Frau Rytz, hatten Sie schon vor der Publikation des entsprechenden Artikels Kenntnis von den Vorwürfen?

Nein. Ich habe den Sonntag mit der Familie verbracht und bin aus allen Wolken gefallen, als ich nach dem Mittag von den Vorwürfen erfuhr.

Ist Geri Müller für Ihre Partei noch tragbar?

Man muss zuerst einmal klarstellen, worum es eigentlich geht: Um eine private Beziehung zwischen zwei erwachsenen Menschen. Das ist nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Der Persönlichkeits- und Datenschutz gilt auch im Zeitalter von sozialen Medien. Dass Herr Müller offenbar auch Fotos im Regierungsgebäude erstellt hat, ist ein klarer Fehler. Das geht nicht.

Es geht aber nicht um die Nackt-Selfies. Politisch viel brisanter ist der Vorwurf des Amtsmissbrauchs.

Dieser Vorwurf ist in der Tat gravierend, da steht aber Aussage gegen Aussage. Gemäss aktuellsten Medienberichte bestätigt die Polizei die Version von Geri Müller.

Was tut die Grüne Partei, wenn sich die Vorwürfe gegen Müller erhärten sollten?

Im Falle eines Amtsmissbrauchs ist jede politische Karriere am Ende. Doch Spekulationen bringen uns nicht weiter. Jetzt müssen zuerst mal die Fakten geklärt werden.

Was haben Sie Müller für einen Ratschlag erteilt?

Ich habe bis anhin noch nicht mit ihm persönlich sprechen können, unser Fraktionspräsident hatte ihn aber am Telefon. Ich hoffe, dass sich Müller nun rasch öffentlich äussert und seine Sicht der Dinge auf den Tisch bringt.

Die Grünen geben sich stets als Partei, die sich für die Aufweichung von alten Rollenbildern starkmacht. Der Fall Müller zementiert auf den ersten Blick aber das Klischee des älteren Mannes mit Status, der eine junge Frau bezirzt. Hat Müller seine Machtposition ausgenützt?

Wie jemand im Rahmen der Gesetze sein Privatleben gestaltet, geht die Öffentlichkeit nichts an. Das gilt auch für Politiker. Vielleicht habe ich eine altmodische Haltung: Ich trenne Privat- und Berufsleben strikt.

Aber gewählte Volksvertreter wissen, dass sie unter dauernder Beobachtung stehen.

Man weiss, dass man eine öffentliche Person ist, ja. Als ich in Bern Verkehrsvorsteherin war, wurde jede Velofahrt von mir durchleuchtet. Darauf muss man sich einstellen. Aber niemand ist ohne Fehler.

Für eine Partei können sich solche Schlagzeilen negativ auswirken – das hat zum Beispiel die Debatte rund um die Pädophilie-Vergangenheit der Grünen in Deutschland gezeigt. Hat Ihre Partei ein Problem mit der Sexualität?

Da sehe ich überhaupt keinen Zusammenhang. Natürlich freuen uns solche Schlagzeilen nicht, aber wir können nicht kollektiv die Verantwortung für das Verhalten einer einzelnen Person übernehmen. Sonst kämen auch viele anderen Parteien in Schwierigkeiten. Die Wähler wissen, dass letztlich die politische Arbeit zählt.

Wird es komisch sein für Sie, wenn Sie Müller zum ersten Mal wieder persönlich begegnen?

Das hängt davon ab, was in den nächsten Tagen alles passiert. (fum)

Badens Vizeammann Markus Schneider nimmt in einem Kurz-Interview Stellung zur Selfie-Affäre von Stadtammann Geri Müller.

Badens Vizeammann Markus Schneider nimmt in einem Kurz-Interview Stellung zur Selfie-Affäre von Stadtammann Geri Müller.

Nackt-Selfie-Affäre um Geri Müller

Nackt-Selfie-Affäre um Geri Müller

Das sagen die Grünen Schweiz

«Intime Fotos im Büro aufzunehmen ist für die Grünen ein Fehler», hält die Grüne Partei Schweiz in einer Medienmitteilung vom Montag fest. Dies gelte umso mehr, wenn es sich um ein Regierungsgebäude handle. Damit spielt die Partei auf Geri Müllers Nackt-Selfies an, die dieser als Badens Stadtammann in seinem Büro gemacht und seiner damaligen Geliebten geschickt hat.

Soweit die Kritik an Parteikollegen Müller. Ebenso kritisieren die Grünen Schweiz aber auch «die Veröffentlichung von privaten und persönlichen Bildern und Texten anderer Personen verurteilen die Grünen klar. Persönlichkeits- und Datenschutz gelten auch im Zeitalter der sozialen Medien. Insbesondere das Sexualleben gehört ohne Einwilligung der betroffenen Personen nicht in die Öffentlichkeit.» Zur Erinnerung: Die «Schweiz am Sonntag» ist zwar im Besitz der Nackt-Bilder, hat diese aber nicht publiziert; hingegen hat die Zeitung aus Müllers Chat mit der Frau zititert und die Affäre publik gemacht.

Auffallend ist: Die Grünen Schweiz gehen mit Nationalrat Geri Müller wesentlich weniger hart ins Gesicht als die direkt betroffenen Grünen Aargau. Diese meinten gestern: «Wir distanzieren uns von einem Verhalten, welches dem Ansehen und der Integrität einer Stadt oder einer Behörde schaden könnte.» Ohne Müller vorzuverurteilen, sagte Jonas Fricker, Präsident der Grünen Aargau: Wenn die Vorwürfe der Frau zutreffen sollten, hoffe er, «dass Geri Müller die Konsequenzen zieht». Ein einzelner Grüner twitterte sogar: «Üble Sache, Geri, Deine Integrität ruhe in Frieden.»

Die Parteizentrale in Bern nimmt zu möglichen Konsequenzen keine Stellung, sondern schiebt den Ball den Aargauern zu: «Wie es mit der politischen Laufbahn von Geri Müller weiter geht, muss er gemeinsam mit seinen Kantonal- und Kommunalpartei entscheiden. Wir warten diesbezüglich auf eine klärende Stellungnahme von Geri Müller.» (roc)