In Japan droht eine Atom-Katastrophe. Jeder Schweizer fragt sich jetzt, wie sicher unsere Atomkraftwerke sind.

Walter Wildi: In Japan gibt es zwei grosse Probleme. Das Alter der Kernkraftwerke und die Notfallsysteme. Die Situation lässt sich gut mit der Schweiz vergleichen.

Inwiefern?

Die beschädigten Reaktoren in Japan sind von der gleichen Generation wie die AKW in Mühleberg und Beznau. Fukushima 1 ist ziemlich genau der gleiche Typ wie Mühleberg. Bei all diesen Werken geht es um die Frage, wie sich die Alterung auf die Sicherheit auswirkt. Mit den 40-jährigen Reaktoren verhält es sich ähnlich wie mit Autos. Selbst mit Nachrüstungen wird aus einem VW Käfer aus den 60er-Jahren kein Toyota Prius.

Aber die Betreiber machen regelmässig Sicherheitstests?

Ja, aber die finden immer bei schönem Wetter statt. Wir können kein Erdbeben oder andere Katastrophen simulieren und dann testen.

Was ist mit den Notfallsystemen?

Diese haben in Japan zum Teil versagt. Bei vier von zehn abgeschalteten Reaktoren hat die Notstromversorgung nicht funktioniert. Ohne Notstrom kann kein Kühlwasser in die Anlage hineingepumpt werden. Ein Notfallsystem, das im Notfall versagt, ist besorgniserregend.

Auf welchem Stand sind die Notfallsysteme in der Schweiz?

Es gibt immer wieder Testläufe in den Schweizer KKW, in welchen diese Systeme nicht funktionieren. Es braucht in der Schweiz eine bessere Stromversorgungsausrüstung für den Notfall. Diese sind heute punkto Verlässlichkeit durchaus vergleichbar mit Japan. Europa ist 2006 haarscharf an einer Atomkatastrophe vorbeigeschrammt, als im schwedischen KKW Forsmark sieben von neun Notstromquellen ausgefallen sind.

Sie haben vor ein paar Jahren als Präsident der Atomaufsicht kritisiert, dass die Schweizer AKW-Betreiber zu zurückhaltend über Zwischenfälle informieren. Pannen würden im Ausland schärfer bewertet. Hat sich dies inzwischen gebessert?

Die Aufsicht selbst ist heute sicher transparenter. Auf ihrer Homepage ist eine breite Palette an Informationen und Dokumenten aufgeschaltet.

Bereits ist vom Ende des Atomzeitalters die Rede. Teilen Sie diese Ansicht?

Das ist jetzt stark davon abhängig, ob Japan die Situation in den havarierten Kernkraftwerken unter Kontrolle bringt. Wenn dies gelingt, dann sind die Vorfälle in ein paar Jahren in den Köpfen der Leute nicht mehr präsent. Falls es hingegen zur nuklearen Verschmutzung von Böden und Gewässern kommt und ganze Gebiete für Jahrzehnte unbewohnbar bleiben, wird es die Atomkraft schwer haben.

Bundesrätin Leuthard hat die laufenden Gesuche für neue AKW sistiert. Ist das sinnvoll?

Die ganze Schweiz hat diese Massnahme wohl erhofft.