ETH-Studie

Frauen verdienen definitiv weniger: Nicht erklärbarer Lohnunterschied beträgt rund 8500 Franken pro Jahr

Nicht alle Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen sind erklärbar.

Nicht alle Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen sind erklärbar.

Frauen verdienen in der Schweiz durchschnittlich deutlich weniger als Männer. 657 Franken pro Monat beträgt der objektiv nicht erklärbare Lohnunterschied. Ökonomen entkräftigen nun mit einer Studie eine oft zitierte Begründung für diese Differenz. Das macht im Jahr mit dreizehntem Monatslohn 8541 Franken.

«Mann und Frau haben Anspruch auf gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit», steht in Artikel 8 der Bundesverfassung. Doch in der Realität sieht das häufig anders aus. Gemäss der jüngsten Auswertung des Bundesamts für Statistik (BfS) aus dem Jahr 2016 verdienen Männer im Privatsektor im Durchschnitt monatlich 1530 Franken oder 19,6 Prozent mehr als Frauen.

57 Prozent dieser Differenz lassen sich mit Faktoren wie der beruflichen Stellung, der Ausbildung oder der Berufserfahrung erklären. Die restlichen 43 Prozent der Differenz – 657 Franken pro Monat – lassen sich nicht mit objektiv messbaren Kriterien begründen. Im Privatsektor bleibt also ein unerklärter Lohnunterschied von 8,4 Prozent zwischen Männern und Frauen.

Studie mit fast 2600 ETH-Abgängern

Eine gängige These, wie dieser unerklärte Lohnunterschied zusammenkommt, ist die so genannte «Theorie der kompensierenden Lohndifferentiale». Gemäss dieser Theorie werden Arbeitnehmer für schlechte Arbeitsbedingungen in der Form eines höheren Lohnes kompensiert. Wer etwa unflexible Schichtarbeitszeit leistet, kann gemäss dieser Theorie mit einem besseren Lohn rechnen als jemand in derselben Funktion, der flexible Arbeitszeiten hat.

Im Umkehrschluss besagt die Theorie, dass man für gute Arbeitsbedingungen, die einem gewisse Annehmlichkeiten ermöglichen, mit einem schlechteren Lohn rechnen muss. In Bezug auf die Geschlechterunterschiede ist in der Forschungsliteratur die Rede davon, dass Frauen mehr Wert auf gute Arbeitsbedingungen legten als Männer und im Gegenzug eher dazu bereit seien, auf einen höheren Lohn zu verzichten.

Eine neue Studie der Konjunkturforschungsstelle (KOF) an der ETH Zürich lässt erhebliche Zweifel an dieser Theorie aufkommen. Die Ökonomen Masha Khoshnama, Daniel Kopp und Michael Siegenthaler haben dazu die Antworten von 2583 ETH-Abgängern aus einer Online-Umfrage aus dem vergangenen Winter ausgewertet. Teilgenommen haben 1835 Männer und 748 Frauen.

Jobzufriedenheit hat wenig mit Lohn zu tun

«Gemäss unseren Resultaten sind für Männer und Frauen grösstenteils die gleichen Faktoren entscheidend, ob sie mit ihrem Job zufrieden sind oder nicht», sagt Studienautor Daniel Kopp. Nicht-monetäre Faktoren sind bei den ETH-Absolventen am wichtigsten für die Zufriedenheit im Beruf. Bei beiden Geschlechtern hängt die Jobzufriedenheit am stärksten mit der Frage zusammen, ob sie im Rahmen ihrer Arbeit interessante Aufgaben haben. Am zweitstärksten korreliert eine gute Kommunikation innerhalb des Unternehmens mit der Jobzufriedenheit.

Auch das Verhalten der Vorgesetzten, Weiterbildungs- und Karrieremöglichkeiten und die Arbeitsplatzatmosphäre spielen eine grosse Rolle. «Im Gegensatz dazu gibt es nur einen schwachen Zusammenhang zwischen der Jobzufriedenheit und dem Lohn sowie der Zufriedenheit mit dem Lohn», heisst es in der Studie.

Die Forderung nach Lohngleichheit war ein wichtiges Anliegen des Frauenstreiks 2019.

Die Forderung nach Lohngleichheit war ein wichtiges Anliegen des Frauenstreiks 2019.

«Die Auswertung liefert keinen Hinweis darauf, dass Frauen nicht-monetäre Faktoren insgesamt höher gewichten als Männer und dafür der Lohnhöhe weniger Bedeutung zumessen», sagt Daniel Kopp. Zwar gebe es vereinzelt kleine Unterschiede zwischen den Geschlechtern bei den Faktoren, die für die Jobzufriedenheit verantwortlich sind, doch diese fielen insgesamt gering aus, erläutert Kopp.

Für die Jobzufriedenheit der Frauen ist die empfundene Gleichberechtigung der Geschlechter im eigenen Betrieb etwas wichtiger als für die Männer. Für diese wiederum ist der Umgang mit Älteren im Betrieb wichtiger für die Jobzufriedenheit, ebenso die Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben.

«Weiche» Faktoren nicht für Lohnunterschied verantwortlich

Insgesamt sind die befragten Frauen mit allen Aspekten ihres Jobs im Schnitt unzufriedener als die befragten Teilnehmer. Am grössten sind die Unterschiede bei der Gleichstellung der Geschlechter und beim Gehalt. Zumindest für Zweiteres gibt es messbare Gründe: Die Männer in der Stichprobe verdienen im Schnitt zwischen 16 und 17 Prozent mehr als die befragten Frauen. Berücksichtigt man dies mit den eingangs erwähnten Faktoren wie Alter, Ausbildung, Berufserfahrung oder der Position innerhalb des Unternehmens, bleibt ein unerklärter Lohnunterschied von sieben Prozent bestehen.

Die Zahlen lieferten keinen Hinweis darauf, dass «weiche Faktoren» wie Arbeitsbedingungen, die Arbeitsatmosphäre oder das Verhalten der Vorgesetzten für diesen Lohnunterschied verantwortlich sind: «Wir finden keine Evidenz, dass Männer mit höheren Löhnen für schlechtere Arbeitsbedingungen kompensiert werden.»

«Lohnunterschiede lassen sich nicht wegerklären»

Natürlich sei die untersuchte Stichprobe nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung, räumt Studienautor Daniel Kopp ein: «Es handelt sich ausschliesslich um Hochschulabgänger und der Medianlohn der Befragten liegt mit 10'000 Franken deutlich über dem gesamtschweizerischen Medianlohn von 6538 Franken.» Es sei beispielsweise gut möglich, dass bei Beschäftigten im Tieflohnsektor die Höhe des Gehalts eine wichtigere Rolle spiele bei der Jobzufriedenheit als die Frage, ob sie im Beruf interessante Aufgaben hätten.

Dennoch lassen sich laut Kopp Erkenntnisse aus der Studie ziehen, die über den Kreis der Befragten hinaus plausibel und relevant sind: «Die immer noch bestehenden Lohnunterschiede zwischen Mann und Frau lassen sich nicht einfach mit dem Hinweis auf unterschiedliche Arbeitsbedingungen wegerklären. Frauen verdienen nicht weniger, weil ihnen softe Faktoren wichtiger sind.»

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