Frauensession
Bundesrätin Sommaruga fordert bei Frauensession Lohngleichheit

Während der Frauensession diskutieren 246 Frauen aus allen Ecken des Landes ihre Ideen und Anliegen. Die Stimmung war euphorisch.

Nina Fargahi
Drucken
Teilen
Bundesrätin Simonetta Sommaruga hielt eine flammende Rede an der Frauensession.

Bundesrätin Simonetta Sommaruga hielt eine flammende Rede an der Frauensession.

chm

Violett. Das war die Farbe des Frauenstreiks und lilafarben war auch die Morgendämmerung am Freitag über Bundesbern, als die Frauensession zum zweiten Mal seit 1991 eröffnete.

«So g’fägt hat’s in diesem Saal noch nie», sagte Bundesrätin Simonetta Sommaruga an diesem Morgen im Nationalratssaal. Auch sie trug einen violetten Blazer. Die Stimmung war ausgelassen an diesem Freitag; der Vormittag war geprägt von kämpferischen Voten und tosendem Applaus, Musik und vielen Witzen. Vorreiterinnen für die Sache der Frauen wurden gewürdigt – in Reden, mit Erinnerungen und Anekdoten.

Sophie Achermann, Geschäftsführerin von Alliance F und Mitorganisatorin der Frauensession, sagte:

«Ich bin überwältigt! Wie schön dieses Bild in diesem Haus ist.»

Frauen aus dem ganzen Land sassen im Ratssaal, von der 17- bis zur 75-Jährigen, solche mit und ohne Schweizer Pass, die meisten ohne grosse Erfahrungen in der Politik. Mehr als 60 Frauensilhouetten sind im Bundeshaus verteilt – ein Kunstprojekt der Schweizerischen Gesellschaft Bildender Künstlerinnen mit klarer Ansage: Auch den Frauen gehört das Bundeshaus.

Nationalrätin Irene Kälin

Nationalrätin Irene Kälin

Peter Klaunzer / KEYSTONE

So sagte Nationalrätin Irène Kälin (Grüne/AG) in ihrer Rede:

«Dieses Haus gehört uns allen zu gleichen Teilen, wir müssen die Plätze einnehmen, die uns zustehen.»

Die Organisatorinnen – mehrere Frauenverbände unter der Leitung des Dachverbandes Alliance f – wollen die weibliche Bevölkerung möglichst repräsentativ abbilden und ihren Anliegen Gehör verschaffen. Vier Bundesratsmitglieder machen den Frauen während der Session ihre Aufwartung: Karin Keller-Sutter, Simonetta Sommaruga, Viola Amherd und Alain Berset.

Bundesrätin Simonetta Sommaruga spricht während der Frauensession.
16 Bilder
Monika Stocker, Initiantin der Frauensession 1991, erhält tosenden Applaus.
Teilnehmerinnen schauen die Liste der Einzelanträge an.
Kathrin Bertschy, Nationalrätin GLP-BE hält eine Ansprache.
Teilnehmerinnen diskutieren in den Pausen.
Nancy Duc, Teilnehmerin an der Frauensession, verfolgt eine Abstimmung.
Teilnehmerinnen verfolgen die Rede von Bundesraetin Simonetta Sommaruga.
Fanny Darbellay, Teilnehmerin an der Frauensession, verfolgt eine Abstimmung.
Teilnehmerinnen verfolgen die Rede von Bundesrätin Simonetta Sommaruga.
Paola Riva Gapany, Teilnehmerin an der Frauensession, verfolgt eine Abstimmung.
Musikerinnen spielen am Beginn der Frauensession 2021.
Teilnehmerinnen an der Frauensession applaudieren.
Maya Graf, Ständerätin GP-BL und ehemalige Nationalratspräsidentin eröffnet die Frauensession 2021.
Teilnehmerinnen an der Frauensession stimmen ab – vorne rechts Co-Präsidentin der Jungen Grünen Luzern: Michelle Meyer.
Bundesrätin Simonetta Sommaruga, rechts, erhält von Kathrin Bertschy, Nationalrätin GLP-BE, ein Geschenk nach ihrer Rede.
Teilnehmerinnen an der Frauensession machen ein Selfie.

Bundesrätin Simonetta Sommaruga spricht während der Frauensession.

Eineinhalb Tage lang beraten 246 Frauen über Themen, die sie in Kommissionssitzungen vorbesprochen haben – ähnlich, wie es jeweils im offiziellen eidgenössischen Parlament abläuft. Es geht um günstige Kinderbetreuungsplätze, Individualbesteuerung, häusliche Gewalt, Lohnungleichheit, und vieles mehr.

