Uthaya Viswanathan hält den zehn Wochen alten Nilo im Arm, der unter Koliken leidet und lauthals schreit. Sie tröstet und wiegt ihn, wie sie es früher mit ihren eigenen Kindern gemacht hat. Die sind längst Teenager. Heute kümmert sich die 41-Jährige um Nilo und seinen grösseren Bruder Ilian – als Tages-Au-pair bei der Familie Stalder in Herrenschwanden. Ein- bis zweimal in der Woche hilft die Tamilin bei der Kinderbetreuung und im Haushalt. «Sie ist eine grosse Entlastung für mich», sagt Tina Stalder. Sie schätze vor allem die grosse Erfahrung, die ihr Tages-Au-pair als Mutter von drei Kindern mitbringe. Deshalb habe sie auch gleich grosses Vertrauen in sie gehabt. 

Viswanathan ist 1997 in die Schweiz gekommen, «um zu heiraten». Ihren Mann kannte sie nur von einem Foto. Ihre ganze Familie ist wegen des Bürgerkrieges aus Sri Lanka geflüchtet. Nach der Heirat hat sie sich während zehn Jahren ausschliesslich um Kinder und Haushalt gekümmert. Erwerbstätig war sie bisher temporär. Deutsch kann sie erst seit einigen Jahren. «Ich hatte kaum Zeit dafür, die Familie hat mich gebraucht.» Vor einem Jahr stiess sie bei der Suche nach einem Sprachkurs auf den Verein «Tages-Au-pair Bern».

Der Verein vermittelt seit 2013 Migrantinnen mit Ausweis F und N an deutschsprachige Haushalte. Die Tages-Au-pairs sind bei den Familien im Praktikumslohn angestellt. Der Verein erhält für die Vermittlung eine monatliche Pauschale von den Familien, womit Administration sowie Buchhaltung finanziert werden – und Kurse. Im Berner Quartier Bümpliz bietet der Verein Deutschkurse für die Tages-Au-pair-Frauen an. Zusammen mit Eritreerinnen, Somalierinnen und Marokkanerinnen drückt Viswanathan jeden Montag die Schulbank.

Sprache und Selbstbewusstsein

«Die Migrantinnen, die zu uns kommen, müssen wir psychisch oft zuallererst aufbauen», sagt Vera Surenthiran Adler, Vorstandsmitglied und Kursleiterin von Tages-Au-pair. Es gehe darum, dass sich die Frauen überhaupt einen Job zutrauen. «Ihnen fehlt es vor allem an Sprachkenntnis und Selbstbewusstsein», sagt Surenthiran Adler. Die Rückmeldungen seien von beiden Seiten positiv und «bisher hat jede Vermittlung geklappt».

Aber auch wenn die Migrantinnen bei ihrem Einsatz in Schweizer Familien erste Schritte in Richtung Erwerbstätigkeit wagen, ist der Arbeitsmarkt für die meisten noch weit weg. Damit die Frauen aus prekären Jobverhältnissen aussteigen oder überhaupt richtig einsteigen können, bietet der Verein neu Kurse für Bewerbungen und Jobcoaching an. Viswanathan schreibt gerade viele Bewerbungen. «Ich möchte gerne in meinem Beruf arbeiten», sagt die gelernte Köchin. Nun warte sie auf Antworten.

Rasch eine Beschäftigung

«Eine Beschäftigung ist für Flüchtlinge extrem wichtig und entscheidend für ihren weiteren Lebensweg», sagt Dominik Wäfler. Er leitet den Bereich Kollektivunterkünfte bei der Heilsarmee-Flüchtlingshilfe. Aus seiner Sicht, wäre es am besten, dass seine Klienten so schnell wie möglich mit einer Arbeit beginnen könnten. Der Inhalt der Tätigkeit sei dabei weniger wichtig. «Die Leute machen es gerne, denn es gibt ihnen Tagesstruktur und das Gefühl, gebraucht zu werden.» Dennoch appelliert Wäfler daran, die Integration von Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen mit einem realistischen Blick anzugehen. «Im ersten Schritt geht es schlichtweg darum, Sprache und Kultur kennen zu lernen.»

Ähnlich sieht es auch Roland A. Müller, Direktor des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes. «Man darf das Potenzial der Flüchtlinge nicht überschätzen. Zuerst müssen sie Qualifikationen erwerben, um überhaupt fit zu sein für den Arbeitsmarkt», betont Müller. Neben der Sprache ist es für ihn unerlässlich, dass Flüchtlinge die Schweizer Kultur verinnerlichen und sich Tugenden wie Pünktlichkeit, Sauberkeit und Fleiss aneigneten. Dazu kommt noch, dass viele keine gleichwertige Grundschulbildung haben. Es werde viel erwartet, denn Flüchtlinge müssten quasi alle Defizite mit einem Schlag aufholen: Sprache, Schul- und Berufsbildung.

