Serie Wahlen 2011
Freiburg: Der Kanton der Titanen

Parlamentarier aus dem katholisch geprägten, zweisprachigen Staat besetzen in der Schweizer Pollitik Schlüsselpositionen. Bei den Wahlen im Herbst wird ein Sitz frei - ausgerechnet ein CVP-Sitz. Der Run darauf ist gross.

Karen Schärer
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Blick auf die Altstadt von Freiburg

Blick auf die Altstadt von Freiburg

Keystone

Der Kanton Freiburg: Ein zweisprachiger Kanton mit einer Universität, deren theologische Fakultät die grösste der Schweiz ist. Ein Kanton des Katholizismus, der schwarz-weissen Kühe, des Greyerzers und der sanften Hügel. Der Staat Freiburg, wie er offiziell auch heisst, hat wenig Spektakuläres, wenig Herausragendes an sich – und doch: Freiburg hat Einfluss. Denn Freiburger gehören im eidgenössischen Parlament zu den einflussreichsten Volksvertretern. Man könnte gar sagen: Freiburg ist der Kanton der Titanen.

Alain Berset, Ständerat, SP Er ist der wichtigste SP-Finanzpolitiker. Da er nicht nur seriös und sachlich, sondern auch umgänglich ist, gilt er als Favorit für die Cal- my-Rey-Nachfolge.
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Jacques Bourgeois, Nationalrat. FDP Direktor des Bauern- verbandes und FDP- Nationalrat – eine kon- fliktreiche Kombinati- on. Bourgeois löst dies so, dass er sich in kei- ner Funktion exponiert.
Dominique De Buman, Nationalrat, CVP Er wollte CVP-Chef werden – vergeblich. Er wollte Bundesratskan- didat sein – das klappte nicht. Es bleibt: de Bu- mans Image als Quer- schläger und Buhmann.
Christian Levrat, Nationalrat, SP Der Parteichef hat die SP auf einen linken Kurs getrimmt. In der Romandie kommt er damit gut an – dies- seits der Saane gibt es mehr Vorbehalte.
Jean-François Rime, Nationalrat, SVP Der einstige Freisinnige hat sich zuneh- mend radikalisiert. In- zwischen ist Rime das prominenteste Aus- hängeschild der SVP in der Romandie.
Jean-François Steiert, Nationalrat, SP Dem Ex-SP-Generalse- kretär wurde nach sei- ner Wahl 2007 eine steile Karriere im Par- lament vorausgesagt. Doch bislang ist er ein Geheimtipp geblieben.
Marie-Therese Weber-Gobet, Nationalrätin, CSP Als Nachfolgerin von Hugo Fasel hat Weber- Gobet kein leichtes Er- be. In der Tat ist es ihr noch nicht gelungen, ein unverkennbares Profil zu entwickeln.

Alain Berset, Ständerat, SP Er ist der wichtigste SP-Finanzpolitiker. Da er nicht nur seriös und sachlich, sondern auch umgänglich ist, gilt er als Favorit für die Cal- my-Rey-Nachfolge.

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Freiburger besetzen Schlüsselpositionen in ihren Parteien, und Freiburger zählen immer wieder zum Kandidatenkreis für frei werdende Bundesratssitze: Nationalrat Christian Levrat leitet als Präsident die Sozialdemokraten. Ständerat Urs Schwaller präsidiert die CVP-Fraktion im Bundeshaus – und schaffte es 2009 fast in den Bundesrat.

Jesuiten hatten das Sagen

Als erster französischsprachiger Ort trat Freiburg 1481 zur Alten Eidgenossenschaft bei. Im 15. und 16. Jahrhundert sicherte sich Freiburg Gebiete durch Eroberungen, Käufe und Verträge.

Freiburg wurde zu einem Zentrum des Katholizismus: Weil die Waadt reformiert wurde, nahm der Bischof von Lausanne seinen Sitz im katholisch gebliebenen Freiburg. Ab 1580 wirkten Jesuiten in der Stadt, die durch den Kirchenlehrer Petrus Canisius zu einem Mittelpunkt der europäischen Gegenreformation wurde.

1846 trat Freiburg dem Sonderbund bei, einem katholischen Verteidigungsbündnis der katholischen Kantone. Nach dem Sonderbundskrieg 1847 wurden die Jesuiten vertrieben. Doch der freisinnige Geist hielt nur temporär in Freiburg Einzug: Schon 1856 siegten die Papsttreuen bei der Erneuerung des kantonalen Parlaments. Sie machten viele der fortschrittlichen Neuerungen rückgängig.

