Das Buch macht Yemane Yohannes jetzt schon Angst, obwohl er es noch gar nicht gelesen hat. Der 29-jährige Eritreer starrt auf das ausgedruckte PDF vor ihm auf dem Café-Tischchen. Dann beginnt er zu erzählen, auf Hochdeutsch. Ab und zu rutscht ihm ein Dialektbegriff dazwischen. «Ich fürchte, dass dieses Buch die Zustände in meinem Heimatland beschönigt. Ich denke, dass es den Eritreern in der Schweiz zimmli schaden wird.»

Das Buch heisst «Eritrea – der zweite Blick». Geschrieben hat es der Basler Jurist und Eritrea-Kenner Hans-Ulrich Stauffer. Stauffer sagt, die aktuelle Debatte werde dem ostafrikanischen Kleinstaat nicht gerecht, der westliche Blick auf Eritrea sei zu einseitig.

Wie aber ist die Wirklichkeit in diesem Kleinstaat, der jahrelang keine Journalisten mehr ins Land liess und sich den Ruf eines «Nordkorea Afrikas» erarbeitet hat? Berichte über eritreische Flüchtlinge, die für Kurzurlaube in die Heimat fliegen, haben die Diskussionen über das «wahre Eritrea» jüngst wieder angeheizt. Das seien Regime-Anhänger gewesen, die hier als Spitzel für die eritreische Regierung gearbeitet hätten, sagt Yemane.

Würde ein Regimekritiker wie er für einen Kurzurlaub nach Eritrea zurückkehren, dann würde man ihn sofort verhaften. Statt den partymachenden Regime-Unterstützern soll man besser dem jüngsten UNO-Bericht glauben. Der Bericht vom Juni 2016 belegt, dass Sklaverei, Folter, aussergerichtliche Hinrichtungen und Diskriminierung in Eritrea immer noch an der Tagesordnung sind.

Je mehr man über Eritrea hört, umso mehr erscheint das Land wie eines dieser Escher-Bilder, auf dem Menschen – je nach Betrachtungsweise – die Treppe hoch- oder die Treppe hinabsteigen. Fragt man Yemane, dann befindet sich Eritrea auf dem Abstieg. «Die Menschen fliehen aus Eritrea, weil sie brutal unterdrückt werden», sagt er. Auch er floh vor acht Jahren, nachdem er wegen ein paar kritischer Fragen an der Uni im Gefängnis gelandet war, gefoltert und auf unbestimmte Zeit zu Militärdienst verdonnert wurde.

Die «Lügen» der jungen Eritreer

Flüchtlinge wie Yemane haben das Eritrea-Bild im Westen mit ihren Erzählungen stark geprägt. Stauffer will das mit seinem Buch ändern, er will die Wahrnehmung korrigieren. Er will zeigen, dass Eritrea langsam, aber stetig die Treppe hinaufsteigt. Damit stösst er auf grosses Interesse. An der Vernissage seines Buches in Basel erschienen 150 statt der erwarteten 30 Leute. Unter ihnen war auch Toni Locher, Honorarkonsul Eritreas in der Schweiz und persönlicher Bekannter des eritreischen Präsidenten Isaias Afewerki.

Für Locher ist klar: Die Schweiz hat sich von der «Negativ-Propaganda» der Flüchtlinge allzu lang einlullen lassen. «Unser Bild von Eritrea basiert auf vielen Lügengeschichten. Wir müssen wegkommen vom steten Recycling alter, falscher Sichtweisen», sagt Locher am Rande des Vernissagen-Apéros. «Viele der ganz jungen Eritreer bauen ihren Asylantrag auf einem Lügengeflecht auf.»

Sie hätten den vermeintlich schlimmen Nationaldienst gar noch nicht antreten müssen. Und sowieso müsse man das mit dem Nationaldienst in den richtigen Relationen sehen, sagt Locher. «In der Schweiz muss auch jeder in die RS. Mein Vater stand im 2. Weltkrieg vier Jahre lang an der Grenze.» Vor einer Woche habe Äthiopien Eritrea wieder mit einem Angriff gedroht. «In einer vergleichbaren Situation hätten wir auch in der Schweiz die volle Mobilmachung.»

Fast 40 Prozent der 5178 Eritreer, die 2016 in der Schweiz um Asyl baten, waren zwischen 16 und 25 Jahre alt. Viele von ihnen sind wohl tatsächlich geflohen, bevor sie für den Nationaldienst antreten mussten. Für sie dürfte es in Zukunft schwieriger werden, in der Schweiz Asyl zu erhalten. Denn im Januar hat das Bundesverwaltungsgericht entschieden, dass die illegale Ausreise aus Eritrea alleine nicht mehr ausreicht, um in der Schweiz Asyl zu erhalten.

«Gestrandet im Paradies»: Ein Beitrag der SRF-«Rundschau» zum Thema Eritreer in der Schweiz

Für Locher ist der Gerichtsentscheid ein Schritt in die richtige Richtung, auch wenn abgewiesene Eritreer nach wie vor nicht in ihre Heimat zurückgeschafft werden können. «Man muss den Eritreern klarmachen, dass hier nicht das Paradies auf sie wartet. Vielleicht wäre eine Videokampagne wie in Nigeria angebracht.»

Ende 2015 waren vier von fünf in der Schweiz lebenden Eritreern auf Sozialhilfe angewiesen. Kein Zustand, findet Locher. «In Eritrea könnten sie im Nationaldienst sinnvolle Arbeit leisten und stolz darauf sein.» Das sei besser, als hier nutzlos an Bahnhöfen rumzusitzen.

