Hoher Besuch
Franziskus in Genf: Der Papst zieht nicht nur die Zuschauer in seinen Bann

Das Oberhaupt der Katholiken hielt eine Messe in der Protestantenstadt Genf. Tausende kamen, um einen Blick auf den Papst zu erheischen.

Pascal Ritter
Merken
Drucken
Teilen
Der ganze Tag des Papstes in der Schweiz
39 Bilder
Nachdem die Smartphones wieder in der Hosentasche waren, mahnte er, echte Begegnungen virtuellen Freundschaften vorzuziehen.
Nach seinem Besuch in der Schweiz geht die Arbeit weiter: Franziskus beantwortet auf dem Heimflug nach Rom Fragen eines Reporters.
Bundesrätin Doris Leuthard und Bundespräsident Alain Berset verabschiedeten den Papst zuvor in Genf.
Dort hielt der Papst am Abend die Heilige Messe.
Tausende strömten in die Palexpo-Messehalle.
Grosse Freude bei seinen Anhängern.
Zuvor traf der Papst Berset und Leuthard zu einem Gespräch.
Da kommt er, der Papst.
Leuthard und ein Schweizergardist.
Der Papst nahm in Genf auch an einem ökumenischen Gebet teil.
Franziskus hat im Ökumenischen Institut in Bossey zu Mittag gegessen. Es gab Fisch.
Der Papst besuchte auch den Weltkirchenrat in Genf.
Dabei sprach er zu einem Kind, das im Rollstuhl sitzt.
Impressionen: Der Papst besucht den Weltkirchenrat in Genf.
Impressionen: Der Papst besucht den Weltkirchenrat in Genf.
Zeichen der Einheit: Papst Franziskus im gemeinsamen Gebt mit Vertretern des Weltkirchenrats in Genf.
Hunderte stehen schon am Morgen Schlange für die Papst-Messe, die um 17.30 Uhr begann.
Nach dem ersten Treffen mit Berset hielt Franziskus um 11.15 Uhr ein ökumenisches Gebet und eine Predigt im Ökumenischen Zentrum.
Der Schweizer Bundespräsident führt das römisch-katholische Kirchenoberhaupt...
...zum Auto, dass sie zum Ökumenischen Zentrum bringt.
Mit diesem Fiat war der Papst unterwegs.
Ein herzliches Händedrücken gehört beim Pontifex immer dazu, natürlich auch bei Alain Berset.
Der Pontifex wird vom Schweizer Bundespräsident Alain Berset offiziell begrüsst.
Hier betritt Papst Franziskus Schweizer Boden Kurz nach 10 Uhr betrat Papst Franziskus Schweizer Boden. Bundespräsident Berset begrüsste ihn persönlich.
Auch die Militärmusik der Schweizer Armee ist zugegen.
Hier betritt Papst Franziskus Schweizer Boden...
– selbstverständlich beschützt von Schweizer Gardisten.
Papst Franziskus verlässt das Flugzeug am Genfer Flughafen.
Um 10.04 Uhr ist die päpstliche Maschine der Alitalia in Genf gelandet.
Um 10.04 Uhr ist die päpstliche Maschine der Alitalia in Genf gelandet.
Und so sieht es im Flugzeug des Pontifex aus: Franziskus scheint gut gelaunt zu sein.
Der Papst im Flugzeug.
Hier besteigt der Pontifex das Flugzeug in Rom.
‪Papst Franziskus macht sich auf den Weg in die Schweiz.
‪Papst Franziskus macht sich auf den Weg in die Schweiz.
Men in Black: Die Personenschützer des Papstes tragen nicht die farbigen Uniformen der Schweizergarde.
Die Sonderbriefmarke der Schweizer Post zeigt den winkenden Papst Franziskus vor dem Springbrunnen Jet d'eau von Genf.

Der ganze Tag des Papstes in der Schweiz

Keystone

Jubelschreie aus der Menge. Die Zuschauer stellen sich auf Stühle, um einen Blick auf ihn zu erheischen. Eltern machen ihre Säuglinge bereit, um sie ihm hinzustrecken, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Dann taucht er auf, irgendwo zwischen den Smartphonebildschirmen blitzt sein weisses Käppchen auf.

Auf dem grossen Bildschirm erscheint er nun in voller Grösse. Endlich ist er da, Papst Franziskus! Kurz vor fünf dreht Jorge Mario Bergoglio auf einem Elektrowägelchen eine Runde durch die Palexpo-Messehalle in Genf.

Sieben Stunden vorher: Kurz nach 10 Uhr pressen Marie (19) und Agathe (18) ihre Nasen an die Glasscheibe. Sie versuchen von der Eingangshalle des Messezentrums Palexpo aus einen Blick auf die Alitalia-Maschine zu ergattern, die gerade gelandet ist. Auf der Rückseite ihrer gelben Poloshirts steht die Aufschrift «Benevoles», die beiden Genferinnen helfen freiwillig. Auf der Vorderseite ihrer Leibchen sind mit schwarzem Faden die Umrisse von Papst Franziskus aufgestickt. Er lächelt und hält seinen Daumen nach oben.

Der echte Papst ist von hier aus nicht zu sehen. Ein Blick in die Liveticker der Nachrichtenseiten zeigt: Er hat gerade Schweizer Boden berührt und schüttelt bereits Bundespräsident Alain Bersets Hand.

