Schweiz

Französischunterricht: Das 50-Mio.-Prestigeprojekt droht zu scheitern

Französischunterricht als Abstimmungsthema: Die Baselbieter stimmten im November ab, ob das Lehrmittelobligatorium für das umstrittene Lehrbuch "Mille feuilles" bleibt.

Französischunterricht als Abstimmungsthema: Die Baselbieter stimmten im November ab, ob das Lehrmittelobligatorium für das umstrittene Lehrbuch "Mille feuilles" bleibt.

Sechs Deutschschweizer Kantone wollen einen neuen, besseren Französischunterricht. Doch das teure Vorzeigeprojekt ist nahe am Absturz. Eine Studie zeigt eklatante Schwächen.

Es war 2004, da sorgte Zürich für Schlagzeilen: Der Kanton führte Frühenglisch ein; die Landessprache Französisch lernten Zürcher Schüler fortan später. Die Romandie war düpiert.

Doch auch die Bildungsdirektoren von sechs Kantonen an der Grenze zur Westschweiz setzten sich in jenem Jahr zusammen. Ihr Projekt – es startete schliesslich 2011 unter dem Namen «Passepartout» in den Schulzimmern – hatte ganz andere Pläne: Bern, die beiden Basel, Solothurn, Freiburg und das Wallis führten Frühfranzösisch ein, liessen ein neues Lehrmittel entwickeln und Lehrer schulen.

Das Ziel des 50-Mio.-Projektes: Die Schüler sollten am Ende der Primarschule bessere Französischkenntnisse als Kinder in anderen Kantonen aufweisen. Seit Beginn jedoch steht das Projekt in der Kritik; insbesondere wegen der obligatorischen Lehrbücher «Milles feuilles» (Primarschule) und «Clin d`Oeil» (Sek), die als schwierig gelten. Und so hob erst Solothurn das Lehrmittelobligatorium im Progymnasium auf.

Im November dann kippten die Baselbieter das Obligatorium an der Urne gleich ganz. Auch in Bern oder Basel-Stadt wird dies zumindest nicht mehr ausgeschlossen, obwohl der herausgebende Verlag inzwischen Verbesserungen an den Büchern vorgenommen hat oder plant.

Schüler schneiden in Tests teils sehr schlecht ab

Am Dienstag erhielt das Projekt nochmals einen Schlag. In Bern präsentierten Mitarbeitende des Institut für Mehrsprachigkeit der Uni Freiburg eine Studie, die zusammenfasst, was zum Prestigeprojekt geforscht wurde; darunter Ergebnisse, die die Erziehungsdirektoren der beteiligten Kantone unter dem Deckel behalten wollten.

Beim Hör- und Leseverstehen erreichen 87, bzw. 62 Prozent der Schülerinnen und Schüler die Schweizer Ziele. Beim Sprechen sind es mit 42,5 Prozent weniger als die Hälfte. Noch weiter entfernt sind die Schüler von den höheren Zielen, die die Kantone vorgegeben haben: Nur elf Prozent erreichen sie beim Reden. Knapp die Hälfte der Lehrer glaubt, dass die Schüler überfordert sind. Der Wortschatz in den Lehrmitteln ist wenig alltagsnah.

"Verhindern, dass eine ganze Generation von Kindern die Schule ohne genügend Französisch-Kenntnisse verlässt"

In Auftrag gegeben hat die Studie der – bürgerlich geprägte –Verein Bern Bilingue, der sich für das Französische im zweisprachigen Kanton einsetzt. «Wir wollen verhindern, dass eine ganze Generation von Kindern die Schule ohne genügend Französisch-Kenntnisse verlässt», so Präsident Alexandre Schmidt. «Dieser tiefen Malaise müssen sich Behörden und Beteiligte stellen.» So oder so macht sich der Verein Sorgen um die Kenntnisse der jeweils anderen Landessprache; Schmidt bezeichnet die Situation als «prekär»: «Aufenthalte in der Romandie sind aus der Mode gefallen. Der Vormarsch des Dialekts grenzt Lateiner aus. Die Vormacht des Englischen ist ein Fakt.»

Einen Lösungsweg hat die Studie für besorgte Eltern immerhin aufgezeigt: Finden die Eltern das Lernen von Französisch wichtig, finden dies auch die Kinder. Das ist gar wichtiger als das Lehrmittel.

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