Julia ist aufgedreht. Es ist nach halb sieben abends in einem Zürcher Café. Rote Mütze, runde Brille, lange, braune Haare. Die 33-Jährige kommt direkt von der Arbeit, aus einer Kindertagesstätte um die Ecke. Hinter ihr liegen achteinhalb Stunden permanente Aufmerksamkeit. Mit zwei Mitarbeiterinnen und einer Praktikantin hat sie 16 Kinder im Alter von zwei bis vier Jahren betreut.

In ihrer Branche gilt Julia als Ausnahme. Nicht nur arbeitet sie seit sieben Jahren in demselben Betrieb. Sie gehört auch zu jenen ausgebildeten Betreuerinnen, die noch nach elf Jahren im Beruf sind. Leidenschaftlich, wie sie sagt. Gerade deshalb wolle sie etwas verändern. Mit Berufskolleginnen hat Julia die Gruppe «Trotzphase» gegründet. Das Ziel? Bessere Arbeitsbedingungen in den Schweizer Kindertagesstätten (Kita). «Seit Jahren wiederholen sich unsere Beobachtungen und Gespräche. Irgendwann begriffen wir: Wir müssen handeln. Nur jammern bringt nichts», sagt Julia.

Geht es um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, kreisen die Diskussionen um geringgeschätzte Teilzeitpensen, fehlende flexible Arbeitszeitmodelle und hohe Kosten in der Fremdbetreuung. Kaum Beachtung finden hingegen jene, die eine gleichberechtigte Elternschaft überhaupt erst möglich machen: die Angestellten in den Kindertagesstätten. Arbeiten Mütter und Väter nach der Geburt ihrer Kinder in hohen Pensen weiter, bleibt die Betreuung der Kleinsten primär Frauensache. Und dies nicht selten zu schlechten Arbeitsbedingungen.

Unterbezahlt und überarbeitet

Wie stiefmütterlich diese Branche behandelt wird, zeigt sich daran, dass es kaum Erhebungen dazu gibt. Eine Studie im Auftrag der Stadt Zürich, die Ende 2014 erschienen ist, liefert Anhaltspunkte. Sie sind alarmierend: Nur 20 Prozent der Befragten gaben damals an, dass es in ihren Kitas genügend Personal gebe. Ein Mangel, der in bestehenden Teams zu gesundheitlichen Problemen, Ausfällen und Kündigungen führt. Zudem würden Praktikantinnen und Praktikanten als «billige» Arbeitskräfte eingesetzt. Auch Julia hat nach ihrem 10. Schuljahr zwei Jahre lang als Praktikantin in Krippen geschuftet: zuerst für 500 Franken, im zweiten Jahr für 800 Franken pro Monat. Als ausgebildete Fachkraft und mit Weiterbildungen bleibe der Lohn aber «im tiefen Bereich», sagt sie.

2016 hat der Verband Kinderbetreuung Schweiz (Kibesuisse) erstmals abgestufte Lohnempfehlungen publiziert. Der tiefste Ansatz für eine gelernte Betreuerin liegt bei 4000 Franken, der höchste bei knapp 5800 Franken. Letzterer sei illusorisch, sagt Julia. Auch als Gruppenleiterin wie sie mit mehr als zehn Jahren Erfahrung, die zudem Lernende ausbildet. «Wir erhalten in der Regel zwischen 4000 und 5000 Franken monatlich. Das deckt sich in keiner Weise mit der Verantwortung, die wir tragen.» Die geringe Wertschätzung ihrem Beruf gegenüber macht sie wütend. Die Aussage «So herzig, du spielst den ganzen Tag mit Kindern» könne sie nicht ernst nehmen.

Die Gruppe Trotzphase will solche Vorurteile nun bodigen. «Wir kämpfen nicht gegen die Kitas, sondern für sie», sagt Julia. Deshalb fordert sie mit ihren Mitstreiterinnen unter anderem einen Gesamtarbeitsvertrag, höhere Löhne, und ein Ende der verbreiteten Praktika-Praxis. Unterstützung bekommt die Gruppe von der Gewerkschaft VPOD. Deren Zentralsekretärin Christine Flitner sagt, die Unterfinanzierung der Kitas sei das Hauptproblem. Die zum Teil «sehr, sehr hohen Beiträge der Eltern» reichten nicht: «Es braucht öffentlich finanzierte und kontrollierte Kitas», sagt sie. Besonders problematisch sei die Situation vieler Schulabgänger, die sich um eine Ausbildung bemühen. «Es gibt Kitas, die vier Praktikantinnen und Praktikanten beschäftigen – aber nur eine Lehrstelle anbieten. Das geht nicht auf», sagt Flitner. Der Kanton Bern hat deshalb Praktika ohne konkrete Zusage einer Lehrstelle auf sechs Monate beschränkt. Das genügt dem VPOD nicht: «Die Praktika gehören abgeschafft. Wie in anderen Branchen üblich, reichen auch in dieser eine oder zwei Schnupperwochen», sagt Zentralsekretärin Flitner.

Aufseiten der Arbeitgeber, des Verbands Kibesuisse, nimmt Geschäftsführerin Nadine Hoch die Kitas in Schutz: «Wir wollen alle mit ausgebildetem Personal arbeiten.» Doch in der Realität fehle oft das Geld. Lösungen gebe es durchaus, sagt Hoch. Sie verweist auf die Romandie. Dort leisten die Arbeitgeber über Lohnbeiträge wie an die AHV oder IV einen Beitrag an die Kinderbetreuung. «Das hat die Situation massiv entspannt», sagt Hoch. Der Versorgungsgrad sei höher; die Kinder profitieren. «Es ist bewiesen, dass in der frühen Kindheit die wichtigsten Entwicklungsschritte passieren. Dass gerade in diesem Bereich gespart wird, ist totaler Unsinn», sagt Hoch. Sie schüttelt den Kopf: Je jünger das Kind sei, umso geringere Qualifikationen der Betreuenden würden akzeptiert. Im Gegenzug stiegen aber die Anforderungen an die Kitas: «Heute betreuen sie auch Kinder mit einer Behinderung oder sind mitverantwortlich für die Integration von fremdsprachigen Kindern.»

Julia nimmt den letzten Schluck ihres Chai Latte. Sie wirkt müde. Auch Tage, die vergleichsweise ruhig verlaufen, seien kräftezehrend. Nicht nur wegen des hohen Lärmpegels. «Es braucht unglaublich viel Energie, auf 16 Kinder einzugehen und ihren Bedürfnissen gerecht zu werden. Wir sind immer eingespannt und präsent. Stellen Sie sich vor, Sie wären acht Stunden auf Sendung.»