Als der französische Wirtschaftsminister Pierre Moscovici Anfang März in die Schweiz kam, betonte er, er komme als Freund.

Den Nachdruck, den er in diese Feststellung legte, konnte man als leise Warnung lesen: Wenn sich alte Freunde zerstreiten, geht besonders viel Geschirr in die Brüche.

Frankreich, so machte Moscovici klar, habe das Abkommen über die Erbbesteuerung in guten Treuen mit dem Bundesrat ausgehandelt und werde «keine neuen Verhandlungen eingehen», falls nach dem National- auch der Ständerat das Abkommen zurückweise.

Ein Bluff war das nicht. Die französische Regierung zeigte schon 2013 Zeichen von Ungeduld, ja Unverständnis, als das Schweizer Parlament an der Verhandlungslösung des Bundesrates herumzukritteln begann.

Frankreich dürfte nun das alte Abkommen von 1953 aufkündigen. Damit träte ein vertragsloser Zustand ein, indem beide Länder ihre Einwohner unabhängig voneinander besteuern.

Die 100 000 Franzosen in der Schweiz und die 187 000 Schweizer in Frankreich könnten damit doppelt besteuert werden; bei einem Erbsteuersatz von 45 Prozent in Frankreich kann dies gehörig einschenken.

«Schweiz hat mehr zu verlieren»

Dieser Umstand schreckt Moscovici aber nicht zurück: Durch die Vertragslosigkeit «hat die Schweiz mehr zu verlieren», meinte einer seiner Berater unlängst in der Pariser Presse.

Er meinte damit zweifellos die höhere Zahl von Schweizern in Frankreich, die nun, wenn ihre Eltern in der Schweiz sterben, doppelt zur Kasse kommen könnten.

Die meist begüterten Franzosen in der Schweiz sind der Linksregierung in Paris hingegen als Wähler nicht sehr wichtig.

Indirekt zeigte der französische Regierungsbeamte allerdings einen Ausweg aus der blockierten Situation auf.

Er erklärte, warum Frankreich das aktuelle Abkommen auf jeden Fall ersetzen will: Es gehe nicht an, dass in Frankreich wohnhafte Franzosen, die in der Schweiz Geld erbten, sich dem französischen Fiskus entziehen würden.

Der Nationalrat hatte hingegen kritisiert, dass Frankreich in dem Abkommen auch Immobilien in der Schweiz besteuern könnte, wenn zum Beispiel ein Franzose seine Villa am Genfersee an seine Kinder vererbt.

Diese anders gelagerten Interessen Frankreichs und der Schweiz liessen sich durchaus unter einen Hut bringen. So etwa, wenn Aktiva mit einem klaren Bezug zur Schweiz - etwa ein Ferienhaus - weiterhin in der Schweiz besteuert würden, Wertpapiere hingegen am Wohnsitz des Erben.

Bern muss etwas bieten

Frankreich will zwar nicht neu verhandeln, doch Pariser Regierungen sind nicht stur. Sehen sie einen Vorteil, revidieren sie bisherige Standpunkte eher flexibel.

Dazu muss Bern aber etwas bieten. Und wie ein Mitarbeiter Moscovicis auf Anfrage erklärte, führt dies in gerader Linie zum Thema Steuerflucht.

Moscovici wolle, so sein aussenpolitischer Berater, dass die Schweiz so schnell wie möglich den automatischen Informationsaustausch in Steuerfragen zulasse.

Bei seinem Besuch in der Schweiz habe der Minister mit Eveline Widmer-Schlumpf bereits ein bilaterales Protokoll zur Steueramtshilfe revidiert, um einen besseren Informationsaustausch auf Anfrage zu ermöglichen.

Paris wolle aber, dass Bern «innert nützlicher Frist» auch die OECD-Standards zum automatischen Informationsaustausch übernehme und Gruppenanfragen beantworte.

Das ist ganz offensichtlich der Knackpunkt für Moscovici. Lässt sich der Bundesrat darauf ein, wird vieles möglich - sogar eine Neuverhandlung des Erbschaftssteuer-Abkommens. Legt sich Bern in dieser Frage quer, dürfte auch Moscovici in der Erbfrage blocken.

Und der französische Minister hat ein weiteres Argument in der Hand: die Personenfreizügigkeit. Frankreich kann die nötigen Anpassungen der bilateralen Verträge zwischen der EU und der Schweiz mit links hintertreiben.

Für Moscovici hängt derzeit alles zusammen. Mit seinem Rückweisungsentscheid hat der Ständerat inhaltlich sicherlich korrekt entschieden: Dieses Erbschaftssteuerabkommen benachteiligte die Schweiz einseitig.

Aber gegenüber Frankreich und damit der EU halst er sich nur eine neue Bürde auf, die den Schweizer Standpunkt nicht unbedingt stärkt.