Spurensuche
Forscher vermuten Beschneidung bereits in der Steinzeit

Bereits Herodot (490–424 v .Chr.) rätselte über die Ursprünge der Beschneidung. Das Judentum hat sie nicht erfunden. Bereits in der Stein- und Bronzezeit wurden Knaben und auch Mädchen beschnittetn.

Christoph Bopp
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Schon im alten Ägypten wurden Männer beschnitten, wie die Darstellung auf einem Sarg aus Sakkara (um 2300 v. Chr.) zeigt. Forman/akg

Schon im alten Ägypten wurden Männer beschnitten, wie die Darstellung auf einem Sarg aus Sakkara (um 2300 v. Chr.) zeigt. Forman/akg

«Abraham war neunundneunzig Jahre alt, als er sich am Fleisch seiner Vorhaut beschneiden liess.» (Gen.17, 24)

Abraham tat dies, weil Gott es ihm geheissen hatte: «Dies ist mein Bund zwischen mir und euch und deinen Nachkommen, den ihr halten sollt: Es soll sich bei euch beschneiden lassen alles, was männlich ist. Das soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und euch.» (Gen. 17,10)

Dass das die zentrale Stelle des Judentums ist, dürfte einleuchten. Das Judentum hat auch von allen Religionen in Sachen Beschneidung die klarste Tradition. Und im 1. Buch Mose ist es auch klar gesagt, ein männlicher Unbeschnittener kann nicht zur Gemeinschaft gehören, «meinen Bund hat er gebrochen».

Das Beschnittensein, sagt Israels Gott, sei «ein Zeichen», die Beschneidung ist folglich ein Ritual. Rituale sind religiöse – aber auch andere – Handlungen, die nur von der Tradition geboten sind, in sich also nicht begründbar sind und dies auch keineswegs sein müssen. Man kann für die Beschneidung Gründe anführen, dagegen auch; aber ein rationales Urteil ist nicht möglich.

Rituale stehen für etwas anderes

Werden religiöse Rituale rational diskutiert, wird es oft etwas abwegig. Sie werden ja durchgeführt, weil sie für etwas stehen, das sie selbst nicht sind. Aber das behaupten müssen. So ist die christliche Taufe unter anderem auch das Abwaschen der Sünde oder das Abendmahl das Verspeisen des Leibs Christi (im katholischen Verständnis). Aufgeklärte und säkular eingestellte Menschen mögen darüber spotten, dass irgendwelche Eingeborene ihre Ahnen auf dem Fensterbrett aufbewahren oder durch das Verspeisen ihrer Feinde an Kraft zu gewinnen hoffen. Man mag das «barbarisch» nennen und behaupten, derlei gehöre nicht hierher, aber dabei sollte man auch bedenken, dass man ein Kind auch mit dem Bade ausschütten kann.

Woher die Praxis der Beschneidung religions- oder kulturgeschichtlich kommt, liegt im Dunkel. Das Judentum hat sie nicht erfunden, sie ist auch nicht auf das Volk Israel beschränkt. Der griechische Historiker Herodot (Hist. II) sagt: «Kolcher, Äthiopier und Ägypter beschneiden sich als Einzige die Geschlechtsteile von jeher.» Die Phönizier und die Syrer in Palästina hätten diese Sitte von den Ägyptern übernommen, die Phönizier, die mit den Griechen in Kontakt getreten seien, hätten damit wieder aufgehört. Die Juden dürften die Praxis aus Ägypten übernommen haben.

Bereits in der Jungsteinzeit?

Die Darstellung eines Beschneidungsrituals auf einem Sarg von Ankh-ma-hor aus Sakkara ist rund 4300 Jahre alt. Die Praxis dürfte weit älter sein. «Die Praxis der Beschneidung ist uralt», meint der Religionsforscher Andreas Tunger-Zanetti von der Universität Luzern – und stimmt darin mit Herodot überein, «und zwar die Beschneidung nicht nur von Knaben, sondern auch von Mädchen.» Zwei weibliche Moorleichen aus der Stein- und Bronzezeit in Deutschland zeigen ebenso Spuren einer Beschneidung wie zwei männliche Moorleichen aus der Bronze- und Römerzeit. Dem gegenüber wäre die jüdische Tradition, «nur» die männlichen Mitglieder zubeschneiden, ein «Fortschritt».

Die Einschränkung passt zu den kulturellen Umwälzungen, die man der «Achsenzeit» zuschreibt: der Verzicht auf das (Menschen-)Opfer, besonders auf die Opferung der Erstgeburt. Und es würde zeitlich auch zur vermuteten Abfassung des Pentateuch passen.

Etablierte Religionen, sagt Tunger, rekrutieren ihren Nachwuchs naheliegend über die Familie. Man wird in eine Religion «hineingeboren» und einige Zeit erzogen, ohne sich entscheiden zu können. «Ebenso natürlich muss aber im Rechtsstaat die Möglichkeit bestehen, sich später mit seiner Religion auseinanderzusetzen und auszutreten.» Anderseits, gibt Tunger zu bedenken, vermitteln traditionelle Zeichen und Rituale auch, dass man «dazugehört». Dies umfasse nicht nur die Vermittlung einer religiösen Identität, sondern auch «eine Verpflichtung der Gemeinschaft, sich um ihre Mitglieder zu sorgen».

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