Umbau mit Mängel
«Fühlte mich wie in einer Sackgasse»: Neues Central verärgert Rollstuhlfahrer

Die Behindertenorganisation reklamiert bei der Stadt Zürich – und stösst nur bedingt auf Verständnis.

Benjamin Weinmann
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Seit Mitte August ist das neu e Central in Betrieb.

Seit Mitte August ist das neu e Central in Betrieb.

Samuel Schalch /Tages-Anzeiger

Rund 20 Millionen Franken kostete der Umbau des Zürcher Centrals. Dabei wurde die Geduld der Pendler und Passanten während fünf Wochen auf die Probe gestellt, schliesslich fahren normalerweise sechs Tramlinien über den Platz nahe des Zürcher Hauptbahnhofes. Täglich verkehren hier 1630 Fahrzeuge. Mit 46 000 Personen belegt das Central in der Haltestellen-Hitparade der Stadt gar den siebten Platz, wie der «Tages-Anzeiger» zur Wiedereröffnung Mitte August schrieb.

Sechs Jahre lang hatte die Stadt in die Umbauplanung investiert. Und nun also der grosse Wurf? Nicht in den Augen von Sarah K. (Name der Redaktion bekannt). Die 31-jährige Frau aus Zürich ist gehbehindert und ist zuweilen auf einen Rollstuhl angewiesen. «Ich freute mich auf die Wiedereröffnung, da wir davon ausgingen, dass die Perrons nun rollstuhlfreundlich erhöht wurden.» Doch ihre Hoffnungen waren von kurzer Dauer. «Im Rollstuhl sitzend kam ich mit meinem Partner vom Dörfli her zum Central und fühlte mich wie in einer Sackgasse.»

An verschiedenen Stellen seien die Kanten bei den Strassenüberquerungen nach wie vor zu hoch, sagt Sarah K.. Sie hätten zuerst eine halbwegs passable Stelle suchen müssen. «Dann standen wir plötzlich auf den Geleisen und fanden keine tiefe Kante.» Schnell gelangten sie und ihr Partner, der sie schob, ans Ende des Perrons, um dort den Übergang zu schaffen. «Wäre ich alleine gewesen, hätte ich das nicht geschafft. Und wenn dann noch ein Tram gekommen wäre....» Daran wolle sie sich gar nicht denken.

«Äusserst unbefriedigend»

Doch auf dem Perron kam die nächste Enttäuschung. «Wir wollten das 10er-Tram nach Oerlikon nehmen, bis wir realisierten, dass die Perrons gar nicht erhöht wurden. So sind sogar die Niederflurtram-Eingänge nach wie vor zu hoch für den Rollstuhl, um selbstständig einsteigen zu können.» Also nahm sie den Umweg zum Bahnhofplatz auf sich, wo die Perrons höher liegen.

Bei der Behindertenkonferenz Kanton Zürich (BKZ), einem Zusammenschluss von rund 80 Behindertenorganisationen, herrscht das gleiche Unverständnis. «Die Situation beim umgebauten Central ist äusserst unbefriedigend», sagt BKZ-Geschäftsleiterin Marianne Rybi. Die autonome Zugänglichkeit für Menschen im Rollstuhl sei nicht gegeben und es fehle an Orientierung. «Es ist nur schwer erkennbar, wo eine hindernisfreie Überquerung möglich ist.»

Man habe das Tiefbauamt Zürich kontaktiert und hoffe auf ein klärendes Gespräch vor Ort, um auf die Mängel aufmerksam zu machen, sagt Rybi. Dazu würden auch die vielen hohen Randabschlüsse dazugehören. «Uns wurde im Vorfeld eine bessere Situation nach dem Umbau versprochen, als sie sich jetzt präsentiert.»

Dass hingegen die Tramperrons nicht erhöht würden, habe man gewusst, sagt Rybi. Tatsächlich hatte die BKZ deshalb schon in der Planungsphase 2013 Einsprache gegen das Projekt erhoben, da das Tiefbauamt Zürich (TAZ) und die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) keine entsprechende Anhebung vorsahen. «Dabei ist das ein klarer Verstoss gegen das Behindertengleichstellungsgesetz und die UNO-Behindertenkonvention, welche die Schweiz 2014 unterzeichnet hat. Die jetzige Situation genügt den Richtlinien, denen wir uns verpflichtet haben, nicht.»

Schweiz im Hintertreffen

Das TAZ hatte deswegen beim Bundesamt für Verkehr eine Bewilligung für den Umbau eingefordert, die über die Behindertenregelwerke hinwegsah. Die Stadt argumentierte damit, dass hohe Haltekanten nur möglich wären, wenn der ganze Raum Rudolf-Brun-Brücke, Walchebrücke, Bahnhofplatz umgebaut würde. Mit den heutigen geometrischen Gegebenheiten seien behindertengerechte Haltestellenkanten nicht möglich. Also blieb es bei der Erneuerung der Gleise.

Die Trams hätten Klapprampen an Bord, sagt TAZ-Ingenieur Vilmar Krähenbühl, die Rollstuhlfahrer benutzen könnten mit Hilfe des Tramchauffeurs, nachdem man ihn per Handzeichen darauf aufmerksam mache. Bezüglich der mangelhaften Wegführung am Central sei man offen für ein Gespräch mit der BKZ.

In der Stellungnahme der Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) an das Bundesamt für Verkehr, zeigt sich, dass die Stadt auf Zeit spielt. Der «Nordwestschweiz» liegt das Schreiben vor. Darin heisst es konziliant: «Der nächste Gleisersatz wird aufgrund der Erfahrungswerte in ca. 15 Jahren erforderlich sein, so dass auf diesen Zeitpunkt hin eine umfassende Lösung, allenfalls auch mit Brückenverbreiterung gesucht werden kann.» Doch heute sagt Stadtingenieur Krähenbühl, es seien keine Verbesserungen geplant.

Im VBZ-Schreiben an den Bund kommt das eigentliche Problem zum Ausdruck, nämlich die Haltung, dass sich Behinderte nicht zu beklagen brauchen: «Ein Gehbehinderter hat durch entsprechende Planung seiner Reise auf dem Netz der VBZ viele Möglichkeiten, eine Haltestelle ohne autonomen Zugang zu den Fahrzeugen zu meiden und ohne nennenswerte Umwegfahrten und Zeitverlust (...) umzusteigen.» Auch wolle man den motorisierten Individualverkehr nicht durch komplizierte Umbauten beeinträchtigen.

Fakt ist: Die Schweiz hat ihre Hausaufgaben für die Erfüllung der UNO-Behindertenkonvention noch lange nicht erfüllt. Die Dachorganisation «Inclusion Handicap» wies kürzlich in einem Schattenbericht an die UNO darauf hin, dass in sämtlichen Lebensbereichen Handlungsbedarf besteht. Für die konsequente Umsetzung der Konvention braucht es aus Sicht der Organisation, die von Ständerätin Pascale Bruderer präsidiert wird, einen konkreten Plan, der durch Bund und Kantone gemeinsam mit den Behindertenorganisationen erarbeitet wird. Dieser fehle jedoch heute. Der politische Wille sei nicht vorhanden.