Menschenrechte
Fördert die Gold-Initiative die Ausbeutung in den Minen?

Gold zu schürfen ist oftmals mit gesundheitlichen Risiken verbunden – doch wenn das Stimmvolk am kommenden Sonntag die Gold-Initiative annimmt, könnten die Schweiz schon bald mehr Edelmetall aus zweifelhaften Quellen benötigen.

Antonio Fumagalli
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Bei einer Annahme der Gold-Initiative müsste die Nationalbank 20 Prozent ihres Vermögens in Gold halten. (Symbolbild)

Bei einer Annahme der Gold-Initiative müsste die Nationalbank 20 Prozent ihres Vermögens in Gold halten. (Symbolbild)

Keystone

Eine gute Woche dauert es noch, bis die Schweizer Bevölkerung über die Volksinitiative «Rettet unser Schweizer Gold» abstimmt. Sie fordert, dass die Schweizerische Nationalbank (SNB) mindestens 20 Prozent ihrer Aktiven in Gold hält, die Reserven in der Schweiz lagert und diese nicht mehr verkaufen dürfte. Hauptthema im Abstimmungskampf: Die währungspolitische Unabhängigkeit der SNB.

Ein anderer Aspekt eines allfälligen Volks-Ja zur Gold-Initiative blieb bis anhin weitgehend unbeachtet: Die Auswirkungen auf diejenigen Länder, in denen das Gold abgebaut wird. Menschenrechtsorganisationen befürchten, dass die Schweiz mitverantwortlich wäre, den Blutzoll in den betroffenen Entwicklungsländern zu erhöhen.

1800 Tonnen Gold kaufen

Die Nationalbank geht davon aus, dass sie im Falle einer Annahme des Volksbegehrens ihren Goldbestand massiv ausbauen müsste. «Folgt man der Initiative, müssten wir heute für 70 Milliarden Franken Gold zukaufen», sagte Präsident Thomas Jordan anlässlich einer Veranstaltung des Business Clubs Mittelland («Nordwestschweiz» von gestern). Gemäss aktuellem Kurs wären dies über 1800 Tonnen reines Gold.

Woher die SNB künftig das viele Edelmetall beziehen würde, ist reine Spekulation. Ein Blick in die Statistik der Eidgenössischen Zollverwaltung – sie weist die Herkunft seit Anfang dieses Jahres aus – zeigt: Von den gut 1700 Tonnen Gold, die von Januar bis Oktober importiert wurden, wurde der mit Abstand grösste Anteil an internationalen Drehscheiben erworben, insbesondere im Vereinigten Königreich. Dieser Wert ist freilich wenig aussagekräftig. «Bei Importen von Handelsplätzen wie London ist der effektive Ursprung des Goldes nicht nachvollziehbar», sagt Jean-Claude Wagnon von der Zollverwaltung.

Zehn Prozent für die Guerilla

Ein beträchtlicher Teil des zusätzlichen Goldes würde wohl in Kolumbien geschürft, eines der grossen Förderländer in Lateinamerika. Derzeit landet zwischen einem Drittel und der Hälfte der kolumbianischen Produktion in der Schweiz. Doch wie sind die Arbeitsbedingungen in den Goldminen vor Ort? Die Nichtregierungsorganisation «Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien» (ASK) hat sich diesen Sommer auf die Reise nach El Carmen im kolumbianischen Norden gemacht, um Licht ins Dunkel zu bringen.

Die lokale Goldmine, der mit Abstand wichtigste Arbeitgeber der Region, ist verhältnismässig klein und informell, doch 80 Prozent der kolumbianischen Goldproduktion stammt aus solchen Betrieben. Was die ASK angetroffen hat, ist mit Menschenrechtsstandards nur schwer vereinbar: Die Sicherheitslage ist prekär, denn das Edelmetall zieht jede Art von bewaffneten Truppen an. Rund zehn Prozent ihrer Einkünfte müssen die Goldschürfer laut ASK an verschiedene Guerilla-Truppen abliefern. Gewerkschafter werden regelmässig verschleppt oder gar ermordet. Die Umweltschäden, die Rückstände von Quecksilber und Cyanid verursachen, beeinträchtigt die Gesundheit der Arbeiter und ihrer Familien massiv. Und wo eine neue Mine eröffnet werden soll, wird die dort wohnhafte Bevölkerung oft umgesiedelt. Für Regula Fahrländer von der ASK ist klar: «Ein Ja zur Goldinitiative würde die prekäre Menschenrechtslage in vielen Regionen mit Goldvorkommen zusätzlich verschlimmern.»

Betreibt die SNB bald Minen?

Die Urheber der Gold-Initiative wollen davon nichts wissen. Nur schon die Prämisse der Nationalbank sei falsch, sei es doch «alles andere als sicher, dass sie Gold kaufen müsste», sagt SVP-Nationalrat Lukas Reimann. Die Nationalbank könne auf den geforderten 20-Prozent-Goldanteil auch kommen, indem sie Fremdwährungen abstosse oder weil der Goldpreis steige.

Und sogar falls im grossen Stil Gold erworben werden müsste, sieht Reimann keinen möglichen Menschenrechtskonflikt. Man habe bewusst keinerlei Vorschriften gemacht, wo und wie die SNB das Metall beziehe. Ein Grossteil würde aus ohnehin schon geschürftem Gold bestehen – und sonst sei man offen für kreative Lösungen. «Die SNB könnte durchaus eine Mine kaufen und selber betreiben. Das wäre sicher nicht die dümmste aller Optionen», so Reimann.

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