Viele Flüchtlinge, die in der Schweiz Zuflucht suchen, haben eine gute Ausbildung genossen. Sie sind qualifizierte Arbeitskräfte. Die Jungen müssen aber oft ihr Studium unvollendet zurücklassen. Angekommen in der Schweiz können sie nur eines tun: warten. Bis sie aufgenommen werden, dürfen sie weder arbeiten noch eine Ausbildung machen.

Diese Erfahrung hat auch Shirin* gemacht: 2010 flüchtete sie mit ihren Schwestern aus dem Iran in die Schweiz. «Das war schon schwierig. Man lässt alles zurück, packt ein paar Sachen in einen Rucksack und weg», erzählt sie und fährt sich durch die schulterlangen Haare. Ihre Heimat verliess sie als politisch Verfolgte: «Wir hatten viele Probleme dort.» Über die Hintergründe schweigt sie lieber: «Die Geschichte ist für mich fertig.»

Uni akzeptiert Matura nicht

Hier in der Schweiz will die heute 30-Jährige ein neues Leben anfangen. Und ihr Studium fortsetzen. Doch sie wird an keiner Universität zugelassen. Auch existieren keine Programme, die akademische Flüchtlinge unterstützen und ins Unileben integrieren.

Anders ist es bei unseren nördlichen Nachbarn: Mehrere Projekte an deutschen Hochschulen kümmern sich um deren Interessen. Obwohl die Unis bereits mit deutschen Studenten völlig ausgelastet, fast schon überfüllt sind. Die Studiengebühren wurden fast im ganzen Land abgeschafft. Deutsche wie auch ausländische Studierende bezahlen nur die Semesterbeiträge. Da sich dies viele Flüchtlinge aber trotzdem nicht leisten können, wurden spezielle Programme lanciert: Der Online-Universität «Wings University» haben sich weltweit rund 60 Universitäten angeschlossen.

Das Projekt will eine sinnvolle Beschäftigung bieten und gleichzeitig einen Beitrag für die Heimat der Asylsuchenden leisten. Denn je mehr sie hier lernen, umso besser können sie später ihr Land wiederaufbauen. Videos von Vorlesungen und Unterlagen sind online abrufbar, kostenlos natürlich. Wer sich anmeldet, hat jederzeit Zugang: Sei es vom Laptop im Flüchtlingsheim, vom Smartphone im Zug oder vom Computer im Internetcafé. Die Nachfrage ist riesig, wie der Gründer und Psychologiestudent Markus Kressler gegenüber dem «Spiegel» sagt. Über 3000 Anmeldungen seien eingegangen. Bald starten die ersten Kurse.

Eine etwas andere Stossrichtung verfolgt die Universität Bremen mit «In Touch»: Flüchtlinge dürfen als Gasthörer an Veranstaltungen teilnehmen. Ihr Aufenthaltsstatus spielt keine Rolle. Einzige Voraussetzungen sind: Die Teilnehmenden haben in ihrem Heimatland bereits eine Hochschule besucht und verfügen über gute Deutsch- oder Englischkenntnisse. Für jede besuchte Vorlesung und jedes Seminar erhalten sie ein Zertifikat.

Voneinander profitieren

An der Universität Frankfurt haben zwei Studentinnen 2014 das Programm «Academic Experience Worldwide» (AEW) auf die Beine gestellt: Die Austauschplattform veranstaltet Seminare für interessierte Flüchtlinge und bringt sogenannte «Tandems» zusammen: Ein deutscher Student und ein Flüchtling treffen sich regelmässig und tauschen sich fachlich aus, wie Merle Becker erzählt. Gemeinsam mit Melusine Reimers hat sie das Projekt AEW ins Leben gerufen: «Uns ist es wichtig, das Bild des Flüchtlings zu verändern und aufzuzeigen, dass das Menschen sind, die hier ankommen», sagt die Studentin. Sie wollen den Menschen helfen, sich in der deutschen Uni- und Arbeitswelt zurechtzufinden. Ausserdem könne man viel voneinander lernen.

«Ich hätte gerne an einem solchen Projekt teilgenommen. Vor allem am Anfang, da sass ich nur rum», erzählt Shirin in fast perfektem Hochdeutsch. Doch hierzulande sucht man vergeblich nach solchen Angeboten, wie eine Nachfrage der «Nordwestschweiz» zeigt. An der Universität Basel gibt es keine «Sonderprogramme», denn bis jetzt bestehe keine Nachfrage.

Auch an den Universitäten in Bern und Zürich wird zurzeit nichts Vergleichbares angeboten. Evelyn Brönnimann, Medienverantwortliche der Universität Zürich, sagt: «Geflüchtete Studierende können sich für ein Studium bewerben und die Dienstleistungen der Beratungsstellen in Anspruch nehmen.» Betreffend Finanzierung, Studium und psychologische Betreuung würde man sich dort um diese Personen kümmern. Auch dürften sie als Gasthörer an Vorlesungen und Seminaren teilnehmen.

Doch auch mit der Aufenthaltsbewilligung wird es nicht einfacher. Shirin erfährt das am eigenen Leib: Im Iran hatte sie drei Jahre des Studiums in «Englisch-Übersetzung» hinter sich. Nur ein Jahr fehlte bis zum Bachelor. In der Schweiz fängt sie von vorne an. Sie interessiert sich für die Unis in Zürich, Bern und Freiburg. Eine Anlaufstelle für Flüchtlinge wie sie gibt es nicht. Sie wird selbst aktiv: Persönlich geht sie bei den Unis vorbei und informiert sich über ihre Möglichkeiten. Bis sie merkt, dass sie gar keine hat: Die iranische Matura wird nicht akzeptiert. Alle verlangen die Schweizerische.

Unmöglich für Shirin: «Vor 12 Jahren habe ich meine Matura gemacht. Ich würde die Prüfungen nicht einmal im Iran nochmals bestehen. Wie soll ich das hier schaffen?» Das Unistudium muss sie also von ihrer Wunschliste streichen.

Die nächste Möglichkeit: ein Fachhochschulstudium. Der «Bachelor für Angewandte Sprachen» an der Fachhochschule in Winterthur soll es sein. Mit ihrem Englisch-Studium im Iran und dem Sprachdiplom in Deutsch hat sie gute Voraussetzungen dafür, könnte man meinen. Doch es reicht nicht: Shirin müsste drei Sprachen beherrschen. «Ich kann Persisch, Englisch und Deutsch. Aber Persisch wird nicht akzeptiert.» Ein weiterer Wunsch, den Shirin von ihrer Liste streichen muss.

Nächster Versuch: das Studium «Wirtschaftsinformatik» an der Höheren Fachschule für Wirtschaft in Zürich. Shirin beginnt 2014. Es ist berufsbegleitend, das gefällt ihr. Sie will ihren Lebensunterhalt selbst verdienen. Leichter gesagt als getan: «Mehr als 50 Bewerbungen habe ich verschickt», sagt sie. Keine einzige Zusage. Sie blickt zu Boden, es scheint ihr unangenehm. Sie besteht am Semesterende alle Prüfungen, ausser Mathematik. Aber sie weiss: Findet sie nicht bald Arbeit, muss sie es abbrechen.

Der Druck wird Shirin zu viel. Eine Alternative muss her. Aufgeben liegt nicht in ihrer Natur. Also bewirbt sie sich an einer Höheren Fachschule. Shirin bleibt optimistisch: «In meiner Heimat habe ich studiert. Das wollte ich hier auch. Zuerst an der Uni, dann an der Fachhochschule, dann an der Höheren Fachschule und jetzt mach ich halt eine Ausbildung.»

* Name geändert