Schwungvoll gleitet der Neocolor auf dem weissen Papier auf und ab. «Caran d’Ache» steht kurze Zeit später in roten Lettern darauf geschrieben. Carole Hübscher legt den Wachsstift beiseite, nimmt einen Aquarellpinsel und beginnt, den Schriftzug zu vermalen. Elegant, gekonnt. Nicht zu übersehen, dass sie in ihrem Element ist. «Das macht mir Spass», sagt die Vorzeigemanagerin und fügt an: «Und es ist beruhigend.»

Carole Hübscher. Das ist die Präsiden-tin des Schweizer Familienunternehmens Caran d’Ache, das vor 100 Jahren gegründet wurde. Eine mächtige Frau. Seit 2012 ist sie am Ruder der Genfer Maison für Schreib- und Zeichengeräte, zuvor stand ihr Vater, Jacques Hübscher, dem Unternehmen während 30 Jahren vor. Ein Generationenwechsel, der für Aufsehen sorgte.

Die heute 47-Jährige ist aber nicht etwa in einem Haus voller bunter Farbstifte aufgewachsen. «Genau wie die anderen Kinder musste ich Sorge zu meinen Farbstiftschachteln tragen», sagt Carole Hübscher.

Jedoch hätten sie und ihre Schwester das Privileg gehabt, dass ihr Vater von Zeit zu Zeit neue Produkte zum Ausprobieren mit nach Hause gebracht habe. Von den Eltern gedrängt worden, bei Caran d’Ache einzusteigen, sei sie nie. Es sei ihr eigener Wunsch gewesen. «Bei einem Familienunternehmen ist es wichtig, dass man zuerst anderweitig Erfahrungen sammelt.»

Hübscher absolvierte daher zunächst die Genfer Hotelfachschule und ein Management-Programm in Harvard. Danach arbeitete sie in New York im Vertrieb und Marketing von Caran d’Ache, war dann bei der Swatch Group tätig und zuletzt bei einer selbst gegründeten Markenagentur.

Investitionen auf Eis gelegt

Herausfordernd sei es, ein geschichtsträchtiges, weltweit bekanntes Familienunternehmen zu führen, so Carole Hübscher. Vor allem jetzt, nach der Aufhebung des Euro-Franken-Mindestkurses. «Die Qualität hat ihren Preis. In der Schweiz zu produzieren, ist nicht einfach», sagt die Mutter dreier Kinder. Die Preise seien unter Druck, doch müsse man sich dem starken Franken stellen. Caran d’Ache hat Massnahmen getroffen, unter anderem wurden teurere Investitionen in Forschung und Entwicklung zurzeit auf Eis gelegt, das Budget überarbeitet.

«Bei der Qualität unserer Produkte gehen wir keine Kompromisse ein. Sie steht nach wie vor im Mittelpunkt», so die Genferin. Doch wie geht es weiter? Wird das Familienunternehmen seine Produktion ins Ausland verlegen? Die Präsidentin schüttelt den Kopf. Der Wettbewerbsvorteil von Caran d’Ache, sagt sie, liege genau in der Tatsache, dass man in der Schweiz produziere. In den Genfer Werkstätten sei alles unter einem Dach vereint: Know-how, Maschinen, Produktion. «Das ist einzigartig.»

Swissness bleibt bestehen

Damit hält Carole Hübscher auch indirekt an den strengeren Regeln für die Verwendung der Marke Schweiz fest, die mit der neuen Swissness-Gesetzgebung ab 2017 gelten sollen. Denn für Schweizer Produkte sieht die Verordnung unter anderem vor, dass 60 Prozent der Herstellungskosten in der Schweiz anfallen und der wesentliche Herstellungsschritt im Inland erfolgen muss. Mit der Frankenstärke hat sich dieses Verhältnis zuungunsten von vielen Firmen entwickelt, die in der Schweiz produzieren.

Trotz dieser wirtschaftlich angespannten Situation, sagt Carole Hübscher, werde man die Strategie nicht aus den Augen lassen. Caran d’Ache werde weiterhin auf die Swiss-Made-Qualität setzen, an der Zusammensetzung der Farben feilen, umweltfreundlich produzieren und am familiären Ambiente innerhalb des Unternehmens festhalten.

Auf die zunehmende Digitalisierung angesprochen, sagt die Präsidentin, dass diese heutzutage zum Alltag gehöre. Doch: «Wenn ich einem Kind eine Farbstiftschachtel in die Hand gebe, so sehe ich das Strahlen in den Augen.»

Caran d’Ache produziere Waren, damit die Leute ihre Kreativität ausleben können. «Zeichnen ist etwas Besonderes.» Digitale Geräte seien eher da, um Informationen zu konsumieren, zu verarbeiten. Während Kreativität mit einem Stift beginnt.

Maison gibt keine Zahlen heraus

Branchenkenner schätzen den Umsatz der Genfer Firma auf rund 100 Millionen Franken. Offizielle Zahlen gibt die Genfer Firma jedoch nicht bekannt – ausser eine: Sie produziert täglich so viele Farbstifte, dass sie aneinandergereiht von Genf nach Rom reichen würden.

Will Caran d’Ache die Farbstiftschlange bis nach Neapel verlängern? Carole Hübscher lacht. «Wenn wir die Qualität beibehalten könnten, würden wir das definitiv tun.»

Das Familienunternehmen exportiert seine Produkte derzeit in rund 90 Länder. Noch sei viel Potenzial vorhanden, so die Präsidentin. Kürzlich hat Caran d’Ache in Ginza, einem trendigen Stadtteil von Tokio, eine Boutique eröffnet, und in Taiwan neue Partner gefunden.

Auch die E-Boutique im Internet, die bisher in der Schweiz, Deutschland, Frankreich und England Kunden beliefert, werde Schritt für Schritt auf weitere Länder ausgeweitet. Jedoch wolle man nicht um jeden Preis überall präsent sein, sagt Carole Hübscher. Es sei nicht so, dass man nach China expandiere, nur weil jeder dorthin gehe. «Das Wichtigste sind die Menschen, mit denen wir zusammenarbeiten.» Will man zur «Caran-d’Ache-Familie» gehören, müsse man zusammenhalten, am selben Strang ziehen, die gleichen Werte vertreten.