Geothermie
Fredy Brunners Kind liegt auf dem Sterbebett

Der 65-jährige, populäre St.Galler FDP-Stadtrat Fredy Brunner ist der politische Vater des Geothermie-Projekts. Er weibelte und wirbelte an allen Fronten. Jetzt droht seinem Lebenswerk der Übungsabbruch.

Stefan Schmid
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Eigentlich hätte sich Fredy Brunner letzten Herbst pensionieren lassen sollen. Das Glasfasernetz ist im Bau. Und auch das Geothermie-Projekt ist auf Kurs. Doch der damals 64-jährige FDP-Politiker wollte und konnte noch nicht loslassen.

Insbesondere das Geothermie-Kraftwerk war sein Kind. Er hatte die Idee, die 70’000 Einwohner der Stadt St.Gallen künftig mit Strom und Wärme aus der Erde zu versorgen. Er trug dafür die politische Verantwortung. Er weibelte und wirbelte an allen Fronten.

Die Bevölkerung folgte ihm. 82 Prozent der Stadtsanktgaller sprachen sich 2010 für den 159-Millionen-Franken-Kredit aus. Nach dem massiven Ja zum Ausbau des Glasfasernetzes ein Jahr zuvor handelte es sich um Brunners zweiten politischen Grosserfolg.

Seine Wiederwahl in den Stadtrat klappte entsprechend problemlos – trotz seines fortgeschrittenen Alters. Brunner, der heimliche Stadtvater, durfte nochmals ran. Selbst die Linken mögen den authentischen, leicht untersetzten Magistraten.

Der erfolgreiche Abschluss des Geothermie-Projeks wäre die Krönung seiner politischen Laufbahn geworden. Brunner, an der Fasnacht 2011 zum «Ehren-Födlebürger» der Stadt gewählt, hätte sich in St.Gallen ein Denkmal gesetzt und punkto Reputation wohl in ähnliche Sphären gehievt wie der verstorbene ehemalige CVP-Bundesrat Kurt Furgler.

Doch das Erdbeben vom Samstag hat vieles verändert. Brunner, der sofort aus den Ferien in Italien zurückgekehrt ist, muss sich seither auf allen Kanälen erklären. «Das Projekt war immer mit gewissen Risiken verbunden», sagt er nun. «Doch mit einem Erdbeben diesen Ausmasses haben selbst unsere Spezialisten nicht gerechnet.»

Brunner gibt sich Mühe, nicht verbittert zu klingen. Er habe sich nach einem Tag bereits wieder gefangen. Doch enttäuscht sei er schon. Schliesslich habe man sich in der Ostschweiz sehr viel von der Geothermie erhofft. «Wenn wir die Energiewende und den Atomausstieg schaffen wollen, dann brauchen wir gute Alternativen.»

Jetzt aber überwiegen plötzlich Zweifel. Die Situation vor Ort sei aktuell unter Kontrolle, teilte die Stadtkanzlei am Montagnachmittag mit. Bis Ende Woche soll das Bohrloch im Sittertobel stabilisiert werden. Erst dann können weitere Untersuchungen am und im Bohrloch durchgeführt werden.

Brunner macht aber keinen Hehl daraus, dass die Lage ernst ist: «Wir wollen nichts riskieren.» Auch ein Abbruch der Übung werde nun ernsthaft geprüft. Vordringlich zu klären ist nun, welche Optionen aus technischer und geologischer Sicht noch möglich sind.

Bis Ende Woche will Brunner Antworten. Er ahnt: Nur eine offensive und umfassende Informationspolitik kann sein Projekt noch retten.

Wenn überhaupt. Die Kritiker haben Aufwind. Atomlobbyisten wie FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen lassen keine Gelegenheit aus, das Projekt für tot zu erklären. Und auch vom Bund vernimmt man in diesen heiklen Tagen vor allem Durchhalteparolen.

Brunner ist lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass jetzt die Erfolgsbilanz seiner Karriere geschrieben wird. «Im Leben gelingt nicht alles, das muss man akzeptieren». Seine Worte klingen nicht verbittert. Aber enttäuscht ist er schon.