Scheinheilige Schweiz?

Ein Gerichtsentscheid, der den Traum auf Asyl in weite Ferne rücken lässt; ein Honorarkonsul, der die Menschen, die er vertritt, als Lügner wahrnimmt; ein Buch, das Eritrea als fortschrittlichen Staat darstellt: Die Luft wird dünner für Eritreer, die auf Asyl in der Schweiz hoffen.

Alan David Sangines beobachtet diese Entwicklung mit Sorge. Der Zürcher SP-Gemeinderat und Asylpolitiker befasst sich intensiv mit der Menschenrechtslage in Eritrea. Er glaubt nicht, dass der Bundesverwaltungsgerichtsentscheid irgendjemandem etwas nützen wird, auch der Schweiz nicht. «Indem das Bundesamt für Migration negative Asylentscheide für Eritreer fällt, werden unnötig zusätzliche Sans-Papiers produziert. Diese Menschen können nicht in ihr Herkunftsland zurückgeschickt werden und darben dann hier vor sich hin», sagt Sangines.

Ganz ähnlich sieht das Ron Halbright von der Organisation «National Coalition Building Institute», die sich als Brückenbauerin zwischen Eritreern und Schweizern sieht. «Die Schweiz kann man mit diesem Gerichtsentscheid nicht unattraktiver machen für eritreische Flüchtlinge. Sie können der Helvetia einen Schnauzbart aufmalen. Die Eritreer finden die Schweiz trotzdem noch wunderschön und wollen hierhin kommen», sagt Halbright.

Er nervt sich über die scheinheiligen Aktionen, mit denen die Schweiz Eritrea neuerdings zu Hilfe eilt. Dass die Migrationsbehörden in Eritrea seit gut einem Jahr ein Berufsbildungsprojekt aufgleisen, das sei auf den ersten Blick zwar toll. «Das geschieht aber nicht primär, weil sich die Situation in Eritrea positiv verändert hätte, sondern weil man die Flüchtlingsströme reduzieren und deren Rückkehr nach Eritrea erzwingen will», sagt Halbright.

Wie im KZ Theresienstadt

Das sei wohl auch das Ziel von Stauffers Buch, vermutet Halbright. «Viele Eritreer hierzulande haben Angst, dass Stauffer die Zustände in Eritrea zu positiv schildert, was benützt werden könnte, um die Rückschaffung eritreischer Flüchtlinge aus der Schweiz zu rechtfertigen.»

Stauffer im Dienst jener Kreise, welche die eritreischen Flüchtlinge rasch aus der Schweiz weghaben wollen? Kaum. Der Rotbuchverlag, der Stauffers Buch herausgibt, wurde 1976 mit dem Ziel gegründet, «die Verbreitung sozialistischer Literatur zu fördern». Und wer mit Stauffer spricht, der trifft auf einen aufrichtig Forschenden, der mit hehren Zielen immer wieder nach Eritrea reist, weil er fest daran glaubt, dass nur verstehen kann, wer sieht, und nicht, wer immer nur liest. Für sein Buch ist er viermal für jeweils zwei Wochen quer durch das Land gefahren und hat über 100 Interviews geführt.

Und Halbright? Er sei noch nie in Eritrea gewesen, gibt der Brückenbauer zu. Das würde aber auch gar nichts bringen, sagt Halbright und erzählt vom KZ Theresienstadt, das die Nazis hergerichtet hätten, um Besuchern zu zeigen, wie vorbildlich sie mit den jüdischen Gefangenen umgingen. So ähnlich sei das in Eritrea. «Besucher müssen aufpassen, dass sie nicht instrumentalisiert werden. Wie es den Menschen in den Gefängnissen wirklich geht, wer kann das denn schon sagen?»

Yemane kann das. Er war da, monatelang, wurde gefoltert und verhört, er hat die eritreischen Gefängnisse von innen gesehen. Er sagt: «Es ist unmöglich für einen Ausländer, das wahre Eritrea zu sehen. Selbst für Regime-kritische Eritreer ist das sehr schwierig.» Yemane atmet tief ein und trommelt mit seinen Fingern auf dem Cafétisch.

Niemand wisse mit Sicherheit, wie viele Gefängnisse es in Eritrea gäbe. Niemand wisse, welche Menschenrechtsverletzungen in diesen Gefängnissen passierten. Eines aber wisse er mit Sicherheit: «Die Rückkehr nach Eritrea ist lebensgefährlich.» Wenn Hans-Ulrich Stauffer in Eritrea mit Rückkehrern gesprochen habe, die ihm etwas anderes gesagt hätten, dann gäbe es dafür nur eine Erklärung: «Dann waren das entweder Menschen, die im Ausland für das Regime als Spitzel gearbeitet hatten, oder Lügner.»

Wer lügt und wer nicht und ob die Wahrheit wirklich findet, wer sie sucht, das bleibt weiter ungeklärt. Vielleicht ist es wirklich wie bei Escher: Die Treppe, die scheinbar hinauf- und gleichzeitig hinunterführt, die führt in Wirklichkeit nirgendwohin. Sie ist eine optische Täuschung. Eine greifbare Wahrheit liegt ihr nicht zugrunde. Und die Menschen, die auf der Treppe gehen, kommen nie da an, wo sie eigentlich hinwollen.