn um Aussenpolitik.

Anerkennen Sie damit ein bestimmtes Risiko aus dem Inland?

Sicherheitsexperten wiederholen ja immer wieder: Es gibt kein Nullrisiko. Aber in Frankreich und in der Schweiz unterscheiden sich auch die Bevölkerungen komplett. Gerade einmal 1,5 Muslime pro 100 000 Muslimen in der Schweiz ziehen durchschnittlich jedes Jahr in den Dschihad. Natürlich ist das eine Person zu viel. Auf der anderen Seite haben Jugendliche in der Schweiz dank einer guten Integrationspolitik effektive Zukunftsperspektiven. In Frankreich oder auch in Belgien gibt es viel mehr Jugendliche, die in der Vergangenheit vor allem durch Kleinkriminalität aufgefallen sind. Sie haben auch keine gute Schulbildung, waren im Gefängnis und erhoffen sich Anerkennung und Ruhm durch Anschläge.

Vermuten Sie Terroristen unter Flüchtlingen, die Europa und die Schweiz erreichen?

Ausschliessen kann man das nicht. Aber wir müssen aufpassen, dass wir die Themen nicht vermischen. Es gibt wesentlich mehr Leute, die in einer Notsituation sind und ihr eigenes Leben retten wollen, also vor Krieg fliehen. Wir dürfen die Flüchtlinge nicht unter Generalverdacht stellen. Wir müssen doch die europäische humanitäre Tradition hochhalten.

Immerhin soll einer der Paris-Attentäter über Griechenland nach Europa gekommen sein.

Man muss die Ermittlungsresultate abwarten. Leute, die zu solchen Taten fähig sind, werden kaum ihre eigenen Pässe, sondern gefälschte auf sich tragen.

Wie kann sich die Schweiz vor Schläfern schützen, vor denen Bundesrat Ueli Maurer warnt?

Falls es solche Fälle gibt, ist es eine Frage, welche die Sicherheitsbehörden zu beantworten haben. Herr Maurer wird über die entsprechenden Informationen verfügen. Ich hoffe, dass er sich auf seriöse Quellen stützt. Alle müssen daran arbeiten, die Risiken zu eliminieren, inklusive wir Muslime. Das ist eine Bürgerpflicht.

Sie sprechen von Bürgerpflicht: Wie kann man als Bürger denn eine Radikalisierung erkennen?

Das ist heikel. Die Kantonspolizei Thurgau zum Beispiel macht von sehr unvernünftigen Kriterien Gebrauch. Man kann doch nicht jemanden verdächtigen, nur weil die Person plötzlich Kopftuch oder Bart trägt und sich für den Islam interessiert. Da müssen wir sehr aufpassen. Denn: Eine Profilierung generiert mehr Generalverdacht, und der Muslim darf nicht unter Generalverdacht geraten, einfach weil er Muslim ist.

Offenbar ist es so, dass der radikale Islam Anziehungskraft auf gewisse Jugendliche hat. Warum schaffen es moderate Muslime nicht, Jugendliche abzuholen?

Man könnte auch fragen, warum es Jugendliche gibt, die sich von extremistischen Positionen ganz rechts oder ganz links angezogen fühlen. Oder von Hooligans. Warum schafft es die Gesellschaft nicht, das zu verhindern? Es gibt nun einmal Jugendliche, die Probleme haben und in den Extremen ihre eigene Identität bilden. Das ist aber ein extrem kleiner Teil und wir dürfen auch die Jugend nicht unter einen Generalverdacht stellen.

Wie wollen Sie und wie soll die Gesellschaft mit diesem Generalverdacht umgehen?

Wir brauchen einen Konsens in der Gesellschaft, inklusive Christen, Juden und Muslime. Es braucht einen kollektiven und solidarischen Bürgersinn, um den interreligiösen Zusammenhalt zu stärken. Und damit meine ich nicht nur den interreligiösen Dialog. Es geht um das Zusammenleben, den sozialen Frieden und die Historie der schweizerischen Gesellschaft. Wir alle müssen das schützen. Und die Muslime sind auch dazu bereit, ihren Teil beizutragen.

Sollen sich die Muslime überhaupt zu Attentaten äussern?

Ja, unbedingt. Wir Muslime sollten solche Attentate verurteilen. Warum sollen wir verstecken, dass wir schockiert sind? Verstecken wir unsere Gefühle, dann machen wir uns nur wieder verdächtig.

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