Fluglotsen haben einen hochkomplexen Job. Von ihrem Tower aus müssen sie immer alles genaustens im Blick haben. Sie dürfen sich keine Sekunde ablenken lassen und müssen dafür sorgen, dass die Piloten in ihren Maschinen sicher in die Luft und sicher wieder auf den Boden kommen. Der Druck ist gross, die Verantwortung noch grösser. Macht ein Fluglotse einen Fehler, so kann das hunderten Menschen das Lebenkosten.

Tote gab es in der Schweiz seit dem Crash zweier Maschinen in Überlingen (D) beim Bodensee im Jahr 2001 zwar keine mehr. Fehler unterliefen den Fluglotsen allerdings immer wieder. Darunter auch solche, die dazu führten, dass sich zwei Flugzeuge gefährlich nahe kamen. Doch keiner dieser Vorfälle veranlasste die Staatsanwaltschaft dazu, Anklage zu erheben. Bis im Dezember 2014.

Seither hat die Staatsanwaltschaft gleich drei Fluglotsen vor Gericht gebracht. Gemeinsam haben die Fälle, dass den Fluglotsen zwar Fehler unterlaufen sind, jedoch nichts passiert ist und niemand zu Schaden kam. Ein rechtskräftiges Urteil liegt bisher noch nicht vor. Ein Fall ist am Bezirksgericht Bülach, zwei am Bundesgericht hängig.

Was bedeutet dieses Umdenken der Staatsanwaltschaft und was löst das bei den Fluglotsen aus?

Herr Lischka, gleich drei Berufskollegen von ihnen sitzen derzeit auf der Anklagebank. Ist bei den Fluglotsen Feuer im Dach?

Stefan Lischka: Was uns Fluglotsen derzeit sehr beschäftigt ist, dass man uns vorwirft, wir würden nicht sorgfältig genug arbeiten. In den Anklageschriften der Staatsanwaltschaften klingt es so, als ob wir uns nicht genug Mühe geben. Darum fühlen sich auch so viele Fluglotsen von den Gerichtsfällen betroffen und darum sind die Gerichtssääle bei jeder Verhandlung immer voller solidarischer Kollegen. Wir alle wissen, dass wir unser Bestes geben und dass das, was den drei angeklagten Fluglotsen passiert ist, uns allen auch hätte passieren können.

Ist das Credo nicht, dass Fluglotsen keine Fehler machen dürfen? 

Dass dieser Anspruch besteht, verstehe ich. Aber Fakt ist, dass da nun mal Menschen sitzen, die ihren Job machen. Weder Piloten noch Fluglotsen sind durch ein perfektes technisches System ersetzbar. Und bekanntlich passieren dort, wo Menschen sind, auch Fehler. Das ist eine Tatsache.

Ist Ihnen auch schon Mal ein Fehler unterlaufen?

Glücklicherweise nie ein gravierender. Wir arbeiten ja im Team, das heisst, dass ich immer noch Kollegen neben mir habe, die mich unterstützen. Und auch die Piloten hören mir über Funk zu und können mich auf etwas aufmerksam machen, das ich selbst nicht bemerkt habe. Das kam schon ein-, zweimal vor. Sicherlich habe ich aber auch Fehler gemacht, die nie bemerkt wurden. Fehler, die nicht schlimm waren. Und trotzdem waren es Fehler. Hätte es jemand bemerkt, hätte ich vielleicht so wie die drei Fluglotsen vor Gericht dafür belangt werden können.

Das heisst, wer ein Fehler macht, landet auf der Anklagebank?

Bisher war das nicht so. Gerade weil unser Beruf äusserst komplex ist und eine zuverlässige Flugsicherung unerlässlich ist, braucht es eine gute Fehlerkultur. Das heisst, wenn Fehler passieren, müssen diese besprochen werden. So dass allfällige Sicherheitslücken und Defizite entdeckt und sofort geschlossen werden können.

Wie funktioniert diese Fehlerkultur?

