Man reibt sich die Augen: Jahrelang vertraute man darauf, dass unsere AKW sicher seien, ja die sichersten überhaupt. Weil unsere Behörden und die Kraftwerkbetreiber das immerzu beteuerten. Nun schreibt das Bundesverwaltungsgericht über das AKW Mühleberg: Wegen Rissen im Kernmantel gebe es «erhebliche Zweifel an der Sicherheit», bezüglich Erdbeben seien «bedeutsame sicherheitsrelevante Fragen» noch offen, die Reaktorkühlung sei «zurzeit ungenügend abgesichert». Entweder werden diese Mängel rasch behoben, oder Mühleberg geht 2013 vom Netz. Immerhin geht es um ein AKW vor den Toren Berns: Mit einer 30-Kilometer-Sperrzone wie um Fukushima würde aus unserer Bundesstadt eine Geisterstadt.

Man reibt sich nochmals die Augen, wenn man sieht, wie die Behörden jetzt die Verantwortung hin- und herschieben: Das Energiedepartment Uvek verweist an die Aufsichtsbehörde Ensi, auf dessen Expertisen es sich verlasse. Das Ensi seinerseits verweist ans Uvek, das politisch über eine allfällige Stilllegung entscheiden müsse. Wetten, dass niemand schuld wäre, wenn tatsächlich etwas passieren würde? Und wetten, dass die Mängel ohne die erhöhte Sensibilität nach Fukushima nicht zum Vorschein gekommen wären?

Die AKW-kritischen Anwohner wurden - wie alle Kritiker der Atomkraft - regelmässig als notorische Nörgler abgetan, wie man das in der Schweiz gern macht, wenn jemand eine heilige Kuh angreift. So war es während Jahren auch mit Armee- und Bankgeheimnis-Kritikern. Wer das Gerichtsurteil vom Mittwoch liest, muss jedoch kein flammender AKW-Gegner sein, um zum Schluss zu kommen: Das Aufsichts- und Bewilligungsverfahren ist ziemlich dilettantisch. Dieser Eindruck lässt sich auch mit dem Argument nicht wegwischen, der Gerichtsentscheid sei politisch motiviert. Schliesslich setzt sich das fünfköpfige Gremium paritätisch zusammen und wird von einem SVP-Mitglied präsidiert.

Morgen Sonntag jährt sich die Reaktor-Katastrophe von Fukushima. Noch vor einem Jahr sah die Energiezukunft der Schweiz komplett anders aus: Der Bau eines neuen AKW schien mehrheitsfähig und war in Planung. 75 Tage nach der Zäsur Fukushima beschloss der Bundesrat den Atomausstieg, das Parlament folgte. Inzwischen ist Unsicherheit eingekehrt, denn eine grosse Ankündigung ist einfacher gemacht als eine konkrete Umsetzung. Ein Konzept dazu wird Energieministerin Doris Leuthard im Sommer präsentieren.

Trotz Fukushima gibt es neben der Schweiz nur wenige Länder, die auf AKW verzichten - Deutschland, Belgien, Italien. Und zumindest vorübergehend Japan: Dort gehen Ende Monat für Wartungsarbeiten die letzten beiden von einst 54 AKW vom Netz. Interessant: Die Stromversorgung funktioniert trotzdem. Dank Sparmassnahmen. Und vor allem dank Gas und Öl. Allerdings zu deutlich höheren Kosten und mit deutlich höherem CO2-Ausstoss. Das ist der Preis eines AKW-Verzichts - und ein Vorbote dessen, was auf die Schweiz zukommt, wenn sich unser Land mittelfristig wirklich vom Atomstrom verabschiedet. Alles kann man nicht haben.