Louise Schneiders Stimme klingt zufrieden, als sie in den Telefonhörer spricht. Soeben ist die 86-Jährige in ihr Haus am Stadtrand von Bern zurückgekehrt und hat sich ein Spiegelei gebraten. Aktivismus macht schliesslich hungrig. Und aktiv war Louise Schneider in den vergangenen Stunden.

Louise Schneider hat am Dienstagmorgen zum ersten Mal mit einer Spraydose hantiert: «Ich kann ja wegen der Arthrose den Finger kaum bewegen, deshalb hatte ich solche Mühe»

Louise Schneider hat am Dienstagmorgen zum ersten Mal mit einer Spraydose hantiert: «Ich kann ja wegen der Arthrose den Finger kaum bewegen, deshalb hatte ich solche Mühe»

Ein junger Aktivist der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA) brachte ihr am Vorabend die Spraydose vorbei. Und zeigte ihr, wie sie damit hantieren muss. Louise Schneider packte die Spraydose in ihren bunt-karierten Rucksack und als der Dienstag anbrach, zog sie vors Bundeshaus.

So, wie sie das schon unzählige Male getan hat, um Unterschriften zu sammeln oder für Spontan-Demos. Wie es im Film von SRF aus dem Jahr 2014 zu sehen ist, in dem Louise Schneider lautstark Parlamentarier ausbuht, nachdem sie das Gesetz über Waffenexporte gelockert haben.

Von der Polizei abgeführt

An diesem Dienstagmorgen aber kramt Louise Schneider die Spraydose hervor und sprayt an eine weisse Bauwand vor dem Sandstein-Gebäude der schweizerischen Nationalbank die Worte «Geld für Waffen tötet».

Louise Schneider: Sprayen gegen Waffenhandel

Louise Schneider: Sprayen gegen Waffenhandel

Damit prangert Louise Schneider an, dass Nationalbank und Pensionskassen in Kriegsmaterialproduzenten investieren. Sie betont, die Idee sei auf ihrem eigenen Mist gewachsen. Die GSoA aber nutzt den Auftritt des Sprayer-Grosis, wie Louise Schneider in Online-Medien genannt wird, zum Auftakt der Unterschriftensammlung für ihre jüngste Volksinitiative.

Polizisten nehmen Louise Schneider nach der Sprayaktion mit aufs Revier. Dort wird sie noch vor dem Mittag entlassen, kehrt nach Hause zurück und am Nachmittag erhält sie Besuch von der «Nordwestschweiz».

Am Fusse des Gurten hält der Berner Stadtbus. Es stinkt nach Gülle. Das Haus von Louise Schneider liegt direkt neben dem offenen Feld. Zwei Bauernhöfe sind in Sichtweite. Louise Schneider sitzt im Garten, ist mitten im Gespräch mit anderen Medienvertretern. Sie möchten, dass Louise Schneider noch einmal ein Leintuch vollsprayt für die Kamera. Tapfer macht die Friedensaktivistin mit.

Gegenüber den Reportern stellt Louise Schneider klar, was sie von der Landromantik hält, die ihr Haus ausstrahlt. Gar nichts.

Die Zufriedenheit in ihrer Stimme ist einem zornigen Unterton gewichen. «Hier ist eine soziale Wüste, seit die kleinen Leute, die diese Quartiere einst bewohnten, sich die Bodenpreise nicht mehr leisten können», sagt sie. Louise Schneider aber fühlt sich wohl unter Menschen, unter ihresgleichen. Deshalb geht sie gerne in die Stadt, sammelt Unterschriften und trifft sich mit Gleichgesinnten.

Mit Eva Krattiger zum Beispiel, die an diesem Nachmittag ebenfalls bei Louise Schneider sitzt. Louise Schneider hat die GSoA-Generalsekretärin am Mittag angerufen und wegen der vielen Medienanfragen gebeten, sie bei den Fragen zu unterstützen.

In den Rabatten blühen Tulpen und Osterglocken. Am Gartenzaun weist ein Poster auf den Ostermarsch vom Ostermontag hin. Ein Panzer und ein «Peace»-Regenbogen sind das Sujet.
Seit 2002 war Louise Schneider die Initiantin der Friedensmärsche in Bern, die wie in anderen Schweizer Städten jeweils an Ostermontag stattfinden. Auch heuer will sie wieder hin. Würde sie nur die Arthrose nicht so plagen. «Mal sehen, wie lange mich die Beine noch tragen», sagt sie.

Ostermarsch hin oder her, Louise Schneider verkündet den Reportern ihre ganz persönliche Osterbotschaft: «Ich glaube fest daran, dass wir alle auferstehen. Aus der Grabesruhe müssen wir erwachen und merken, wo wir uns einsetzen sollten.» So versteht Louise Schneider den biblischen Auftrag.

Sie, die nie am Meer war und nie geflogen ist, will Veränderungen im Kleinen und zitiert den Apostel Matthäus: «Ich glaube an das Senfkorn, das Berge versetzt.»

Zornig gegen die Aufrüstung

Je länger Louise Schneider erzählt, umso klarer wird: Wut treibt die 86-Jährige, für die Polit-Aktivismus keine Altersgrenze kennt, ebenfalls an. Es ist ein Zorn über die Ungerechtigkeit, über die Macht des Gelds, über die Unfähigkeit der Öffentlichkeit und Politik, Probleme vernetzt zu sehen. Denn für Louise Schneider haben Waffenexporte direkt zu tun mit den Menschen, die nach Europa flüchten.

Ihre Überzeugungen stammen aus dem Elternhaus. Der Vater war Verdingbub, Knecht und schliesslich engagierte er sich als Fabrikarbeiter in der Gewerkschaft. «Als dunkelroter Sozi», wie Louise Schneider sich erinnert. Und Pazifist, was ihm nicht half, als er während des Zweiten Weltkriegs von der Armee eingezogen wurde.

Ein katastrophaler Krieg wütet heute in Syrien. Zeigt sich nicht gerade im Syrienkrieg, der längst globale Folgen hat, wie sich die Sicherheitslage in der Welt wieder zugespitzt hat? Wäre es da nicht ratsam, sich Gedanken um die Verteidigung zu machen, auch mithilfe der Rüstung? «Eben nicht», entgegnet Louise Schneider wütend, «jede Waffe, sei es auch nur zur Verteidigung, schafft neue Unsicherheit».

Louise Schneider ist sich sicher, dass sie etwas bewirken kann. Erinnerungen an die Initiative von 2013 gegen den Kauf der Kampfjets Gripen stimmen sie versöhnlich. Sie legte sich kräftig ins Zeug damals. Die Schweiz sagte schliesslich Nein zu den neuen Kampfjets.

Ihr grösster Erfolg, wie Louise Schneider sagt, die sich politisch üblicherweise auf der Verliererseite findet. Es war ein Triumph, der sich wiederholen soll. Zu ihrem Neunzigsten jedenfalls wünscht sich Louise Schneider eine Initiative zur Abschaffung der Armee. Der Blick schweift zur GSoA-Sekretärin, die lächelnd sagt: «Dann müssen wir uns aber sputen.»