Prozess

Früherer Gemeinderat verwaltete Mafia-Geld: «Ich wusste nicht, woher es stammt»

Oliver C. transferierte 1,6 Millionen auf ein Konto in Dubai, um den grössten Teil kurz darauf in den Bahamas zu parkieren. (Symbolbild)

Oliver C. transferierte 1,6 Millionen auf ein Konto in Dubai, um den grössten Teil kurz darauf in den Bahamas zu parkieren. (Symbolbild)

Jetzt spricht Oliver C., Unternehmer aus Zug: Er habe nicht gewusst, dass er Verbrechergeld verwaltete.

Die kalabrische Mafia ’Ndrangheta eröffnete 1995 in der Schweiz ein Bankkonto. Registriert wurde es auf den Namen der Ehefrau eines italienischen Mafioso. 1,6 Millionen Franken aus dem Drogengeschäft lagerten darauf. 2012 erinnerte sich der Clan an sein Geld und wollte sich wieder Zugriff darauf verschaffen, um es in Immobilien zu investieren. Ein Italiener, genannt «der Bankier», kümmerte sich darum.

Um die Geschäfte auszuführen suchte er einen Schweizer Treuhänder, der Millionendeals ausführt, ohne unangenehme Fragen zu stellen. Bekannte empfahlen ihm Oliver C. (42), der heute in Zug angemeldet ist und einst FDP-Gemeinderat von Chiasso war. Nun ist es an Oliver C., unangenehme Fragen zu beantworten. In einer Woche steht er vor dem Bundesstrafgericht.

Baloise und UBS involviert

Dokumentiert sind die Geschäftsvorgänge, die Oliver C. abgewickelt hat. Er transferierte die 1,6 Millionen auf ein Konto in Dubai, um den grössten Teil kurz darauf in den Bahamas zu parkieren. Zudem verwaltete er Lebensversicherungen der Mafiosi bei der Basler Versicherung und geschäftete dabei auch mit der UBS. Die Mitglieder der ’Ndrangheta investierten die Gelder unter anderem in ein Geschäftshaus in der Nähe des Bahnhofs von Chiasso, in ein Hotel in Sanremo (I) und in eine Firma, die Bingo-Spiele durchführt.

Die Bundesanwaltschaft wirft C. vor, als Finanzintermediär seine gesetzlichen Pflichten nicht erfüllt und die Herkunft der Gelder nicht geprüft zu haben. Er habe wissen oder annehmen müssen, dass sie aus Verbrechen stammten. Angeklagt ist er wegen Geldwäscherei und Urkundenfälschung. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Auf Anfrage sagt Oliver C.: «Ich habe alles korrekt durchgeführt. Ich wusste nicht, woher das Geld stammte.» Er erinnert daran, dass das Konto 1995 eröffnet worden ist. Damals war er 20 Jahre jung und hatte soeben sein Wirtschaftsstudium an der Universität Basel begonnen. Wie solle er also gewusst haben können, was für Transaktionen 1995 abgewickelt worden waren? Zudem seien die Zahlungsinformationen auch von Banken und Versicherungen geprüft worden, sagt er.

Mafia-Geld fliesst in Finanz-, Immo- und Gastrobranche

Wie viel Unwissenheit kann sich ein Treuhänder leisten? Daniela Schneeberger, Präsidentin des Verbands Treuhand Suisse und FDP-Nationalrätin, sagt: «Ein Finanzintermediär muss jederzeit belegen können, welche Überlegungen er zur Herkunft des Geldes gemacht hat. Auch wenn das Jahrzehnte her ist.» Eine Google-Recherche reiche dafür nicht.

Gemäss dem Bundesamt für Polizei (Fedpol) legen italienische Mafiaorganisationen ihre Gelder in der Schweiz vor allem im Finanz- und Immobilienbereich sowie im Gastronomiesektor an. Hierzulande sind hauptsächlich Personen der ’Ndrangheta aktiv. Je nach Region handelt es sich um unterschiedliche Familien. In Zürich und der Ostschweiz dominieren jene aus dem Norden Kalabriens. Dazu gehört die Frauenfelder Zelle, deren Mitglieder sich derzeit vor einem italienischen Gericht verantworten müssen. Im Wallis sind Mafiosi aus dem Süden Kalabriens aktenkundig.

Als kompliziert stuft das Fedpol die Situation im Tessin ein, wo Mitglieder der ’Ndrangheta aus unterschiedlichen Regionen verkehren würden. Dazu zählt die Familie, deren Finanzgeschäfte Oliver C. managte.

Neustart als Gitarrenhändler

Der Zuger hat sich beruflich neu orientiert, als seine Auftraggeber aufflogen. Sein UBS-Diplom in Private Banking und seine Ausbildungen als Finanz- und Investmentanalyst halfen ihm dabei wenig. Oliver C. versucht sein Glück nun als Gitarrenhändler und Berater für Mobilität und Maschinenbau.

Er rechnet damit, dass er vor Gericht freigesprochen werde. Damit wäre für ihn das Verfahren aber nicht abgeschlossen. Parallel dazu liess er eine Verleumdungsklage gegen Franco L., den «Bankier», vorbereiten. Dieser habe ihn angeschwärzt und den Ermittlern erzählt, dass er über die Hintergründe informiert gewesen sei.

2015 wollte die Bundesanwaltschaft den «Bankier» in einem abgekürzten Verfahren wegen der Unterstützung einer kriminellen Organisation und Geldwäscherei verurteilen. Doch das Bundesstrafgericht wies die Anklage zurück, da es einen kurzen Prozess für unangemessen hielt. Die Ermittler mussten mehr in die Tiefe gehen und auch den Hintermann des Schweizer Finanzplatzes vor Gericht bringen. In einer Woche ist deshalb ein Trio vorgeladen: der italienische «Bankier», die Kontoinhaberin und ihr Treuhänder.

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