Interview

«Frauen sind anders krank als Männer» – eine Gender-Medizinerin packt aus

In der Medizin wurde lange so getan, als könne mehr oder weniger geschlechterneutral praktiziert werden. (Bildquelle: iStock/Getty Images)

In der Medizin wurde lange so getan, als könne mehr oder weniger geschlechterneutral praktiziert werden. (Bildquelle: iStock/Getty Images)

«Die Frau wurde in der Wissenschaft lange als kleinere Version des Mannes angesehen – mit fatalen Folgen», sagt die Kardiologin Vera Regitz-Zagrosek. Ein Fachbereich will Gleichstellung – und wird nun in der Schweiz zum Thema für Medizinstudenten.

Von 100 Frauen und 100 Männern, die einen Herzinfarkt erleiden, überleben durchschnittlich 80 Männer – aber nur 72 Frauen. Ist der Arzt ein Mann, sinken die Überlebenschancen der Frauen rasant. Ob Frau oder Mann – krank ist eben nicht gleich krank. Diesem Thema widmet sich die Gendermedizin. Ein Gespräch mit einer Pionierin dieser Fachrichtung.

Frau Regitz-Zagrosek, Sie sagen, Frauen seien anders krank als Männer. Was meinen Sie damit konkret?

Vera Regitz-Zagrosek: Krank ist nicht gleich krank. Bei fast allen Erkrankungen gibt es Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Von der Erkältung über Depressionen bis hin zu Herzinfarkten. Frauenherzen schlagen auf andere Weise und mentaler Stress schadet ihnen mehr als den Herzen der Männer. Sie haben hingegen bessere Abwehrkräfte und sind resistenter gegen Infektionen – und so weiter. Die Liste der Unterschiede ist ellenlang.

Warum braucht es Gendermedizin?

Andere Symptome müssten eigentlich anders behandelt werden. Dem ist aber nicht so. In der Medizin wurde lange so getan, als könne mehr oder weniger geschlechterneutral praktiziert werden. Die Frau wurde als kleinere Version des Mannes angesehen und vernachlässigt, Frauen wurden nur selten in Studien eingeschlossen. Deshalb sind Therapien heute oft auf Männer ausgerichtet – zum Teil mit fatalen Folgen. Die Gendermedizin will Gleichstellung schaffen und die jeweiligen Besonderheiten der Geschlechter berücksichtigen. (s. Das versteht man unter Gendermedizin)

Vera Regitz-Zagrosek. (Bildquelle: gender.charite.de)

Vera Regitz-Zagrosek. (Bildquelle: gender.charite.de)

Fatale Folgen – übertreiben Sie damit nicht etwas?

Herzinfarkte zum Beispiel äussern sich bei Frauen anders und werden oft nicht sofort erkannt. Frauen landen deshalb später im Spital als Männer – und wertvolle Zeit verstreicht. Man weiss: Frauen haben ein höheres Risiko, an Herzkrankheiten zu sterben, obwohl es eigentlich die Männer sind, die häufiger am Herzen erkranken.

Als typische Beschwerde bei einem Herzinfarkt gelten Schmerzen in der Brust ...

Frauen klagen oft nicht in erster Linie über dieses «typische» Symptom. Für sie subjektiv stehen oft Übelkeit, Schwäche, Rücken- oder Bauchschmerzen im Vordergrund. Gefährlich ist zum Beispiel auch, wenn ein Schlafmedikament für eine Frau zu hoch dosiert ist und zu stark wirkt. Denn Frauen bauen manche Schlaftabletten langsamer ab als Männer. Das kann am Tag nach der Einnahme gemäss verschiedenen Studien zu mehr Verkehrsunfällen führen.

Das heisst, Ärzte sollten ihre Diagnosen anders stellen und anders behandeln – je nachdem, ob eine Frau oder ein Mann in ihre Praxis kommt?

Ja, unbedingt. Medikamente wirken bei Frauen anders, weil ihr Magen-Darm-Trakt und der Stoffwechsel anders funktionieren. Männer haben hingegen mehr Muskelmasse, und weniger Fett. Diese und weitere Faktoren können das Ansprechen auf Therapien beeinflussen. Ausserdem stellen Frauen ihre eigenen Beschwerden oft eher in den Hintergrund. Sie wenden sich erst später an ihren Arzt und spielen die Probleme herunter. Auch das müssen Mediziner beachten.

Braucht es für Mann und Frau also unterschiedliche Pillen?