«Das ist sehr komprimiert, das muss man sorgfältig angehen», sagt Müller. Möglich sei ein Anfang mit der so genannten Flüchtlingslehre, die der Bundesrat im vergangenen Dezember lanciert hat.

Für den Wohlstand arbeiten

Zwei Drittel aller Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommenen sind heute arbeitslos. Laut Bundesamt für Statistik BFS sind 83 Prozent Sozialhilfebezüger. «Das muss sich schnellstens ändern, das sind vor allem junge Männer, die in den Asylzentren herumsitzen, statt arbeiten zu können», sagt der frühere Preisüberwacher und SP-Urgestein Rudolf Strahm. «Man kann bei uns nicht am Wohlstand teilhaben, ohne zu arbeiten. Das müssen die Flüchtlinge gleich nach ihrer Ankunft begreifen und nicht erst nach vier Jahren», sagt er.

Die Integration laufe in der Schweiz seit je über den Arbeitsmarkt, man habe dies jedoch in den letzten Jahren schleifen lassen. Deshalb fordert er Beschäftigungsprogramme in den Kantonen und Gemeinden. Strahm kritisiert auch den Finanzierungsmodus: «Bisher zahlte der Bund den Gemeinden während fünf Jahren die Kosten für die Sozialhilfe im Asylbereich zurück, bei vorläufig Aufgenommenen sogar sieben Jahre. Danach steigt schlagartig die Kurve der Erwerbstätigkeit an, weil häufig erst dann die Gemeinden aktiv werden.»

Die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe Skos schätzt, dass pro Jahr etwa 5000 Flüchtlinge einen einjährigen Berufseinstiegskurs absolvieren sollten, der pro Person rund 25 000 Franken kostet. «Angesichts der milliardenschweren Kosten im Asylbereich und den Langzeitfällen in der Sozialhilfe sind diese Aufwendungen relativ gering», sagt Strahm. Zudem würden sie später aufseiten der Sozialhilfe gespart werden – zirka 30 000 Franken kostet ein Flüchtling pro Jahr.

Ikea verspricht eine Referenz

Neben den Kursen braucht es auch direkte Einstiegmöglichkeiten via Praktikum, wie dies Ikea dieser Tage bei einem Pilotprojekt in seiner Filiale Spreitenbach startet. Dabei werden in jeder Filiale pro Halbjahr zwei Migranten eingestellt, die in der Logistik, in der Gastronomie und – wenn es die Sprachkenntnisse erlauben – auch in Bereichen mit direkten Kundenkontakten arbeiten werden. «Wenn es für beide Seiten passt, würden wir die Praktikanten nach Möglichkeit weiterbeschäftigen», sagt Mediensprecher Aurel Hosennen. Einen weiteren Aspekt verspricht Ikea: «Ein Praktikant bekommt bei uns am Ende im Minimum eine Referenz.» Denn bevor ein Schweizer Arbeitgeber jemand neues einstelle, möchte er sich bei seinem Vorgänger über seinen potenziellen Mitarbeiter informieren.

Auch andere Firmen bieten Möglichkeiten für Flüchtlinge, so etwa Caran d’Ache, die Migros und Planzer. Das Transportunternehmen beschäftigt seit November Migranten und will sie auch zu Lastwagenfahrern ausbilden.

In der Landwirtschaft werden seit vergangenem Mai ebenfalls Flüchtlinge eingesetzt – bei einem Projekt von Bund und Bauernverband. Präsident Markus Ritter zieht im «Blick» eine positive Zwischenbilanz: «Flüchtlinge auf dem Hof – das funktioniert tipptopp.» Allerdings, so Ritter, könne die Landwirtschaft nicht Zehntausende Flüchtlinge aufnehmen.

Wirtschaft braucht Fachkräfte

Insgesamt aber passiert vonseiten der Wirtschaft noch wenig. Obwohl ein Drittel der Schweizer Unternehmen grundsätzlich Flüchtlinge einstellen würde. Dies zeigt eine Umfrage des Arbeitgeberverbandes. Verbandsdirektor Müller hält das nicht nur für blosse Lippenbekenntnisse. «Es geht nicht um die Schaffung von Sozialstellen,» sagt er.

Beschäftigungsmöglichkeiten sieht der Arbeitgeberpräsident bislang in den niedrig qualifizierten Branchen, Bau, Reinigung, Gastronomie und Pflege. Allerdings brauche der Wissens- und Werkplatz Schweiz vor allem auch mehr höher qualifizierte Fachkräfte. Dies betont auch die Skos in ihrem Bericht «Arbeit statt Sozialhilfe»: «Die Wirtschaft braucht Fachkräfte, unqualifizierte Stellensuchende sind bereits heute vielfach arbeitslos.»