Altersfreitod

Freitod für gesunde Alte? Exit-Vorstand will es möglich machen

Die Sterbehilfeorganisation Exit befragt ihre Mitglieder zum sogenannten «Altersfreitod». Das heisst, dass auch gesunde ältere Menschen einen begleiteten Suizid begehen können. Kritiker halten die «Liberalisierung der Sterbehilfe» für gefährlich.

Der Briefkasten der Sterbehilfeorganisation Exit quillt derzeit über. Grund dafür ist eine Befragung zum Thema «Altersfreitod», die Exit seit kurzem bei seinen über 70 000 Mitgliedern durchführt.

Innert sieben Tagen haben weit über 3000 Personen elektronisch oder mittels Antworttalon ihre Meinung kundgetan.

Thema mit Zündstoff

Der Ansturm zeigt: Das Thema brennt vielen Mitgliedern unter den Nägeln, hat aber auch gesellschaftspolitisch einigen Zündstoff. Exit will – der Vorstand hat es einstimmig so beschlossen – seine Statuten dahingehend ergänzen, dass sich der Verein künftig explizit «für den Altersfreitod engagiert». Damit ist der sogenannte Bilanzsuizid im hohen Alter gemeint – also Personen, die sich unabhängig von ihrem Gesundheitszustand dazu entscheiden, ihrem Leben ein Ende zu setzen.

Oder anders gesagt: Auch relativ gesunde, betagte Menschen sollen auf eigenen Wunsch hin vom Arzt das tödliche Barbiturat erhalten.

Rechtlich wäre das kein Problem: Laut geltendem Gesetz ist Beihilfe zum Suizid nur dann strafbar, wenn selbstsüchtige Beweggründe vorliegen. Die Standesregeln der Ärzte sind aber enger definiert: So sollen sie ihren Patienten nur bei einem hoffnungslosen Leiden das tödliche Medikament verschreiben.

Der behandelnde Arzt müsse aufgrund der Erkrankung des Patienten annehmen können, dass «das Lebensende nahe ist», schreibt die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften in ihren Richtlinien.

Ärzte äussern sich zur Sterbehilfe

Wie sich die Exit-Mitglieder positionieren werden, ist noch offen. Auch wenn sie sich für die Statutenänderung aussprechen, wird sich die Sterbehilfe-Praxis nicht von heute auf morgen ändern. Doch eine Anpassung würde eine Diskussion befeuern, die ohnehin im Gang ist. Die Akademie der Medizinischen Wissenschaften führt seit letztem Frühling eine Studie durch, in welcher die Haltung von 5000 zufällig ausgewählten Ärzten zur Suizidhilfe untersucht wird. Resultate werden für die zweite Hälfte 2014 erwartet.

Klar ist jetzt schon: Die Meinungen sind gespalten. Es ist durchaus möglich, dass sich nach der gross angelegten Befragung eine Anpassung der ärztlichen Suizidhilfe-Richtlinien aufdrängt.

Ein solches Szenario wäre Wasser auf die Mühlen von Exit. Denn der Sterbehilfeorganisation geht es um die längerfristige Perspektive. Immer mehr Menschen fragten sich, weshalb es eine negative medizinische Diagnose brauche, um das Recht auf den eigenen Tod auszuüben, sagt Exit-Vizepräsident Bernhard Sutter.

So müsse diskutiert werden, ob bei betagten Sterbewilligen, für die aus Gründen der Würde eine andere Suizidvariante nicht infrage kommt, auch der Verlust des sozialen Netzes oder die drohende Pflegeabhängigkeit als legitimer Sterbewunsch mit ärztlicher Begleitung gelten soll.

Druck auf ältere Menschen

Für Otfried Höffe, Präsident der Nationalen Ethikkommission (NEK), sind solche Überlegungen «ein gefährliches Symptom unserer Gesellschaft». Man müsse sich stets fragen, wie frei die Entscheidung zum Freitod auch tatsächlich sei. «Oft wollen die vermeintlich suizidwilligen Personen einfach einen Hilferuf in die Welt setzen», sagt der Philosophieprofessor. Dies zeige beispielsweise die Tatsache, dass Personen, die einen Suizidversuch überleben, im Nachhinein häufig froh seien über die «Rettung».

Ein Argument, das Exit nicht gelten lässt. «Der Hilferuf gilt für den Suizid im Affekt. Wir helfen aber nur Menschen, deren Sterbewunsch wohlüberlegt ist», sagt Vize-Präsident Sutter. Wer völlig gesund sei, verspüre auch keinen Drang zu sterben.

Kritiker befürchten, dass sich bei einer Liberalisierung der Sterbehilfe der Druck auf ältere Personen weiter zunimmt – der Suizid als «einfache Lösung», welche die Gesellschaft in finanzieller Hinsicht entlastet.

Dieser Entwicklung müsse rechtzeitig Einhalt geboten werden, sagt Theologe Frank Mathwig. «Es darf nicht sein, dass der Mensch nur noch Mensch ist, solange er nicht anderen zur Last fällt. Sonst wird unsere Pflicht zur Fürsorge und Solidarität pervertiert.»

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