Ob unterschiedlichen Pillen, weiss man nicht, da dies bisher nicht konkret untersucht wurde. Aber oft eine andere Dosierung. Da Frauen viele Tabletten langsamer abbauen als Männer, brauchen sie möglicherweise bei einigen Medikamenten, die häufig gegen Herzschwäche verschrieben werden – ACE-Hemmer und Betablocker – eine deutlich tiefere Dosierung. Auch in der Tumortherapie muss die Menge je nach Geschlecht angepasst werden. Nützlich wäre deshalb, wenn auf den Beipackzetteln der Medikamente unterschiedliche Dosierungsmöglichkeiten vermerkt wären. So könnte ein Arzt einer Frau oder einem Mann zu unterschiedlichen Dosierungen raten. Dies wird heute bei den wenigsten Medikamenten so gehandhabt.

Nicht nur das Geschlecht des Patienten spielt eine Rolle, sondern auch dasjenige des Arztes, richtig?

Genau. Laut einer US-Studie sinken die Überlebenschancen einer Frau bei einem Herzinfarkt deutlich, wenn sie von einem männlichen Arzt behandelt wird. Männliche Ärzte hatten die Frauen anscheinend schlechter oder weniger effektiv behandelt als die Männer. Ärztinnen hingegen behandelten Männer und Frauen gleich und insgesamt etwas besser als ihre männlichen Kollegen.

Empfehlen Sie mir als Frau also, lieber eine Ärztin zu konsultieren?

So kategorisch würde ich das nicht sehen. Am wichtigsten ist die Vertrauensbasis zwischen Arzt und Patient. Sie könnten mit ihm oder ihr ein Gespräch über geschlechtsspezifische Aspekte führen und merken dann schnell, ob sie oder er diese respektieren.

Ist Gendermedizin feministisch?

Da Frauen in der Medizin nicht gleichgestellt sind, würde ich sagen, ja, es ist ein feministischer Akt, Gendermedizin zu betreiben. Aber die Meinung gewisser Feministinnen, wonach sämtliche Unterschiede gesellschaftlich konstruiert sind, schadet dem Gebiet. Als Ärztin weiss ich, dass es biologische Geschlechterunterschiede gibt.

Frauen und Männer unterscheiden sich – das erscheint selbst Laien logisch. Warum hat man das über lange Zeit nicht beachtet?

Weil die Medizin von Männern dominiert wurde. Man hat sich keine Gedanken darüber gemacht, dass der weibliche Körper anders funktionieren könnte als der männliche Prototyp. Und in vielen klinischen Studien waren Frauen unterrepräsentiert. Daher sind «typische» Symptome meist männliche Symptome.

Warum waren die Frauen unterrepräsentiert?

Man hatte Angst, bei einer unerkannten Schwangerschaft das Ungeborene zu schädigen.

Das ist verständlich ...

Aber nicht nur deswegen: Wegen des Zyklus ist es komplizierter, die Reaktion des weiblichen Körpers auf ein Medikament zu testen. Frauen mit Zyklus auszuschliessen, macht aber natürlich keinen Sinn, denn man möchte die Arzneimittel ja auch Frauen geben können, die ihre Mens haben. Ausserdem werden viele Studien hauptsächlich mit Menschen über 60 durchgeführt; dann sind die Patientinnen in den Studien nicht mehr im gebärfähigen Alter.

Wie werden Medikamente und Therapien heute getestet?

Eigentlich sind Pharmaunternehmen inzwischen verpflichtet, Arzneimittel bei Männern und Frauen zu testen, wenn das Mittel für beide Geschlechter zugelassen werden soll. Doch Medikamentenstudien werden bis heute überwiegend mit männlichen Labortieren und Probanden geführt – und das Arzneimittel wird später auch Frauen verabreicht. Ich bin überzeugt, dass das Schwangerschaftsrisiko und der Zyklus von der Pharmabranche häufig als Ausrede benutzt werden.

Ist Gendermedizin Gesundheitsforschung exklusiv für Frauen?

Nein, die Erkenntnisse der Gendermedizin helfen Frauen und Männern gleichermassen. Depressionen etwa galten lange als typische Frauenkrankheit und wurden bei Männern oft nicht erkannt. Hier konnte die Gendermedizin helfen. Zu unseren Aufgaben gehört es, Studierende und ältere Generationen von Ärztinnen und Ärzten zu sensibilisieren.

Dennoch führt der Fachbereich, bei dem diese Unterschiede im Zentrum stehen, ein Nischendasein ...

Ja, leider. Die Berliner Charité ist derzeit die einzige medizinische Fakultät im deutschsprachigen Raum, die Gendermedizin als Pflichtfach unterrichtet. Aber glücklicherweise findet langsam ein Umdenken statt. Die Universitäten Bern und Zürich planen zusammen einen Weiterbildungsstudiengang (CAS) in Gendermedizin. Dieser soll voraussichtlich 2020 starten.

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