Sie sind jung, motiviert und verfügen zumeist über eine Ausbildung oder Berufserfahrung aus ihrer Heimat. Und doch haben viele anerkannte Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene grosse Mühe, im Schweizer Arbeitsmarkt Fuss zu fassen.

Auch zehn Jahre nach ihrer Einreise ist die Hälfte von ihnen auf Sozialhilfe angewiesen. Das ist teuer und paradox, denn gleichzeitig klagen Branchenvertreter über einen Fachkräftemangel. Sie holen Zehntausende von ausländischen Arbeitskräften ins Land – was dem Verfassungsziel widerspricht, das eine Reduktion der Zuwanderung verlangt.

1000 Flüchtlinge pro Jahr

Nun will das Parlament das brachliegende Potenzial von Flüchtlingen besser nutzen. Nach dem Nationalrat hat gestern auch der Ständerat gegen den Widerstand der SVP eine entsprechende Motion von der Schaffhauser SP-Nationalrätin Martina Munz angenommen und an den Bundesrat überwiesen. Der Entscheid fiel mit 29:9 Stimmen bei drei Enthaltungen.

Beim Bundesrat rennt das Parlament damit offene Türen ein. Justizministerin Simonetta Sommaruga stellte an die Adresse der SVP klar: Auch für vorläufig Aufgenommene, die häufig längere Zeit in der Schweiz bleiben würden, sei eine schnellere Integration in den Arbeitsmarkt erwünscht.

Die SP-Magistratin setzt auf eine Integrationsvorlehre. Anerkannte Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene sollen rasch Sprachkenntnisse erwerben, fachlich geschult und mittels Praktika in die Schweizer Arbeitsrealität eingeführt werden. 1000 Flüchtlinge pro Jahr sollen so für den ersten Arbeitsmarkt fit gemacht werden. Kostenpunkt für das vierjährige Pilotprogramm ab 2018: 54 Millionen Franken.

Eine solche Ausbildungsoffensive ist einmalig. Sie orientiert sich an Initiativen, die in geringerem Ausmass bereits ergriffen wurden. So der sogenannte «Riesco-Lehrgang», welcher auf alt Bundesrat Christoph Blocher zurückgeht. Ein einjähriger, praxisorientierter Lehrgang ermöglicht Flüchtlingen den Eintritt in den Schweizer Arbeitsmarkt. Nach einem erfolgreichen Pilotversuch in der Gastronomie in den Jahren 2006 und 2007 wurde das Angebot zwischenzeitlich auf die Bereiche Gebäude- und Automobiltechnik ausgeweitet.

Erich Meier, Rektor der Technische Fachschule Winterthur, zieht eine positive Bilanz: «Bis jetzt konnten wir immer für alle zwölf Kursteilnehmer pro Jahr zwei Praktikumsplätze finden», sagt Erich Meier. «Nach den ersten drei Lehrgängen fanden 80 Prozent eine Stelle im Arbeitsmarkt.» Er rät aber zur Besonnenheit: Einheimische Schulabgänger dürften nicht durch Flüchtlinge verdrängt werden. Die Zahl von 1000 Flüchtlinge pro Jahr ist für ihn aber realistisch. «Durch die abnehmende Zahl an ausbildungswilligen Schulabgängern nimmt die Nachfrage an Lehrstellen ab», sagt er.

Kultur als Hindernis

Die grösste Integrations-Hürde ortet Meier in der Anpassung der Flüchtlinge an die hiesigen Gepflogenheiten: «An unsere Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit müssen sie sich zuerst gewöhnen.» Ein weiteres Element sei die Fachsprache und die Eignung für die Branche: «Nicht jeder eignet sich für eine Lehre als Automechaniker.» Eine gute Vorselektion sei zentral. Auch erfolgt die Ausbildung nicht zum Nulltarif. 25 000 Franken kostet die einjährige Ausbildung. Zuerst muss also kräftig investiert werden.

«Die Integration braucht mindestens ein Jahr», betont Max Züst, Direktor von Hotel und Gastro Formation, der Ausbildungsinstitution für Hotellerie und Gastgewerbe. Viele Flüchtlinge trügen eine schwere Geschichte mit sich.