Fahrausweise

Für fast 50 Prozent mehr Senioren heisst es «Billett weg»

Immer mehr Senioren müssen das «Billett» abgeben – weil sie den vereinheitlichten Gesundheitscheck nicht bestehen. (Symbolbild)

Immer mehr Senioren müssen das «Billett» abgeben – weil sie den vereinheitlichten Gesundheitscheck nicht bestehen. (Symbolbild)

Mit 70 müssen Autofahrer zum ersten Fahreignungstest. Immer mehr Senioren bestehen diesen nicht mehr. Letztes Jahr entzogen die kantonalen Verkehrsämter 50 Prozent mehr 70- bis 74-Jährigen den Fahrausweis als noch vor zwei Jahren.

Das Parlament hat in der vergangenen Herbstsession entschieden, die Alterslimite zu erhöhen. Voraussichtlich Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres müssen die Autofahrer erst mit 75 anstatt 70 Jahren den ersten obligatorischen Fahreignungstest bei einem Arzt absolvieren.

Noch bevor die Neuerung in Kraft tritt, zeigt sich jetzt: Immer mehr 70- bis 74-jährige Autofahrer müssen das «Billett» wegen Gesundheitsproblemen abgeben. Ordneten die kantonalen Strassenverkehrsämter 2015 noch 836 Ausweisentzüge in dieser Alterskategorie an, waren es im letzten Jahr 1257, wie aktuelle Zahlen des Bundesamtes für Strassen zeigen. Das entspricht einer Zunahme um 50 Prozent.

Die Steigerung lässt sich zum einen mit der Demografie erklären: Es gibt schlicht und einfach immer mehr älte- re Autofahrer. Eine wichtige Rolle spielt zum anderen die neue, seit dem 1. Juli 2016 gültige Verkehrszulassungsverordnung. Die medizinischen Anforderungen an Lenker wurden zwar sogar leicht gelockert, etwa bezüglich des Sehvermögens. Dafür führte der Bund einheitliche Abläufe und Formulare für die medizinischen Fahreignungstests ein. «Damit sollte auch eine bessere und möglichst einheitliche Untersuchungsqualität gegeben sein», sagt Sven Britschgi, Geschäftsführer der Vereinigung der Strassenverkehrsämter.

Strengere Verordnung

Rund ein Viertel der Ärzte besuchte sodann einen von der Schweizerischen Gesellschaft für Rechtsmedizin (SGRM) entwickelten Weiterbildungskurs. Ärzte, die das nicht taten, müssen sich das notwendige Wissen zur Durchführung von Fahreignungstests selber aneignen. «Die Verkehrszulassungsverordnung ist nicht strenger geworden, aber sie sorgt dafür, dass die Ärzte genauer hinschauen», sagt Verkehrsmediziner Rolf Seeger, der die SGRM-Weiterbildung konzipiert hat.

Jean-Maurice Fournier leitet beim Schweizerischen Seniorenrat (SSR) die Arbeitsgruppe Mobilität. Er beobachtet die Zunahme der Ausweisentzüge bei Senioren mit gemischten Gefühlen. Es sei zwar möglich, dass Hausärzte bei den Tests früher manchmal ein Auge zugedrückt hätten. «Die neuen Regeln dürfen aber nicht dazu führen, dass den älteren Fahrern der Ausweis exzessiv weggenommen wird. Wir sind nicht alle Geisterfahrer», sagt Fournier. Wenn man Senioren den Fahrausweis zu Unrecht entziehe, beraube man sie ihrer Mobilität und schränke damit ihre Möglichkeit ein, am sozialen Leben teilzunehmen. Der SSR setzte sich aktiv für eine Erhöhung der Alterslimite ein.

Tausende verzichten freiwillig

Verkehrsmediziner Seeger hingegen befürchtet, dass sich Tausende Senioren noch ans Steuer setzen, «die es nicht mehr tun sollten». In der Tat verzichteten 2016 laut Schätzungen des Bundes 9800 Fahrer im Alter von 70 bis 74 Jahren nach einem obligatorischen Kontrollcheck freiwillig auf das «Billett». Schlüpfen diese Verkehrsteilnehmer wegen des höheren Kontrollalters künftig durch die Maschen? Fournier glaubt das nicht. Er verweist zum einen auf eine Sensibilisierungskampagne, die der Bund im Zusammenhang mit Kontrollalter 75 lancieren möchte. Zum anderen setzt er auf die Eigenverantwortung: «Die Senioren und ihr Umfeld merken es oft selber, wenn die Zeit gekommen ist, nicht mehr Auto zu fahren.»

Pro Senectute, die grösste Dienstleistungsorganisation für ältere Menschen in der Schweiz, beurteilt das höhere Kontrollalter hingegen kritisch. «Mit der Heraufsetzung der Altersgrenze setzten unserer Meinung nach wichtige Präventionsinstrumente unnötigerweise zu einem späteren Zeitpunkt ein», sagt Sprecherin Judith Bucher. Die medizinische Kontrolluntersuchung sei ein wichtiger Baustein für den längerfristigen Erhalt der Mobilität älterer Menschen, etwa durch Hinweise auf freiwillige Fahrtrainings oder die eingeschränkte Fahrerlaubnis. Letzteres bedeutet, dass man sich zum Beispiel nur noch tagsüber oder in einem bestimmten Gebiet ans Steuer setzen darf.

Für Reimann ein «Affront»

«Ich fühle mich diskriminiert»: Eine Autofahrt und ein Gespräch mit Maximilian Reimann.

«Ich fühle mich diskriminiert»: Eine Autofahrt und ein Gespräch mit Maximilian Reimann.

(Juni 2016)

Der Aargauer SVP-Nationalrat Maximilian Reimann, der Urheber des Vorstosses für Kontrollalter 75, hat andere Sorgen. In der aktuellen Ausgabe der SVP-Publikation «Klartext» wettert der 75-jährige Politiker gegen Verkehrsministerin Doris Leuthard. Es sei ein «Affront», dass 70-jährige Autofahrer noch knapp ein Jahr lang zum obligatorischen Test antraben müssen, obwohl das Parlament die Neuerung schon im letzten September beschlossen hatte.

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