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Für mehr Transparenz: Lohn soll im Stelleninserat stehen

Der Druck auf mittlere Saläre nimmt zu. Der Arbeitnehmerverband Angestellte Schweiz fordert deshalb Massnahmen. Transparenz bei den Löhnen «führt zu fairen Löhnen und verhindert Lohndumping», sagt Geschäftsführer Stefan Studer.

Antonio Fumagalli
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Schweizer Tieflöhne sind nicht erst seit der von den Gewerkschaften ergriffenen und im Mai an der Urne sang- und klanglos versenkten Mindestlohninitiative ein Politikum. Mittlere Löhne hingegen – die Literatur geht für einen Einpersonenhaushalt von einem jährlichen Bruttoeinkommen zwischen rund 50 000 und 100 000 Franken aus – finden in der öffentlichen Wahrnehmung weniger Beachtung. Dies, obwohl die grosse Mehrheit der Bevölkerung dem erweiterten Mittelstand angehört.

Der zehnte Observatoriumsbericht zu den Auswirkungen der Personenfreizügigkeit auf den Schweizer Arbeitsmarkt, den das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) im Juli veröffentlicht hat, lässt nun jene aufhorchen, die einen Universitäts- oder Fachhochschulabschluss oder eine abgeschlossene Berufsausbildung aufweisen. Gemäss dem Bericht hat die Zuwanderung in diesem Lohnsegment «einen gewissen Dämpfungseffekt gehabt». Die wachsende Nachfrage nach höheren Qualifikationen hätte laut Seco eher eine stärkere Lohnentwicklung erwarten lassen. Kurz: Die mittleren Löhne sind unter Druck.

Für den Arbeitnehmerverband Angestellte Schweiz ist deshalb die Zeit gekommen, Gegensteuer zu geben – und zwar mit mehr Transparenz bei den Löhnen. «Das führt zu fairen Löhnen und verhindert Lohndumping», sagt Geschäftsführer Stefan Studer.

Die Mieten als Vorbild

Konkret schwebt dem Verband ein System vor, das sich an Mietverhältnissen orientiert: Mehrere Kantone hatten die sogenannte Formularpflicht schon eingeführt, bevor der Bundesrat kurz vor der Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative diese auch auf nationaler Ebene vorschlug.

In Bezug auf die Löhne heisst das: Der Referenzlohn – nicht zu verwechseln mit dem Mindestlohn – soll aus Sicht von Angestellte Schweiz idealerweise bereits in der Stellenausschreibung kommuniziert werden. So wissen künftige Mitarbeiter vor der Lohnverhandlung, in welchem Rahmen sie sich bewegen können, und sind weniger anfällig auf zu tiefe Angebote des Arbeitgebers.

Dass dies ein durchaus gangbarer Weg ist, zeigt das Beispiel der Zürcher Verkehrsbetriebe (VBZ) – sie weisen die Lohnbandbreite schon heute in den Jobinseraten aus. So erfährt man, dass ein Bahningenieur mit einem Jahreslohn zwischen 105 000 und 140 000 Franken rechnen kann. «Die Bewerber geben alles von sich preis, darum machen wir das auch», sagte Personalchef Jörg Buckmann gegenüber «20 Minuten».

Der schweizerische Arbeitgeberverband zeigt sich skeptisch gegenüber einer generellen Transparenzpflicht. «Das ist eine Frage der Kultur, jedes Unternehmen soll das für sich selbst entscheiden können», sagt Präsident Valentin Vogt. Der Lohn sei nur ein Bestandteil der Arbeitsbedingungen. Indem man ihn so ins Zentrum rücke, würden andere Elemente, die für ein gutes Arbeitsverhältnis ebenfalls ausschlaggebend sind, vernachlässigt.

Instrument zur Lohnkontrolle

Dass der Bund die Deklaration von Referenzlöhnen vorschreibt, ist politisch nicht mehrheitsfähig. Verschiedene Branchen haben aber in Eigenregie ein System gefunden, das einen gewissen Vergleich zwischen den Löhnen erlaubt. Am weitesten ist der Industrieverband Swissmem beziehungsweise rund 300 seiner Mitglieder.

Diese liefern Landolt & Mächler, einem externen Beratungsunternehmen, anonymisierte Daten über die jeweiligen Löhne ihrer Mitarbeiter – kombiniert mit Angaben zu deren Funktion, Ausbildung und Erfahrung. Kostenpunkt für eine Firma ab 50 Mitarbeitern: 2750 Franken pro Jahr. Als Gegenleistung liefert die Beratungsfirma Vergleichswerte von anderen Marktteilnehmern – aber so, dass keine Rückschlüsse auf die einzelne Firma möglich sind. «Unseren Partnern gibt dies ein Instrument zur Kontrolle ihrer Lohnkosten und dient zur Personalplanung und -förderung», sagt Inhaber Thomas Landolt.

Eine Pflicht, die Informationen an Arbeitnehmer und Bewerber weiterzuleiten, gibt es nicht. Dennoch profitieren laut Landolt auch sie von den Salärvergleichen, weil damit unberechtigte Ausreisser schneller erkannt werden – gegen oben wie auch gegen unten.