Diese speziell für die Luftfahrt entwickelte Fehlerkultur wird «Just Culture» genannt. Sie stützt sich auf eine Verordnung der EU und wird auch in allen anderen europäischen Ländern praktiziert. Mit «Just Culture» sind alle aufgefordert, freiwillig jene Ereignisse zu melden, welche die Sicherheit betreffen. Wer sich meldet, soll allerdings keinen Nachteil erfahren und weder abgemahnt, bestraft oder gar entlassen werden. Vielmehr geht es darum, dass offen über Fehler gesprochen werden kann, damit wir daraus lernen können. Dies betrifft allerdings nur Handlungen die nicht mutwillig oder grob fahrlässig zu einer Gefährdung geführt haben. Es geht also nicht um Immunität für Fluglotsen – ganz im Gegenteil.

Der Arbeitsplatz von Stefan Lischka im Tower des Flughafen Zürich.

Der Arbeitsplatz von Stefan Lischka im Tower des Flughafen Zürich.

Und das hat funktioniert? 

Ja, bis jetzt schon. Wir haben unsere Fehler dokumentiert und gemeldet. Wir wissen ja, wie elementar «Just Culture» für unseren Job ist. Und solange die Fehler nicht vorsätzlich waren und kein Unfall passiert ist, mussten wir keine negativen Konsequenzen fürchten. Aber das hat sich jetzt geändert.

Warum? 

Ehrlich gesagt stehen wir vor einem Rätsel. Vor diesen drei Gerichtsfällen gab es, zumindest in Zürich, keine vergleichbaren Prozesse. Natürlich standen Fluglotsen in der Vergangenheit schon vor Gericht. Das war allerdings immer dann, wenn es zu Unfällen oder Beinahe-Unfällen gekommen ist.

Wie sieht das in anderen Ländern aus? Kämpfen dort Fluglotsen mit ähnlichen Problemen?

Der grosse Unterschied ist, dass in anderen Ländern das Unternehmensrechtsprinzip gilt. Das heisst, dass bei einem Fehler nicht der Fluglotse, sondern die Firma haftet. Ausser der Fehler passierte vorsätzlich oder grob fahrlässig. Dann kann auch der Lotse selbst verklagt werden. In der Schweiz ist das anders. Der Straftatbestand «fahrlässige Störung des öffentlichen Verkehrs» wird an einer Person festgemacht und nicht an der Firma.

Stefan Lischka über Fluglotsen vor Gericht

Stefan Lischka über Fluglotsen vor Gericht.

An diesen Gesetzen hat sich allerdings nichts geändert. Und trotzdem stehen jetzt mehr Fluglotsen vor Gericht. 

Das stimmt. Ich weiss nicht, warum die Staatsanwaltschaft plötzlich ein so vitales Interesse daran hat, uns auf die Anklagebank zu bringen. Störend ist für uns, dass die Untersuchungsbehörde, die unsere Fehlermeldungen analysiert, die Abschlussberichte immer auch an die Staatsanwaltschaften sendet. Das ebenfalls eine Besonderheit der Schweiz. In anderen Ländern dürfen diese Berichte nur dafür verwendet werden, die Sicherheit zu verbessern. Das Paradoxe für uns Fluglotsen ist also, dass wir Fehler melden müssen, um damit das Fliegen sicherer zu machen und uns dann die Staatsanwaltschaft einen Strick daraus drehen kann.

Und was bedeutet das für Sie? Man meldet ja kaum Fehler, wenn man weiss, dass man dafür im Gefängnis landen kann. 

Das ist ja das grosse Problem. Grundsätzlich sind wir gesetzlich dazu verpflichtet, alle besonderen Ereignisse zu melden. Mit den drei Gerichtsprozessen steht die Grundvoraussetzung von «Just Culture» auf der Kippe. Diese Fehlerkultur funktioniert nur, wenn man nicht befürchten muss, bestraft zu werden. Wenn ich Angst habe, dass nächste Woche der Staatsanwalt mit einem Strafbefehl vor der Tür steht, überlege ich es mir zweimal, ob ich meine Fehler wirklich melden möchte.

