Sie ist nichts für lärmempfindliche Gemüter, die Breitling-Airshow in Sitten, «das grösste Flugmeeting der Schweiz». Schon am Morgen dröhnt es ohrenbetäubend durch die Alpenlandschaft, als Kampfflugzeuge einfliegen, die später am Tag den Zuschauern lautes Spektakel bieten. Unten, am Pistenrand des Sittener Flughafens, sind die Pavillons von Airbus (Eurofighter), Saab (Gripen), Dassault (Rafale), Lockheed-Martin (F-35) nebeneinander aufgereiht. Also vier der fünf Kampfjethersteller, die als Lieferant für die Schweiz infrage kommen. Nur Boeing, Hersteller des Super Hornet, hat sich nicht ins Wallis bemüht.

Optimistische Schweden

Rustan Nicander, Chef Schweiz und Südeuropa bei Saab, hebt oben auf der Aussichtsplattform seines Pavillons die Vorzüge des Gripen E hervor, «neueste Technologie und sehr erschwinglich». Dass ihr Jet den Steuerzahler am wenigsten belaste, hört man an diesem Tag immer wieder bei Saab-Leuten. Dass der Gripen im Nachteil sei, weil das Volk schon einmal Nein sagte, lässt Saab nicht gelten: Auch die Schweden wirken optimistisch, sie haben die letzte Ausscheidung gewonnen.

Die Rivalen im Wettbewerb um die Schweizer Milliarden beäugen sich argwöhnisch. Wie kommt der Konkurrent an, was macht er besser, wo patzt er, wen hat er zu Besuch? Wenn sich die Gelegenheit ergibt, ein bisschen über den anderen zu schnöden, macht man das gerne. Etwa: Der Eurofighter habe Probleme in Österreich, der Gripen E sei noch nicht gebaut, der F-35 stecke voller Kinderkrankheiten. Als der am Pistenrand als Attraktion fürs Publikum parkierte Rafale weggerollt wird, raunt ein Mitbewerber: «Die Franzosen haben sich verzockt.» Sie hätten nur zwei Maschinen hier, und nun habe die für die Show vorgesehene einen Defekt.

Franzosen mit besten Chancen

Für viele in Sion sind Franzosen allerdings der chancenreichste Bewerber. Bewährt, wendig, kriegserprobt sei ihr Jet. «Ein hervorragendes Flugzeug», sagt selbst Airbus-Kampagnenleiter Alexander Vinh. Wobei er sein eigenes, den Eurofighter, selbstverständlich für noch besser hält, und das gedenkt er zu beweisen. Airbus setzt unter anderem auf die Stärke seiner Maschine, die am schnellsten oben bei den abzufangenden Flugzeugen sei. Auch der neue Radar ist ein Trumpf. Und Testpilot Geri Krähenbühl, der in breitem Berndeutsch von seiner Maschine schwärmt.

Am meisten Flugzeugfans drängen sich in den Pavillon von Lockheed Martin, wo ein Cockpit-Simulator des F-35 steht. Dem entsteigt Gary North, Viersterngeneral a. D. (Afghanistan, Irak), nach erfolgreicher Landung und erklärt dem Journalisten, dass der hochmoderne Tarnkappenjet für die Schweiz das ideale Flugzeug sei. Es brächte Land und Piloten am meisten Sicherheit, gibt er an, und sogar sehr günstig. Der Jet soll bald «nur» noch 80 Millionen Dollar kosten. Der F-35 ist nicht in Sion, obwohl es Überlegungen gab, zwei Stück aus Italien einzufliegen. Aber das hätte einer Anfrage der Schweizer bei der US-Regierung bedurft, Parmelin an Trump womöglich, und die kam nicht zustande.

Hochkarätiges Personal

Auch bei den gut gelaunten Franzosen ist hochkarätiges Personal da, Kampagnenleiter Philippe da Silva Passos inklusive. Bei der letzten Evaluation schnitt der Rafale leistungsmässig am besten ab, das stimmt zuversichtlich. Die Dassault-Leute haben in Sion eine Art Heimspiel. Gäste aus der Industrie und Rüstung sind zu Besuch, und beim Westschweizer Publikum ist besonders der Rafale beliebt. Als der Jet seine dröhnende Show beendet hat, kommt begeisterter Applaus aus dem Franzosen-Pavillon. Dassault wird wie Airbus stark auf ein Gesamtpaket und Kompensationsgeschäfte setzen. Also nicht die Flugzeuge allein zählen, sondern auch nachbarschaftliche Zusammenarbeitsangebote an die Schweiz und ihre Luftwaffe.

Wer gewinnt die Ausmarchung? Alle warten gespannt auf den Startschuss und darauf, wie viele Milliarden VBS-Chef Guy Parmelin freischaufelt. Manch einer ist froh, dass Ueli Maurer nicht mehr VBS-Chef ist. Nur werde er als Finanzminister bestimmt wieder dreinreden. Es ist erstaunlich, wie gut die ausländischen Anbieter, selbst die Texaner von Lockheed, über das Prozedere im Bild sind, dem die direktdemokratische Schweiz ihre Kampfjetbeschaffung unterzieht.

Kein Wunder: Letzte Woche ist ein Rüstungspapier des Bundesrates an die Medien durchgesickert. Nun hat das Verteidigungsministerium deswegen Strafanzeige gegen unbekannt eingereicht.