Weder Sünde noch Feigheit sehe er in ihm, sondern eine «gute Hilfe im Bestehen des Lebens und all seiner Bedrängnisse», sagte der Schriftsteller Hermann Hesse einst über den Freitod. In der Schweiz ist er seit 1893 legal (der Freitod, nicht Hesse). Auch die Beihilfe zum Suizid ist erlaubt, sofern sie nicht mit eigennützigen Motiven verbunden ist.

Die Sterbehilfeorganisationen Dignitas, Lifecircle und Exit machen von diesem Recht regen Gebrauch. Jährlich helfen sie Hunderten Sterbewilligen mit dem Medikament Natrium-Pentobarbital (NaP) bei der Erfüllung des letzten Wunsches. Über eine Frage wird seit Jahren heftig diskutiert: Sollen Altersmüde auch dann Sterbehilfe erhalten, wenn sie nicht an einer tödlichen Krankheit leiden?

Rechtlich gesehen, spräche nichts dagegen. Ist die Urteilsfähigkeit des Sterbewilligen gegeben und ist er in der Lage, sich das NaP selbst zu verabreichen, dann sind alle Bedingungen für die Sterbehilfe erfüllt. Trotzdem taten sich die Sterbehilfeorganisationen bislang schwer mit der Liberalisierung des Altersfreitods.

Exit will nun aber einen Schritt auf die Altersmüden zugehen. Vor einem Jahr hat die Sterbehilfeorganisation eine Kommission eingesetzt, die Massnahmen definieren sollte, wie betagte, nicht todkranke Personen erleichterten Zugang zum Sterbemittel NaP erhalten könnten. Am Freitag veröffentlichte Exit die ersten Ergebnisse im aktuellen Mitgliedermagazin. Die 14 Kommissionsmitglieder haben sich darauf geeinigt, dass zu einem erleichterten Zugang zu NaP neben der Urteilsfähigkeit ein konstanter Sterbewunsch und «Leiden am und im Alter» gegeben sein müssen, dass sich Sterbewillige für ihren Wunsch aber nicht rechtfertigen müssen. Am ärztlichen Rezept für NaP will die Kommission festhalten. Der in der Vergangenheit immer wieder geäusserte Wunsch einiger Exit-Mitglieder nach rezeptfreier Abgabe von NaP wurde von der Kommission nicht erhört.

Welche Rolle soll die Polizei spielen?

Änderungen wünscht sich die Kommission in Bezug auf die sogenannte Legalinspektion, bei der nach vollzogenem Suizid die Todesumstände behördlich untersucht werden. Exit möchte diese Kontrolle schweizweit vereinheitlichen und stark vereinfachen. «Für die Angehörigen einer Person, die aus dem Leben geschieden ist, kann der nachfolgende administrative Ablauf oft viel belastender sein als der selbstbestimmte Suizid selber», schreibt die Kommission. Die Polizei soll in Zukunft in zivil erscheinen, die Staatsanwaltschaft nur noch per Telefon zugeschaltet werden. Zudem regt Exit an, die Strafprozessordnung um die Kategorie «nicht natürlicher Todesfall bei organisierter Suizidhilfe» zu ergänzen. Damit würden assistierte Suizide nicht mehr automatisch als zwingend zu untersuchende «aussergewöhnlichen Todesfälle» behandelt.

Sowohl Dignitas als auch Lifecircle unterstützen diese Vorschläge auf Anfrage. Erika Preisig, Lifecircle-Vizepräsidentin, sagt: «An Fortbildungen zeigt man uns Ärzten immer wieder, dass das Risiko akuter Gesundheitsereignisse im hohen Alter stark ansteigt. Dass man das erkennt und gleichzeitig die Freitodbegleitung im Alter einschränkt, macht keinen Sinn.» Gerade Menschen über 85 sollten nicht «auf den Knien Bitti-Bätti machen müssen», um friedlich sterben zu dürfen.

Preisig unterstützt auch die Beibehaltung der Rezeptpflicht für NaP. «Wir Ärzte übernehmen die Verantwortung für die Gesundheit unserer Patienten. Wenn tödliche Medikamente rezeptfrei erhältlich sind, entgleitet uns diese Verantwortung, dann lassen wir die Patienten fallen.» Zu wenig weit geht die Exit-Kommission in Preisigs Augen bezüglich der Legalinspektion. Preisig möchte diese ganz abschaffen. «Sie ist entwürdigend und stört die Totenruhe. Kürzlich hatten wir einen Fall, wo eine Gerichtsmedizinerin einer Verstorbenen vor den Augen der Angehörigen das Kleidchen und den BH durchschnitten hatte.» Das könne sie nicht akzeptieren. Die Staatsanwaltschaft soll die Berichte und nötigenfalls die Situation vor Ort anschauen und bei Verdacht den Gerichtsmediziner aufbieten. Mehr brauche es nicht, um die Rechtmässigkeit eines assistierten Suizids festzustellen.

Exit will die von der Kommission erarbeiteten Vorschläge und zwei externe Expertengutachten an der GV am 2. Juni behandeln. Danach soll die Kommission ein weiteres Jahr an konkreten Vorschlägen arbeiten. Allzu schnell dürfte der Altersfreitod hierzulande also noch nicht liberalisiert werden.