Herr Fankhauser, was dürfen wir von der Klimakonferenz erwarten?

Sam Fankhauser: Die Konferenz in Bonn ist eine Art Zwischenveranstaltung. Paris vor zwei Jahren war ein wirklich grosser Wurf. Die nächste grosse Konferenz folgt dann nächstes Jahr, mit einer Bestandsaufnahme der kollektiven Bemühungen, das heisst, was tatsächlich umgesetzt wurde. Dazwischen geht es ums Kleingedruckte. Spannend wird sein, wie die Stimmung mit den USA sein wird, die ja aus dem Pariser Abkommen austreten wollen.

Die Idee hinter Paris ist, dass sich die Länder Selbstverpflichtungen auferlegen. Funktioniert das?

Beim Kyoto-Abkommen, dem Vorgänger von Paris, wollte man den Ländern sagen, was sie machen müssen. Das hat nicht funktioniert. Der Ansatz von Paris dagegen ist «von unten nach oben». Die einzelnen Länder bestimmen selbst, was sie beitragen möchten. Punkto Emissionen ist es zu früh für eine Einschätzung. Im letzten Jahr hatten wir eine höhere CO2-Konzentration in der Atmosphäre als im Jahr zuvor, die Emissionen werden immer noch mehr statt weniger.

Wann dreht sich das?

Mitte der 2020er-Jahre sollten die Emissionen abnehmen. China spielt eine wichtige Rolle. Spätestens 2030 wird China den Höhepunkt bei den Emissionen erreicht haben. Danach wird es weniger. Und wenn die Chinesen das sagen, machen sie es eher früher als später, denn sie versprechen nur Sachen, die sie halten können.

Die Welt hat sich verpflichtet, die Erderwärmung auf zwei Grad zu beschränken. Hand aufs Herz: Können wir dieses Ziel erreichen?

Es ist noch möglich, aber wahrscheinlich brauchen wir ein wenig Hilfe vom Klimasystem. Wenn man die Klimamodelle anschaut, gibt es einen Parameter, bei dem wir Glück haben müssen.

Welcher ist das?

Die Klimasensitivität. Dabei wird gemessen, wie hoch der Temperaturanstieg bei einer Verdopplung der CO2-Konzentration wäre. Die Bandbreite liegt hier zwischen 1,5 und 4,5 Grad.

Warum ist das so ungenau?

Man weiss, wie der Kohlenstoff in der Atmosphäre reagiert. Was danach passiert, wissen wir aber nicht genau. Zum Beispiel, was mit den Wolken passiert. Hier verstehen wir vieles noch nicht. Wenn es 1,5 Grad sind, schaffen wir das 2-Grad-Ziel.

Und wenn es 4,5 Grad werden?

Dann können wir aufhören.

Was bräuchte es, um das Bewusstsein für den Klimawandel zu schärfen? Mehr Felsstürze und Hitzesommer?

Wahrscheinlich schon. Was aber unterschätzt wird: Die Gletscher sind sehr anfällig. Es gibt Wissenschafter, die sagen, für die Gletscher sei es bereits zu spät – ab der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts gehen sie verloren. Das wäre nicht nur ein geologisches Problem und eines für die Wasserkraft: In der Schule musste ich noch die Gletscher auswendig lernen – das ist eine Frage des Selbstverständnisses, das definiert uns.

In den USA findet derzeit eine Umdeutung des Klimawandels statt. Er sei nicht menschengemacht.

Die Positionen, die dort teilweise vertreten werden, sind naturwissenschaftlich absolut nicht haltbar. Glaubt man der Naturwissenschaft, ist es sonnenklar: es gibt einen menschengemachten Einfluss.

Die USA haben den Austritt aus dem Pariser Klimavertrag beschlossen. Wie schwer wiegt das?

Man musste Sorge haben, dass nun das ganze Kartenhaus zusammenbricht – aber bisher ist es das nicht. Die anderen Länder haben gesagt: Wir machen das trotzdem. US-Bundesstaaten haben gesagt: Wir bleiben drin («we are still in»). Vier Jahre ohne die USA, das überleben wir.

Wie ist es für Sie als Klimaforscher, dass die amerikanische Umweltbehörde derzeit von Scott Pruitt, einem Klimaskeptiker, geleitet wird?

Es ist, als liesse man den Fuchs den Hühnerstall bewachen. Meine Kollegen, die in der Behörde gearbeitet haben, sind enorm frustriert. Es wird lange dauern, bis die Kapazitäten, die dort abgebaut werden, wieder aufgebaut sind.

USA, Indien, China – auf die Grossen kommt es an. Was kann die Schweiz überhaupt zum Klimaschutz beitragen?

Es müssen alle mitmachen, schon aus Solidarität. Europa und die Schweiz sind bislang mit gutem Beispiel vorangegangen, das ist sehr wichtig. Das war auch für das Pariser Abkommen wichtig.

Sie sind Uni-Professor. Welche Note würden Sie der Schweiz für ihre Klimaschutz-Anstrengungen geben?

Irgendwo um die fünf herum.

Das wäre ziemlich gut.

Wenn man die Schweiz mit anderen Ländern vergleicht, steht sie nicht schlecht da. Wenn man aber die Rahmenbedingungen vergleicht, sieht es anders aus: Die Schweiz hat keine Schwerindustrie und eine saubere Energieversorgung. Deshalb muss man sagen: Die Schweiz sollte viel weiter sein, als sie heute ist. Über die letzten 10 Jahre haben viele Länder ihre Kraftwerkparks aufgeräumt und die Kohle aussortiert. Transport, Heizungen, Landwirtschaft, da hätte die Schweiz in diesen 10 Jahren mehr tun können. Wir sind jetzt da, wo andere Länder auch sind. Wir hatten aber bessere Startbedingungen.

Wer macht es besser als die Schweiz?

Beim Verkehr: Norwegen. Was die politischen Institutionen angeht, die sich um den Klimaschutz kümmern: England. Bei der Finanzregulierung: Frankreich. Dort werden Banken aufgefordert aufzuführen, wie hoch die Klimarisiken ihrer Investitionen sind. Und die beste CO2-Steuer hat die kanadische Provinz British Columbia.