Seit es Wikipedia gibt, hat Brockhaus ausgedient. «Die Zeit, in der man sich eine hervorragende Enzyklopädie von anderthalb Meter Umfang ins Regal stellt, um sich dort herauszusuchen, was man wissen will, scheint vorbei zu sein», bedauerte ein Verlagssprecher 2008. Wenig später war das altehrwürdige Nachschlagewerk für das bildungsnahe Bürgertum endgültig tot.

Fast zehn Jahre nach der Digitalisierung und Demokratisierung des Wissens wird nun auch die Wissenschaft umgekrempelt. Open Access heisst die Losung. Das bedeutet: Immer mehr Forscher publizieren ihre Ergebnisse auf für jedermann gratis zugänglichen Onlineportalen statt in Journals, die nur lesen darf, wer für viel Geld ein Abonnement kauft.

Verlage kassieren doppelt

Bis anhin kassierten die den Markt dominierenden internationalen Grossverlage Elsevier, Springer und Wiley doppelt: Forscher bezahlten, damit renommierte Publikationen ihre Studien druckten – oft mehrere tausend Franken pro Artikel; Hochschulbibliotheken und -institute zahlten, damit ihre Angehörigen Zugriff auf die Publikationen erhielten. Die drei Verlage machten so jahrzehntelang enormen Profit – auf Kosten der öffentlichen Hand, welche die Forschung in aller Regel finanziert.

Opposition gegen dieses System wächst weltweit. In Deutschland ist der Streit in den letzten Wochen eskaliert: Unter Führung der Hochschulrektorenkonferenzliessen 60 Wissenschaftseinrichtungen den Vertrag mit Elsevier per Ende letzten Jahres auslaufen. Seit drei Wochen verweigert der Verlag im Gegenzug Universitäten von Aachen bis Würzburg den Zugang. In der Schweiz beobachtet man den Machtkampf aufmerksam. Ihn an der Seite der deutschen Kollegen zu führen aber traute man sich offensichtlich nicht zu: Dem Vernehmen nach verlängerte das Konsortium der Schweizer Hochschulbibliotheken den Vertrag erst gerade 2016, vorerst für ein Jahr. Weder beim Konsortium noch bei der federführenden ETH Zürich wollten sich Sprecher gestern zum Thema äussern – «wissenschaftspolitisch zu heikel».

«Attraktiver für Autoren»

Dirk Verdicchio, Leiter Open Access und Wissenschaftskommunikation bei der Universität Bern, kritisiert das Abseitsstehen. «Die Schweizer Forschung ist auf einem sehr hohen Niveau», sagt er. Das Interesse der Verlage, hiesige Fachaufsätze weiterhin in ihren Journals abdrucken zu können, sei dementsprechend gross. «Wenn wir Powerplay spielten, würden sie ihre überrissenen Preise möglicherweise senken.»

Verglichen mit Deutschland, Österreich, Grossbritannien und den Niederlanden verhält sich die Schweiz beim Thema Open Access grundsätzlich defensiv. «Wir hinken hinterher», kritisiert Verdicchio. Ende 2015 erst erteilte das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation dem Schweizerischen Nationalfonds (SNF) und Swissuniversities den Auftrag, eine nationale Strategie auszuarbeiten. Diese immerhin drückten aufs Tempo: Demnächst wird die Strategie verabschiedet und ein Aktionsplan aufgegleist.

Die Zielsetzung ist ambitioniert, wie Recherchen der «Nordwestschweiz» zeigen: Bis 2024 sollen sämtliche Fachaufsätze von Schweizer Forschern im Open-Access-Modus publiziert werden. Auf Anfrage bestätigt SNF-Abteilungsleiterin Ingrid Kissling-Näf dieses Ziel. «Mit öffentlichen Mitteln finanzierte Forschungsresultate sollen wenn immer möglich frei zugänglich sein», sagt sie. Der SNF verpflichte Wissenschafter deshalb seit längerem, ihre Publikationen zumindest zeitversetzt gratis online zugänglich zu machen: Bei Artikeln in Zeitschriften betrage die Frist sechs, bei Büchern 24 Monate.

Für Open Access macht sich auch die Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften stark, die ihre Mitglieder heute an einer Tagung in Bern sensibilisieren will. Noch immer aber sind Forscher aus diesem Bereich Open Access gegenüber tendenziell kritischer eingestellt als Naturwissenschafter. Immerhin: Erste Verbände haben umgedacht. Darunter die Schweizerische Gesellschaft für Soziologie. «Erste Erfahrungen sind positiv», sagt Präsidentin Muriel Surdez, Professorin an der Uni Freiburg. «Unsere Zeitschrift ist jetzt weltweit gratis abrufbar und dadurch viel sichtbarer. Wir sind damit viel attraktiver für Schweizer und internationale Autoren.»

Nächstes Jahr folgt die Schweizerische Gesellschaft für Volkswirtschaft und Statistik. «Open Access wird die Zukunft des Publizierens in den Wirtschaftswissenschaften sein», ist Martin Brown überzeugt. Bisher hätten es sich Verlage dank ihres Renommees erlauben können, viel Geld zu verlangen, so der Professor für Bankwirtschaft an der Universität St. Gallen. «Nun aber findet eine Bewegung von unten nach oben statt.»