Hochburg-Serie, Teil 1

Fontenais – Die SP-Hochburg der Schweiz

Hier hat die SP 61 Prozent Wähleranteil. Die SP dominiert in der jurassischen Gemeinde Fontenais das politische Geschehen, ist aber nicht an der Macht. Ein Besuch.

Hier, wo die die SP 61 Prozent Wähleranteil hat, gibt es kein Gemeindehaus, sondern ein «Château». Und in diesem Schloss amtet nicht etwa ein Sozial-, sondern ein Christdemokrat.

Die Erklärung für seinen Wahlerfolg liefert Bürgermeister Gregory Pressacco selbst: «Ich habe mich zur Verfügung gestellt, weil es schwierig war, überhaupt einen Kandidaten für das Amt zu gewinnen.»

Gewählt worden sei er, weil die SP keinen Gegner aufstellte. Diese wiederum billigt ihn nicht nur, weil er der Einzige war. Der Kandidat wurde geprüft – und auch vom heimlichen Dorfkönig Pierre-Alain Fridez gutgeheissen. Der SP-Nationalrat sagt, die CVP besitze eine soziale Basis, Pressacco vertrete «korrekte Positionen».

SVP, FDP und Grüne inexistent

Egal, wer den Sitz letztlich innehat, die SP bestimmt mit. Nur: Wieso? Wieso geben in einer ländlichen Gemeinde, wo die Einfamilienhäuser ohne erkennbares Konzept in der Landschaft stehen und wo der Rasen in den Vorgärten auf den Millimeter genau gestutzt wird, über 60 Prozent der Einwohner ihre Stimme der SP?

Nun wäre es einfach, zu sagen: Der Jura tickt anders. Zwar stimmt das. Der Kanton liegt politisch klar links vom schweizerischen Mittel. Im Jura entscheidet sich die Mehrheit zwischen SP und CVP. Doch die SVP wächst, sie könnte im Wahlherbst die 15-Prozent-Hürde knacken. In Fontenais ist die Partei weiterhin quasi inexistent, so wie die Grünen und die FDP auch.

Fontenais tickt anders. Das Dorf ist der Jura im Jura. Auch geografisch. Von Porrentruy gelangt man – ähnlich wie bei Moutier – über eine Klus ins Dorf. Der Banné, ein bewaldeter Hügel, trennt Fontenais von der Bezirkshauptstadt, die bloss fünf Autominuten entfernt liegt. Auf dieser Strecke liegt auch die Herausforderung: Fontenais soll nicht zu einer Schlafgemeinde verkümmern. Dass es dafür bereits zu spät sein könnte, glaubt Pressacco nicht. Er zählt Vereine auf und nennt Metzger, Mini-Marché und Restaurants als Beweise dafür, dass das Dorf lebe.

Auf der Suche nach dem Leben

Sei es die Hitze, sei es der Ferienbeginn: Das Leben im Dorf ist schwer zu fassen. Die Strasse vom Dorfplatz hoch zur Kirche ist leergefegt. In der Kirche ist es heisser als draussen, und im Schatten ihres Vorhofs grasen zwei Geissen, weiter unten gackern Hühner. Die Schule daneben sitzt stumm vor den gelben Weizenfeldern. Grillen zirpen, die Luft steht still. Von der anderen Dorfseite hallt der Hammer eines Bauarbeiters. Es entsteht ein neues Einfamilienhaus. Dann braust ein Mofa den Hügel hoch.

An diesem Julitag sind einzig die Arztpraxis, die Poststelle und der Metzger gut frequentiert. Letzterer verkauft neben Fleisch auch Dosenerbsli und Hero-Rösti. Wählt in Fontenais auch ein Gewerbler SP? Metzger Pierre Müller will ein Etikett vermeiden und lehnt es deshalb ab, sich in irgendeiner Form politisch zu äussern. Höflich und hilfsbereit ist er trotzdem, er vermittelt uns an ein Dorforiginal.