Die Universität Freiburg wurde 1889 gegründet: Ihre Gründung entsprang dem Wunsch der Schweizer Katholiken, dass auch in einem katholischen Kanton eine Universität existieren sollte. Sie ist die einzige zweisprachige Universität der Schweiz. Deutsch und Französisch waren über die Jahrhunderte hinweg abwechselnd Verwaltungssprache im Kanton. Seit 1991 sind die beiden Sprachen gleichberechtigt. (kas)

Der zweite Freiburger Ständerat, der 39-jährige SP-Mann Alain Berset, hat schon die kleine Kammer präsidiert und gilt als heisser Kandidat für die Nachfolge von Micheline Calmy-Rey. Jean-François Rime, schliesslich, ist national bekannt, seit er als SVP-Kandidat vergangenen Winter sowohl für den Sitz von Hans-Rudolf Merz als auch für den Sitz von Moritz Leuenberger antrat – und es jeweils bis in den letzten Wahlgang schaffte.

Der Einfluss dieser Parlamentarier lässt sich auch in Zahlen ausdrücken: Gemäss aktuellem Ranking der «SonntagsZeitung» teilen sich Levrat und Schwaller Platz 10. Berset liegt auf Platz 22 und Rime auf Rang 78.

Nationalrat: Run auf CVP-Sitz

Fünf Männer und zwei Frauen vertreten die Freiburger in der laufenden Legislatur im Nationalrat, und zwar in dieser Zusammensetzung: 2 SP, 1 CSP (Christlich-soziale Partei), 2 CVP, 1 FDP und 1 SVP. Weil Thérèse Meyer-Kaelin von der CVP nach drei Legislaturen nicht mehr antritt, wird ein Sitz vakant. Ausgerechnet ein CVP-Sitz. Ausgerechnet, denn die Christlichdemokratische Volkspartei ist selbst im katholisch geprägten Kanton Freiburg nicht in Hochform.

Anfang März zeigte sich die Kantonalpartei krisengeschüttelt: Der Präsident der CVP Freiburg, Emanuel Waeber, trat überraschend von seinem Amt zurück. Er begründete seinen Schritt mit Problemen zwischen dem Parteipräsidium und der -basis. Die Presse spekulierte aber darüber, dass er verärgert sei, weil er in seinem Bezirk einer anderen Nationalratskandidatin den Vorzug geben musste. Kurz darauf trat Waeber aus der CVP aus – und der SVP bei. Nun kandidiert er als SVP-Kandidat für den Nationalrat.

Seinen Parteiaustritt dürfe man durchaus als Symptom für den Zustand der CVP Freiburg lesen, sagt Emanuel Waeber. «Der rechtsbürgerliche Block der CVP Freiburg wird mehrheitlich SVP wählen», ist er überzeugt. Verluste bei den Gemeindewahlen im vergangenen März stützen die Prognose des Ex-CVPlers. Den Wählerverlust führt Waeber unter anderem auf die Abwahl Christoph Blochers 2007 zurück, die von Schwaller und Meyer-Kaelin mitorchestriert worden war. Trifft Waebers Prognose zu, heisst das: Die CVP verliert ihren zweiten Sitz im Nationalrat. Beobachter erwarten, dass er an die SVP geht.

Verliert CSP einziges Mandat?

Doch nicht nur die CVP muss um ihren Sitz bangen: Auch der Sitz der CSP ist gefährdet. Die Christlich-soziale Partei hat mit der Freiburgerin Marie-Thérèse Weber-Gobet eine einzige Vertretung im eidgenössischen Parlament. Sie hat sich der Grünen Fraktion angeschlossen. Schon 2007 erreichte die CSP nur 7 Prozent Wähleranteil. Seither sind neue politische Kräfte entstanden, welche ebenfalls auf einen Sitz im Parlament aspirieren. Grünliberale und BDP treten erstmals an; auch Grüne (2007: 6,3 Prozent Wähleranteil) und EVP buhlen um die Gunst der Wähler. SP, Grüne, CSP und EVP sind eine Listenverbindung eingegangen. Auch CVP, Grünliberale und BDP spannen zusammen.

2007 waren CVP und FDP noch eine Listenverbindung eingegangen. Dieses Jahr bestreitet die FDP, wie die SVP auch, den Wahlkampf alleine. FDP-Kandidatin Claudine Esseiva sorgte kürzlich für Aufsehen, als sie sich für die Kampagne der FDP Frauen oben ohne zeigte.

SVP-Nationalrat Jean-François Rime kandidiert auch für den Ständerat. Gegen die beiden Schwergewichte Schwaller und Berset dürfte er aber einen schweren Stand haben. Dafür wird ihn die SVP bei nächster Gelegenheit wieder als Bundesratskandidat portieren.

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