Stefan Brändle, Paris

Zum Glück hat Nicolas Sarkozy einen willigen Premierminister, der sich im Normalfall im Schatten des Präsidenten hält und im Notfall den Kopf hinstreckt. Am Sonntagabend trat François Fillon brav vor die Fernsehkameras, um seine «Enttäuschung» über das Wahlresultat einzugestehen. Von Sarkozy keine Spur, ja nicht einmal ein inoffizieller Kommentar zum überragenden Wahlsieg der Linksopposition. Von 22 Festlandgebieten eroberten Sozialisten, Grüne und andere Linkskräfte deren 21; nur das gutbürgerliche Elsass tanzt aus der rosa Reihe. Von den vier Überseegebieten gewann die Rechte zwar deren zwei, doch herrschen dort eigene Lokalgesetze; in Guyana gewann zum Beispiel ein Rechtskandidat, der kurioserweise als «sarkozystischer Sozialist» gilt.

Fillon erklärte vor den Fernsehkameras leidenschaftslos, seine Regierung wolle das Wahlresultat «respektieren». Doch was bedeutet das? Einen Kurswechsel nach links? Vertreter der bürgerlichen «Union für eine Volksbewegung» (UMP) verlangen das pure Gegenteil: Sarkozy habe sich die Wahlschlappe selber eingebrockt, indem er mit sozialistischen Ministern eine politische «Ouverture» versucht habe. Dies habe ihm links keine Stimmen gebracht, rechts aber viele gekostet; einzig der Front National sei dadurch gestärkt worden.

Die Rechtsextremen erzielten in den Regionen, in denen sie in die Stichwahl vorgedrungen waren, in der Tat mehr als 17 Prozent der Stimmen. Parteigründer Jean-Marie Le Pen kam in der Region Provence-Côte d’Azur, wo er wohl zu seinem letzten Wahlkampf angetreten war, sogar auf 23 Prozent.

Sarkozy muss sich entscheiden

Was tun also? Die innenpolitisch brisante Frage stellt sich für Sarkozy auch vor dem Hintergrund der Griechenlandkrise: Braucht Frankreich, dessen Staatsschuld und Haushaltsdefizit Rekordwerte erreichen, harte liberale Reformen — oder muss es mit «weichen» Massnahmen auf die Opfer der Wirtschaftskrise und der steigenden Arbeitslosigkeit Rücksicht nehmen?

Der konservative «Figaro», seit der Wahl Sarkozys 2007 das Verlautbarungsorgan des Elysée-Palastes, skizzierte gestern die präsidialen Pläne. Das Experiment der «Ouverture» werde bei einer «kleinen Regierungsumbildung» gestoppt. Ersetzt werden vorab jene Minister, die in der Regionalwahl kandidiert hatten — gewonnen hatte kein einziger.

Und die Reformen? Laut «Figaro» sollen sie auf «konzentrierte» Weise weitergehen. Also nicht mehr tausend verzettelte Ankündigungen, mit denen Sarkozy nur die Franzosen kopfscheu macht, sondern die «Beschränkung aufs Wesentliche». Als Erstes nennt der «Figaro» die Rentenreform. Sarkozy will sie noch vor dem Sommer über die Bühne bringen. Dabei dürfte er aber ähnlich viel Mühe bekunden wie Barack Obama mit der Gesundheitsreform.

Zumal der französische Präsident stark geschwächt aus der Regionalwahl hervorgeht. Das Linksblatt «Libération» kommentiert bereits: «Jedermann sieht nun, dass die Wiederwahl von Nicolas Sarkozy unsicher geworden ist.»

Wer kann den Präsidenten schlagen?

Seine Gegner wittern hingegen Morgenluft. Ségolène Royal, die in ihrer Region Poitou-Charentes mit über 60Prozent der Stimmen ein Traumresultat erzielte, kündigte ihre Rückkehr auf die nationale Bühne an. Das stört zuerst Sozialistenchefin Martine Aubry, die ihre eigene Ausgangslage mit dem Wahlsieg stark verbessert. Ihre trocken-mürrische Art, die sie in den Augen vieler Medien «unpräsidiabel» gemacht hatte, gilt mit einem Mal als Vorteil gegenüber dem versatilen Medientänzer Sarkozy.

Der Dritte im sozialistischen Bewerberbund ist Dominique Strauss-Kahn, Direktor des Internationalen Währungsfonds. Sein Handicap ist, dass seine Partei den eigenen Präsidentschaftskandidaten schon 2011 bestimmen will. «DSK» müsste sich deshalb schon bald entscheiden, ob er seinen Posten in Washington für eine unsichere Kandidatur aufgeben will. Laut den letzten Umfragen hat er immerhin mehr Chancen als Aubry oder Royal, Sarkozy zu schlagen. Erstmals klar im Hintertreffen, was diese Publikumsbefragungen betrifft, muss sich der Präsident etwas einfallen lassen. Eine Regierungsumbildung wird bald nicht mehr genügen.