Die Uhrenmacher und die Misere

Claude Voisard lebt wie alle hier in einem netten Haus mit Obstbäumen und gepflegtem Gemüsegarten. Von seinem Sitzplatz aus führt er uns hundert Jahre in der Zeit zurück:

Als der Bundesstaat noch jung war und die ganze Schweiz FDP wählte, hielten sich auch die Jurassier, die damals noch zu Bern gehörten, an dieses ungeschriebene Gesetz – bis die grosse Depression Ende der Zwanzigerjahre die Region äusserst hart traf. Viele benachbarte Dörfer hätten sich dank der Einkünfte der Bauern über die Runden schlagen können, sagt Voisard.

Fontenais, damals Heimat von über 200 Uhrenwerkstätten, fehlte das bäuerliche Fundament. Auf Arbeitslosigkeit folgte Hunger und Elend, wie Voisard erzählt. «Anstatt die Menschen ihrem Schicksal zu überlassen, initiierte die Gemeinde Arbeitsprogramme und baute die Infrastruktur aus.» Davon zeugten noch heute die Strassen, die kreuz und quer durchs Dorf führen. Die Gemeinde startete ein Sozialprogramm, die sozialistische Bewegung entflammte.

Einen zweiten Schub erhielt sie, als auf einer Anhöhe bei Fontenais ein Schiessplatz hätte entstehen sollen. Über vierzig Jahre wehrten sich die Anwohner dagegen, zuletzt haben sie sogar das Land aufgekauft. Der Schiessplatz wurde verhindert, seither ist das Militär ein rotes Tuch: Vor 25 Jahren stimmten über 70 Prozent der Einwohner für die Abschaffung der Armee.

Ein Volk von Autofahrern

Diese bewegte Vergangenheit hat in den Menschen Spuren hinterlassen, nicht aber im Dorf. Auf dem riesigen Gemeindegebiet gibt es keine Industriezone, die einzige Fabrik muss sich Fontenais mit Porrentruy teilen. Und gemäss Einheimischen arbeiten bei Louis Lang in der Uhrenproduktion fast ausschliesslich «Frontaliers», Grenzgänger aus Frankreich. Es bleiben Maler, Coiffeusen, Schreiner und Bauern, die in Fontenais leben und arbeiten. Die Mehrheit verdient ihr Geld in der Stadt, als Dienstleister.

Böse Zungen sprechen deshalb von «Bobos», von «Cüpli-Sozis». Die Autos, die durch Fontenais fahren, sind nicht grösser als anderswo, sie sind aber auch nicht kleiner. Bemerkenswert ist lediglich, dass alle eines besitzen. Kaum einer bewegt sich zu Fuss oder mit dem Velo. Und der Bus fährt nur zu Stosszeiten einmal pro Stunde in die Stadt.

Das Reich des heimlichen Königs

Auf der «Place de la Fontaine» vis-à-vis vom «Château» lungern einzelne Männer vor einer Bar und schliessen Sportwetten ab. Daneben hat die Raiffeisenbank einen Geldautomaten platziert. Hauptattraktion wäre das einzige Restaurant im Dorf, nur hat «l’Étoile du Matin» gerade zu.

Wirklich Bewegung herrscht indes an einer unscheinbaren Ecke des Platzes, wo Leute regelmässig kommen und gehen. Im «cabinet médical» behandelt Hausarzt Fridez die Einwohner von Fontenais.

So weiss er nicht nur, was gerade läuft. Fridez, der Arzt des Vertrauens, ist mit ein Grund, wieso das Dorf bis heute so stramm SP wählt. Heute wollen sie ihn im Nationalrat, zu seiner Zeit als Bürgermeister wählten sie ihn zwei Mal stillschweigend. Niemand wagte es, gegen ihn anzutreten. Es wäre aussichtslos gewesen.

Fridez kandidiert im Oktober erneut als Nationalrat. Ob seine Gemeinde allerdings abermals die meisten SP-Stimmen abholt, ist heuer erstmals offen.

Denn die ehemalige Nachbarsgemeinde Bressaucourt, die sich 2012 mit Fontenais zusammenschloss, stimmt deutlich bürgerlicher – die SP holte zuletzt 34 Prozent der Stimmen. Im Herbst könnten die Mehrheiten also kippen. Nicht zuletzt hängt der Ausgang davon ab, ob die Einwohner von Bressaucourt nun ebenfalls in Fontenais zum Arzt gehen.

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