Wie wirkt sich das auf Ihren Job aus? 

Es herrscht viel Unruhe in der gesamten Belegschaft. Wir sprechen fast täglich über die Prozesse. Noch ist keiner der drei Fälle rechtskräftig. Wenn nun aber bald ein negatives Bundesgerichtsurteil vorliegt, haben wir einen Präzedenzfall. Darum besteht die Angst, dass dann die Untersuchungen und die Gerichtsprozesse noch mehr zunehmen könnten.

Was heisst das konkret? Was sind die Konsequenzen, wenn das erste rechtskräftige Urteil kommt? 

Dann hiesse das, dass Fluglotsen keine Fehler machen dürfen. Das wiederum würde bedeuten, dass wir unseren Job, so wie wir ihn heute machen, nicht mehr ausüben könnten. Gleichzeitig mehrere Aufgaben zu bewältigen, ginge nicht mehr. Dann können wir vielleicht nur noch die Hälfte des Verkehrs abwickeln. Das hätte einen extremen Einfluss auf die Kapazität des Flughafens Zürich.

Stefan Lischka: «Wir Fluglotsen haben Angst, dass es noch mehr Gerichtsprozesse geben wird.»

Stefan Lischka: «Wir Fluglotsen haben Angst, dass es noch mehr Gerichtsprozesse geben wird.»

Die Belastung ist ja sowieso schon hoch. Es gibt immer mehr Flüge, im Sommer kommt es schon jetzt oft zu Verspätungen... 

Klar, der Druck von Aussen wird grösser. Eigentlich ist unser Ziel, alles bestmöglich und sicher abzuwickeln. Heute kommen immer mehr Bedürfnisse verschiedenster Nutzer dazu und dies, obwohl die Kapazität im Luftraum Zürich bereits ausgereizt ist. Dann wird erwartet, dass wir doch noch drei Flieger mehr starten lassen sollen und fünf Flieger mehr landen müssen.

Ist es so denn überhaupt noch sicher zu fliegen? 

Ja. Denn jeder von uns hat eine grosse Eigenverantwortung und weiss genau, wo die Grenze der Belastung liegt. Und wenn es mal nicht mehr geht, wenn einfach zu viel gleichzeitig los ist, dann kommt es halt zu Verspätungen. Wir bitten daher alle betroffenen Passagiere um Verständnis dafür, denn das ist die Konsequenz dafür, dass es sicher bleibt.

Welche Lösungen gäbe es für die Probleme am Flughafen Zürich? 

Für mehr Sicherheit müsste man die kreuzenden Flugpisten eliminieren. Das hiesse in erster Linie, dass die Flugzeuge, die ab der Startpiste 16 fliegen, nach dem Abheben länger geradeaus fliegen dürfen. Konkret würde das bedeuten, dass es mehr Flüge direkt über die Stadt Zürich gäbe. Und das ist politisch ein heisses Eisen.

Die Flugpisten am Flughafen Zürich.

Die Flugpisten am Flughafen Zürich.

Die Fluglotsen sind derzeit grossem Druck ausgesetzt. Warum mögen Sie Ihren Job trotzdem? 

Ja, das klingt jetzt alles sehr negativ. Aber eigentlich mag ich meinen Beruf sehr. Das Besondere daran ist, dass die Arbeit jeden Tag eine neue ist. Ich komme morgens nie an meine Position und mache dort weiter, wo ich am Abend aufgehört habe. Jeden Tag ist das Wetter anders, die Flüge kommen nie gleich, die Konstellationen sind verschieden. Diese Herausforderung gefällt mir. Es ist ein befriedigendes Gefühl, wenn man sich so intensiv konzentrieren muss und dann am Schluss das Ergebnis sieht und alle sicher gelandet sind.