Care- und Haushaltsarbeit wird unterschätzt

Beim Stehlunch in der Galerie des Alpes kommen die Teilnehmenden ins Gespräch. Anwesend ist zum Beispiel auch Nadine Jürgensen. Sie hat soeben die Finanz- und Medien-Plattform «ElleXX» mitgegründet, die sich dafür einsetzt, den finanziellen Gender-Gap zu schliessen. Jürgensen rechnet vor:

«In der Schweiz werden jährlich 7,9 Milliarden Stunden bezahlte Arbeit geleistet. Die unbezahlte Arbeit hingegen beträgt 9,2 Milliarden Stunden.»

In Geld übersetzt sind das 408 Milliarden Franken, die unbezahlt geleistet werden jedes Jahr, im überwiegenden Masse von Frauen. «Der volkswirtschaftliche Wert der unbezahlten Care- und Haushaltsarbeit wird komplett unterschätzt», so Jürgensen. Die Forderung ihrer Kommission an der Frauensession: Die Aufwertung der Erziehungs- und Betreuungsgutschriften in der 1. Säule, die nicht ausbezahlt, sondern an den Rentenanspruch angerechnet werden, um damit die geschlechtsspezifische Altersvorsorgelücke von 37 Prozent zu reduzieren.

Teilnehmerinnen verfolgen die Frauensession 2021 im Nationalrat in Bern.

Teilnehmerinnen verfolgen die Frauensession 2021 im Nationalrat in Bern.

Peter Klaunzer / KEYSTONE

«Männer verhandeln hart, Frauen klagen»

Die finanzielle Benachteiligung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts ist eines der grossen Themen an dieser Frauensession. Bundesrätin Sommaruga erzählte von ihren eigenen Erfahrungen, als sie bei einem ihrer ersten Anstellungen weniger verdiente als ihr männlicher, gleichqualifizierter Kollege. «Aber ich wollte nicht ‘stürme’ – so nennt man das ja, sobald eine Frau ‘hart verhandelt’», sagte die Bundesrätin und sorgte für Applaus im Saal.

Ebenfalls anwesend war die Gewählte Anja Knabenhans. Sie hat in der Kommission für sexuelle Gesundheit und Gendermedizin mitgearbeitet und dort die Motion «Zugang zu umfassender und professioneller Bildung für alle» mitverfasst. «Wir wollen nationale Standards in der Sexualaufklärung, damit alle Kinder über Wissen und Kompetenzen verfügen – nur dann sind Selbstbestimmung, Respekt und Konsens möglich», sagt sie. Es gehe nicht, dass sich die Jugendlichen zweifelhafte Informationen ergoogeln, weil ihnen die entsprechende Bildung und Aufklärung fehle.

Frauen sitzen an ihren Pulten, während der Frauensession.

Frauen sitzen an ihren Pulten, während der Frauensession.

Peter Klaunzer / KEYSTONE

«Es hat noch Platz für mehr Frauen in der Politik»

Am späteren Nachmittag sprach auch Justizministerin Karin Keller-Sutter an der Frauensession und machte sich stark für die Bekämpfung der häuslichen und sexuellen Gewalt. Dafür müssten Frauen mit am Tisch sitzen, und zwar auf allen Ebenen. «Verstehen Sie das als Aufforderung: Es hat noch Platz für mehr Frauen in der Politik», so die Bundesrätin.

Was wird von all diesen Forderungen schliesslich in die Realpolitik umgesetzt? Die Frauensession ist jedenfalls eine umfassende Standortbestimmung, wie es um die frauenspezifischen Anliegen 50 Jahre nach der Einführung des Frauenstimmrechts bestellt ist. An diesem Anlass wurden Ideen diskutiert, wie die Stellung der Frauen verbessert werden können. Denn Verbesserungsbedarf gibt es noch immer, wie sich an der Frauensession deutlich zeigte.

Bildergalerie der letzten Frauensession 1991:

Rund 280 Frauen nahmen an der ersten Frauensession am 7. und 8. Februar 1991 teil.
26 Bilder
Darunter bedeutende Kämpferinnen für Frauenrechte: Zum Beispiel die ehemalige CVP-Nationalrätin Elisabeth Blunschy, die die Session leitete.
Oder Lilian Uchtenhagen, SP-Politkerin und Nationalrätin.
Links die ehemalige CVP-Nationalraetin Elisabeth Blunschy im Gespräch mit Nationalrätin Judith Stamm, CVP Luzern. Im Hintergrund Ständerätin Josi Meier.
Clownin und Feministin Gardi Hutter.
Sie hatte im Nationalratssaal einen legendären Auftritt.
Doch noch ein Mann: Der damalige Bundespräsident Flavio Cotti hiess die Frauen in seiner Ansprache unter der Bundesratskuppel willkommen.
Ebenfalls zur Eröffnung gab es ein Streichkonzert.
Gardi Hutter nimmt die Besen in die Hand.
Und wagt sich hoch hinaus.

Rund 280 Frauen nahmen an der ersten Frauensession am 7. und 8. Februar 1991 teil.

Keystone/Alessandro della Valle

Aktuelle Nachrichten