Warnung vor der Apokalypse

Während Marie und Agathe sich um die ersten Gläubigen und Papstfans kümmern, die früh schon für den Gottesdienst angereist sind, tauschen Berset und Franziskus Geschenke aus. Bei einem späteren Pressetermin zeigt sich Berset angetan vom Papst, bleibt aber diplomatisch. Nüchtern fasst er zusammen: Man habe über die Beziehung der Schweiz zum Vatikan und über globale Herausforderungen wie die Flüchtlingsfrage gesprochen.

Als Berset in einem Nebenraum des Genfer Flughafens zu den Journalisten spricht, ist Papst Franziskus bereits am Beten. Er tut dies im Kreise derer, die ihn eingeladen haben, beim Ökumenischen Rat der Kirchen. Der Verbund verschiedener christlicher Kirchen hat 348 Mitglieder in 110 Ländern und feiert dieses Jahr sein 70-Jahr-Jubiläum.

Während Papst Franziskus zu Mittag isst (Fisch an weisser Buttersauce mit Reis und sautiertem Gemüse), trifft Christengruppe um Christengruppe beim Messezentrum Palexpo ein. Auf eine Traube Vietnamesinnen mit farbigen Kleidern und Halstüchern folgt ein Tross Philippiner. Einwanderer aus Ländern mit katholischem Hintergrund prägen später die Menge, die dem Papst zujubelt: Italiener, Spanier, Kroaten, Portugiesen, Brasilianer. Sie schwenken Fahnen, es sieht aus wie beim WM-Public-Viewing, nur dass auch viele Walliserfahnen geschwenkt werden.

Draussen vor dem Eingang warnt David, ein junger Mann aus St. Gallen, vor der Endzeit. Er hält es für wahrscheinlich, dass die Apokalypse schon im nächsten halben Jahr kommen könnte. Papst Franziskus schaut düster von einer DVD-Hülle. Die meisten DVDs und Bücher, die David und seine papstkritischen Mitstreiter einer Freikirche verteilen, landen später in einem Container, der für Getränkeflaschen gedacht ist.

Beim Mega-Gottesdienst des Papstes gelten die gleichen Regeln wie beim Fliegen: keine Flüssigkeiten und jeder muss durch den Metalldetektor. Dafür gibt es auf der anderen Seite der Sicherheitsschleuse gratis neue Wasserflaschen. Die hippen Einkaufsbeutel mit dem Konterfei des Papstes kosten allerdings zwanzig Franken. Zwei mächtige Kupferkessel stehen für die Kollekte bereit. Darin liegen offen Zehner-, Zwanziger- und Fünfzigernoten. Der Papstbesuch ist nicht ganz billig. Für geschätzte zwei Millionen Franken muss in erster Linie das Bistum Lausanne, Genf und Freiburg aufkommen.

Schrecksekunde

Gegen 16 Uhr ist die Halle gut gefüllt, allerdings bleiben die hinteren Ränge bis zum Schluss leer. Offenbar wurden nicht alle der 41'000 im Vorfeld vergebenen Tickets auch eingelöst. Vor den Eingängen bilden sich den ganzen Tag kaum Schlangen, dafür aber vor den Toiletten und den improvisierten Beichtstühlen, die sich in weissen Plastikzelten befinden. Der Besuch des Papstes beim Ökumenischen Rat der Kirchen ist ein Zeichen der Einheit von Katholiken und anderen Christen. In der Palexpohalle läuft dann aber alles streng katholisch ab. Nach dem päpstlichen Bad in der Menge folgen Einzug, Gebet, Lesung aus dem Evangelium, Predigt, Fürbitte, Kommunion und Segen.

Franziskus spricht in der Predigt über das Brot. Es sei das Einzige, um das man bitten soll. Er ruft zu Einfachheit und Bescheidenheit auf. Dann sagt er: «Wehe denen, die mit Brot spekulieren!» Zudem mahnt Franziskus, echte Begegnungen virtuellen Freundschaften vorzuziehen. «Menschen statt Maschinen», fordert er.

Zu einer Schrecksekunde kommt es, als der Papst beim Aufstehen stolpert. Er muss gestützt werden, was manchen Zuschauer sichtlich mit Sorge erfüllt. Unter den angereisten Gläubigen befindet sich auch die Theologin Jacqueline Straub. Sie freut sich, dass Franziskus in der reichen Schweiz Lebensmittelverschwendung und Spekulation angesprochen hat. Gefehlt haben Straub, die anstrebt, katholische Priesterin zu werden, die Frauen. «Wenigstens beim Einzug der Ministranten hätte ich mir Messdienerinnen oder Gemeindeleiterinnen gewünscht.» Dass abgesehen vom Chor kaum Frauen am Gottesdienst eine Rolle spielten, vermittle dem Papst ein falsches Bild der Schweizer Katholiken, kritisiert Straub.

Die meisten Zuschauer sind indes zufrieden mit dem Papstbesuch. Für viele ist es vor allem darum gegangen, diesen Franziskus einmal mit eigenen Augen zu sehen. Wenn auch nur von weitem, irgendwo zwischen den Smartphonebildschirmen.